Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1893)
- Date
- 1893-02-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448331--35802-2483803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
0 fi S’ XXXIV. Jahrgang. Beilage ju M 15 des „Israelit". Leitender Artikel. Wieder eine Iudendeöatte im Preußischen Abgeordnetenhaufe. Berlin, 18. Februar. Abg. Stöcker (kons-): Nach den Aeußerungen der öffentlichen Blätter hat Herr Rickert am vorigen Montag ein großes Gefecht gewonnen. Es war in meiner Abwesenheit. Ich gönne es ihm beinahe, einmal Recht zu haben, aber, awicu8 Rickert, magis amica verilas. Das Gutachten des Dr. Ecker im Judenspiegelprozeß war ein gerichtliches und wiffenschaftliches. Ecker soll sich ein Gutachten über ein Buch, welches Briemann geschrieben hatte, von Briemann haben machen laffen. Das ist der Vorwurf einer unverantwortlichen Gewissenlosigkeit gegenüber einem katholichen Gelehrten. Daß der Aron Briemann sich mehrmals hat taufen laffen, ist so ein Zeichen der Gewissenlosigkeit, welche auch bei Juden herrscht, die sich taufen laffen. In Bezug aus das oäinm geverm humani hat Herr Rickert seine Weisheit aus der „Nationalzeitung" geschöpft. Er hätte sich die „Frankfurter Ztg." ansehen sollen, welche den Dr. Trieber abfertigt (?? Red.) Tacitus bezeichnet die Christen allerdings mit diesem Worte, aber nur, weil er sie als ein jüdische Sekte kannte. Ebenso haben Herder und Treitschke die Sache aufgefaßt. Ich kann mich auch auf einen gewiß für Herrn Rickert einwandsfreien Zeugen auf Mommsen berufen, der die Stellung des Tacitus zum Judenthum dahin zusammenfaßte, daß die Juden ihm als der Abschaum der Menschheit erscheinen. Wenn diese Verhandlung in die Oesfentlichkeit kommt, wird die Siegesfanfare verklingen und das Judenthum wird sagen: Gott schütze mich vor meinem Freunde Rickert! Von der Erklärung der Rabbiner hatte Rickert ein Vorzugsexemplar, ehe die Sache in die Oeffentlichkeit kam: das ist bei seiner Stellung begreiflich. Herr Rickert meinte, die Erklärung werde ihren Eindruck nicht verfehlen. (Abg. Rickert: Auf Sie allerdings!) Die Erklärung hat gar keinen Eindruck gemacht. Die Rabbiner drücken sich um die Frage des Talmud herum. Der Judenspiegel sagt nach dem Schulchan Aruch, die Juden dürfen keinen Juden betrügen, aber dem Akum gegenüber ist es ihnen erlaubt, und Dr. Ecker stellt die Sache dahin richtig, daß dem Akum gegenüber es keine Uebervortheilung gibt. Abg. Rickert (freist). Ich würde über Herrn Dr. Ecker ebenso urtheilen, wenn er auch nicht katholisch wäre. Ich will über diese Sache nicht in dieser witzelnden Weise sprechen, wie Herr Stöcker; es kommen nach solcheu Reden des Herrn Stöcker immer Zuschriften aller Art an meine Adresse, zum Beispiel auch solche: wieviel ich eigentlich als General der Judenschutztruppe bekomme? Ich nehme an, daß diese Wirkung von Herrn Stöcker nicht beabsichtigt ist. Ich halte es für eine größere Ehre, die verfolgten Juden (Lachen rechts) . . . Ihr Gelächter zeigt, daß Sie gar keine Empfindung von christlichen Gewissen haben. (Zuruf des Abg. Kropatscheck: Was wissen Sie von christlichem Gewissen!) Ich halte mich für verpflichtet, mitzukämpfen daran, daß die Schmach unseres Jahrhunderts (Gelächter rechts) wieder beseitigt wird, daß die Bestrebungen, den Juden ihre verfassungsmäßig garantirten Rechte zu nehmen, nicht Erfolg haben. Ein Vorzugsexemplar der Erklärung der Rabbiner habe ich nicht erhalten; ich habe mehrere Exemplare zu derselben Zeit erhalten, wie die Redaktionen aller Blätter. Freilich dem Stöcker'schen „Volk" wird eine solche Erklärung