Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1893)
- Date
- 1893-03-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrg ang. Erste Berlage M M 21 -es „Israelit". Leitender Artikel. Kagadaß schet Uesach. Siebente Serie. II. Mainz, 8. März. .UH DH PN ZHP N^ DJ1ÖD PN Kb ]PJ ^N „Hätte uns Gott ihr Vermögen gegeben, hätte uns aber das Meer nicht auseinander gerissen, hätte uns das genügt?" Daß die Jahrhunderte hindurch Geächteten und Geknechteten ausgestattet mit dem Vermögen ihrer eigenen Zmingherren in die Freiheit zogen, war allerdings ein Beweis füc das Einschreiten Gottes zu Gunsten seines hilflosen Volkes. Aber dieser Beweis hat doch seine überzeugende Kraft nur für denjenigen, der von Gottes Vorsehung bereits durchdrungen ist. Ein solcher sieht ihr Walten in jedem Gewinn, in jeder Errungenschaft, die im täglichen Kampf ums Dasein jedem Kämpfenden zufällt. Aber wie viele mochten die Gotteshand, die hier gewaltet hat, verkannt haben; wie viele verkennen sie in ähnlicher Lage heute noch! — Welches Wunder, welches offenkundige, göttliche Wunder knüpft sich doch heute noch und heute vielleicht mehr als je, an die materielle Seite unseres Daseins, an die Art und Weise, mit der Millionen Menschen ihr Leben fristen, wie Gott Geld, Besitz und Vermögen dem einen entzieht und dem anderen es zuweist! Und wie viele, wie wenige unter diesen Millionen erhalten sich in diesem Kampfe um Erwerb und Besitz das Bewußtsein, daß Reichthum und Armuth Schickungen Gottes sind! Bedarf es doch erst der Erinnerung des Weisesten der Weisen, daß, wenn Reiche und Arme sich auf ihrem Lebenswege treffen, d. h. wenn die einen hingehen, wo die anderen Herkommen und sie so in dem ewig fortdauernden Schicksalswechsel die Rollen tauschen, daß es Gott, und Er allein es ist, der dies alles bewirkt? '"i nbx nany mmd: am nnpy (Sprüche Salamonis, Cap. XXII, V. 2.) NDU NbDD P'DN TOn? piDV HDD JUU DIN PN, „Keiner erlangt von dem, was dem anderen bestimmt ist, auch nur ein Haarbreit", lehren in diesem Sinne unsere alten Weisen. Aber trotz der Jahrtausende, die mit millionenfachen Beweisen für diese Wahrheit zeugen, will es unsere heutige Anschauung nicht glauben. Sonst würden die Kinder unserer Zeit sich nicht mit solch rücksichtsloser Weise, mit Dreingabe ihres besseren Selbst in den Kampf für ihr Stück Brod stürzen, das füglich doch nicht von ihrer Energie, nicht von ihrem Witz und ihrem Raffinement abhängt, sondern das Gott allein Jedem zumißt! Wie wenig wird diese Wahrheit selbst bei uns, bei dem Volke erkannt, an dem sich die göttliche Vorsehung gerade nach dieser Seite hin so oft, so vielseitig, so glänzend erprobt hat und noch täglich erprobt! Wären wir von der Ueberzeugung durchdrungen — ddid otd nb — daß nicht in unserer Hand unser Lebensglück liegt, daß unsere Hand rastlos und doch erfolglos ringen und kämpfen kann, daß aber Gottes Vaterhand sich nur zu öffnen braucht, um alles Lebende nicht durch Streit und Hader, durch Coucurrenz- und Klassenkampf, sondern mit liebendem Wohlwollen zu sättigen, wie müßte unser ganzes Leben davon anders Zeugniß ablegen, als es thatsächlich geschieht! Dann könnte keine Macht der Welt einen jüdischen Mann bewegen, seinen Sabbat zu brechen, d. h. das Zeichen mit Füßen zu treten, durch das Gott eben erkennen und kund thun will, daß wir die Seinen sind! Dann würde der jüdische Geschäftsmann vor dem bloßen, ungeheuerlichen Gedanken zurückschrecken, durch Verleugnung der Satzungen des Gottesgesetzes, durch Uebertretung z. B. der Ribbis-Gesetze oder durch Verletzung der Speisegesetze sein Leben fristen, die Mittel zum Leben sich schaffen zu wollen. Unsere Weisen lehren, wer täglich dreimal den 145. Psalm — *rr6 r6nn — betet, dürfe sicher sein, ein Kind der künftigen Welt zu werden. — Wenn die Fülle von Wahrheiten dieses Psalms und die tägliche Durchdringung von ihnen das Leben der kommenden Welt anbahnt und sichert, so möchten wir hinzufügen, daß der eine Satz dieses Psalms, psn 'kl W? yna'Di -jt pn npis, „Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende mit Wohlwollen" und seine Beherzigung genügt, um uns in dieser Welt bereits einen Vorgeschmack der künftigen empfinden zu lassen. Wer, bevor er sich zu seinem Tagewerk rüstet und mitten in ihm stehend, wer früh und spät sich immer neu die alte Wahrheit vergegenwärtigt, daß Gott nur seine Hand zu öffnen braucht und die Sorge um Fristung des täglichen Lebens ist verscheucht, alle Lebenden werden gesättigt durch das Wohlwollen Gottes, der hat den Dornen- und Distelfluch überwunden, unter dem die Menschheit seufzt, seitdem sich die Pforten des Paradieses geschlossen haben, dem verwandelt sich die Wüste in ein Eden und die kahlste Steppe in einen Gottesgarten ohne Rücksicht darauf, wie viele oder wie wenige Früchte ihm gerade aus diesem Garten zufallen. Dieses Bewußtsein macht alle von ihm