Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 14 (16.2.1893)
- Date
- 1893-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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rs. OC-** T* ■***< XXXIV. Jahrgang. jyb J^. Der Israelit. Ein Genlrat-Argan für das orthodoXe Zudenthum. Begründet von I>I Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 16. Februar 5653 (1893). Leitender Artikel. Wettfriede und Judentum. von Rabbiner Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). VIII. Viertes Kapitel. Ueber die Störung des Friedens. Die Störung des Friedens sowohl in der Familie als in der Gesellschaft wie auch der staatlichen Obrigkeit wird in Bibel und Talmud auf das strengste verurtheilt. Von Natur aus sind die Menschen ihrem Wesen nach verschieden von einander. Jeder ist gleichsam eine kleine Welt für sich in seinen Regungen, Empfindungen, Gefühlen; im Denken und Handeln, in den Meinungen und Ansichten, in den Interessen und im Geschmack gleichen sie nur selten Einer dem Andern. Blcibt sich doch oft der einzelne Mensch in seinem Wesen nicht immer gleich; was er heute billigt kann er morgcn schon verurtheilen, was ihm jetzt begehrenswerth scheint, kann er in Zukunft für verwerflich finden, wie kann man daher von so vielen eigenartigen Wesen verlangen, daß sie alle miteinander in allem übereinstimmend Das ist vom Standpunkte der Vernunft ganz unmöglich, und jeder vernünftige Mensch wird auch demnach die Meinungen und Anschauungen des Andern, und mögen dieselben noch so sehr mit den seinigen in Widerspruch sein, gelten lassen und respektiren. Die Verschiedenheit der Anschauungen hat für den Einsichtsvollen durchaus nicht Friedensstörung zur Folge, er kämpft sozusagen einen friedlichen, oft sogar heilsamen Kampf des Geistes, wo Argumente gegen Argumente ins Feld geführt werden, deren Ringen mit einander eine Klärung herbeiführen können, die von heilsamer Wirkung ist. Das ist aber nur solange, als der Kampf ein sachlicher, daher vernünftiger ist; sobald aber das Ausetnandergehen der Ansichten zu Vorwürfen persönlicher Art zu werden beginnt, hat die Vernunft aufgehört das Wort zu führen und die Leidenschaft tritt an ihre Stelle. Die Leidenschaft aber kennt kein Paktiren, sie nimmt keine Vernunft an, ist blind, zügellos, unbändig, sie läßt allmählich das Thier in dem Menschen die Oberhand gewinnen und reißt alles mit sich fort ins Verderben. Darum wenn der Frieden nicht gestört werden soll, müssen Anschauungen und Personen strenge auscinandergehalten werden; sobald aber die Beiden in einander sich verschmelzen, ist es auch mit der Eintracht zu Ende, und das ist auch der ganze Fluch unserer Zeit. Nicht die tausendfältige Verschiedenhritcher Ansichten nnd Parteien ist es, die in unserem modernen Staatsleben soviel Unheil über die Welt bringt, sondern daß das Auseinandergehen der Anschauungen in ein Auseinandergehen der Personen ausartet, welches den Frieden unterwühlt, die Vernunft erstickt und die Leidenschaft ihre Orgien feiern läßt. (Unwillkürlich werden wir genölhigt immer wieder zu diesem widerlichen Zeitbtlde der Gegenwart zurückzukehren, sobald vom Frieden oder von Friedensstörung die Rede ist, der geehrte Leser möge Nachsicht haben und uns diese Abschweifung von unserem eigentlichen Thenra verzeihen). Verschiedene Meinungen und Parteien hat es immer unter den Menschen gegeben und werden auch immer sein, nur müssen sie jeve Gehässigkeit meiden, um dem persönlichen Zwist aus dem Wege zu gehen. Nach dieser kurzen einleitenden Auseinandersetzung wollen wir nun zu unserer eigentlichen Ausgabe schreiten und zu erörtern suchen, wie sich Bibel und Talmud über die Friedensstörung im Allgemeinen äußern. Sobald die Verschiedenheit der Meinungen in persönlichen Haß übergeht, tritt überhaupt der G e g e n st a n d des Zwistes bald in den Hintergrund, die Person aber in den Vordergrund. Nun bleibt dann nichts anderes übrig, als persönlicher Haß. Um aber den persönlichen Haß möglichst sachlich