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Der Israelit · 1893-02-27 · Heft 17 (27.2.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 17 (27.2.1893)
Date
1893-02-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 17 des „Israelit". Leitender Artikel. Woran uns Purim mahnt. Mainz, 24. Februar. Purim ist wohl das einzige Fest, welches nicht nach dem heiteren Ausgang der geschichtlichen Ereignisse, die es zn verewigen bestimmt ist, seinen Namen trägt, sondern das durch seine bloße Benennung den kritischsten Moment aus den trüben, bangen Tagen der Gefahr zur unverlöschlichen Erinnerung festhält. Der bloße Name Purim, d. h. Loosfest, greift den Moment zum ewigen Gcdächtniß heraus, in welchem der Kanzler des großen persischen Weltreichs über Leben und Tod blind würfelt und durch das Loos Tag und Stunde entscheiden läßt, wann das gesammte Gottesvolk von der Erde vertilgt werden soll. Was thaten unsere Väter in jener schweren Zeit, um die Gefahr abzuwenden? Erließen ihre Rabbiner Erklärungen, Proklamationen, Proteste, um ihr Judenthum zu rechtfertigen? Richteten sie eine Adresse an König Ahasveros mit der Bitte um Schutz gegen diese Angriffe? Schrieben sie Broschüren, in welchen der Gründung von Vereinen das Wort geredet wurde, die mit geeinten Kräften für ihre angetasteten Menschen- und Bürgerrechte eintreten sollten? Nichts von alledem weiß unsere Purimrolle zu berichten. Der einzige Rath, den Esther durch Mordochai ihrem Volke ertheilen läßt, lautet: 101x1 jetibg d’nsdjh O'Yrm ba r« m» Tryji ’jn dj D'm rb'b d'D’ nv'iw inen bw .p oiyx „Gehe sammle alle Jehudim, die sich in Schuschan finden und fastet meinetwegen; esset und trinket nichts drei Tage, Nacht und Tag, auch ich mit meinen Mädchen will so fasten u. s. w." (Esther IV, 16.) In Tagen schweren Verhängnisses Fasttage anzuordnen, war seit undenklichen Zeiten nuaw wma» Sitte und Gepflogenheit unserer auch im Unglück großen Ahnen. Wie weit müssen wir uns von ihrer erprobten und tausendfach bewährten Lebensanschauung entfernt und entfremdet haben, wenn keiner von denen, welchen das Weh der Zeit zu Herzen geht, der Befolgung dieses Beispiels öffentlich das Wort redet! Vielleicht hat diejenigen geistlichen Führer, denen das Vorbild und Beispiel der Väter unverbrüchliche Norm ihres Lebens ist, bis jetzt die gene vor der großen Zahl von Commilitionen zurückgehalten, welche diese Lebensanschauung als eine überwundene Thorheit belächeln. Diejenigen Rabbiner, welche sich in Synoden und Rabbinerversammlungen von der Kanzel und vom Katheder offen und entschieden über Talmud und Schulchan Aruch hinweggesetzt haben, eignen sich allerdings schlecht dazu, dem Beispiele unserer verfehmten Altvorderen gemäß n'jyn inj zu sein. Aber das hat alles jetzt aufgehört. Es gibt ja heute kerne religiösen Differenzpunkte mehr innerhalb des deutschen Rabbinerstandes. Was sie bis jetzt schied, war die Frage über die Verbindlichkeit des jüdischen Religionsgesetzes wie es in Bibel, Talmud und den Schriften der maßgebenden späteren Decisoren niedergelegt ist. Nachdem aber 214 deutsche Rabbiner vor aller Welt erklärt haben: „Der Talmud ist als die Quellenschrift für die Auffassung des biblischen Worts und für dieKenntniß, die Geschichte und die Begründung des überlieferten Religionsgesetzes zu betrachten" und sich so auf den Boden des Talmud rückhaltlos gestellt haben, jetzt wird sie nichts mehr zuzurückhalten, dem Leben und der Lehre, wie sie der Talmud vorschreibt, unverkürzt Rechnung zu tragen. — Wenn die That ihres Lebens mit den Worten ihrer feierlichen, öffentlichen Erklärung nicht in offenem Widerspruch stehen soll, werden sie zu jener Quelle, in welche sie so lange übermüthiger Weise Steine und Sand geworfen haben, jetzt zurückkehren und sie ihren Gemeinden zugänglich machen. Nach der Quellenschrift des Talmud ist die Nachahmung außecjüdischer Culte in unseren Gotteshäusern eine Profanirung derselben und Uebertretung eines biblischen Verbots, sie werden also ihre Orgellempel mit ihren gemischten Chören aufheben, sie werden einrichten und so dem rro yd’n steuern, in welchem ihre Gemeinden aufwachsen. Sie werden wieder ein kräftiges Wort haben für die Heilighaltung z. B. von Zizis und Tefillin und Sabbat, von denen auf der jüngsten Augsburger Synode ein Amtsbruder öffentlich erklärte, daß kein Mensch mehr an sie denkt, geschweige denn, sie als Gesetz ansieht!') Dies alles und noch viel mehr als das werden sie nachzuholen und wieder gut zu machen haben, wenn ihr Thun und Lasten nicht ihre eigenen Worte Lüge strafen soll. — Man mag über die Erklärung der deutschen Rabbiner denken, wie man auch immer wolle, auch derjenige, der an diesen Schritt keine sanguinischen Hoffnungen knüpft, wird sich mit ihr einverstanden erklären, wenn er diese r) Protokolle der Augsburger Synode. Seite 184.

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