wohl nicht zugegangen sein. Auf Herrn v. Wackerbarth scheint die Erklärung der Rabbiner Eindruck gemacht zu haben. Herr Stöcker spricht über den Talmnd und Schulchan Aruch, als ob er der belesenste Mann wäre in allen diesen Dingen. Ich berufe mich auf die Autoritäten. Daß Herr Dasbach die Sache aufgerührt hat, thut mir leid um so mehr, als das Centrum und hohe Würdenträger der katholischen Kirchen eine richtige Stellung in dieser Frage eingenommen haben. Ich soll mich auf einen unbekannten Mann berufen haben: ich habe mich auf einen katholischen Gelehrten Dr. Bickel berufen. In dem Prozeß Rohling contra Bloch hat die morgenländische Gesellschaft diesen Mann als erste Autorität angerufen. Der Brief ist abgedruckt in einem Buch oon Koppe, einem Katholiken „Zur Judenfrage" und ich habe auch eine beglaubigte Abschrift davon hier. Bickel bittet von dem Gutachten in dem Prozeß Rohling entbunden zu sein, weil er gegen Rohling urtheilen müßte, was ihm peinlich sei. Außerdem sei er im Talmud trotz seiner Studien nur Schüler. Freilich mache sich jetzt der Schwindel gelehrter Jndustrieritter auf diesem Gebiet breit; so habe sich ein strebsamer Privatdocent in Münster zum Gutachten gedrängt. Es fei leider ein Priester, der garnichts vom Talmud versteht. Zur Bestätigung hat er sich von einem bekehrten Juden ein Buch schreiben laffen, das er als sein eigenes ausgab, um darauf eine Profefforstelle zu erlangen. Herr Dasbach gibt selbst zu, daß Ecker Briemann als Lehrer benutzt habe. Bickel erklärt, daß Ecker vom Talmud und Schulchan Aruch nichts verstehe; Briemann habe den Versuch gemacht, ihn zu unterrichten, aber es bald aufgeben müffen, weil Ecker in die Geheimniffe des talmudischen Dialekts nicht einzudringen vermochte." Alle diese Dinge sind gedruckt und alle Anzapfungen hat Herr Ecker unbeantwortet gelaffen. Redner beruft sich ferner auf die Schrift des Profeffors Strack, der ein konservativer strenggläubiger Mann sei, deffen wiffenschaftliche Autorität von Niemandem in Zweifel gezogen wird. 1885 hat er ein Gutachten über Ecker abgegeben, indem er erklärte, daß Ecker nicht der geistige Vater des unter seinem Namen erschienenen Buches sein könne. Man könne nur schwanken, ob er parteiisch verfahren sei oder ob er ein Ignorant sei. Ohne Noth hat Herr Dasbach auch den Namen Rohling erwähnt, welchen Strack in seinem Buche als des Meineids und grober Fälschung angeklagt hat, welchem er ferner schimpfliche Unwiffenheit in der jüdischen Literatur vorwirft. Professor Strack wollte den Gerichten Gelegenheit geben, die Fälschung in dem famosen Flugblatt festzustellen. Wenn ein strenggläubiger evangelischer Theologe so weit geht, dann wird man anerkennen müffen, daß es sich nicht um blinde, persönliche Leidenschaft handelt, sondern um echten religiösen Gewiffensdrang, dem der wahrhaft religiöse Mann nicht widerstehen kann. An diesem wirklichen Prediger der christlichen Liebe sollte sich Herr Stöcker ein Beispiel nehmen. Herr Dasbach hat auch die Moral der jüdischen Bevölkerung verdächtigt. War das nöthig? Konnte er sich nicht begnügen mit der Erklärung der jüdischen Rabbiner? Diese Erklärung hätte auch ihm als gläubigen Christen eine Genugthuung gewähren müffen. Er sucht die Erklärung zu widerlegen und behauptet, daß doch die unsittliche Moral in den Gesetzbüchern vorkommt und daß sie noch heute maßgend sei. Die Behauptung des Herrn Dasbach, daß das Wort Akum sich auf Christen bezieht, ist längst als haltlos und nichtig nachgewiesen; ebenso ist nachgewiesen, daß der Ausdruck Akum im Schulchan Aruch von den Christen niemals gebraucht fei.