Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1893)
- Date
- 1893-02-09
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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230 rim zu zahlen im Stande oder geneigt ist. Hier unter Gottes freiem Himmel werden, wie nach altjüdischem Brauche die Ehen, auch die Kameradschaft und der Bund, für ein halbes Jahr Zimmer- und Studienkollege zu sein, geschlossen. Hier verständigen sich die Bachurim, ob sie zu Zweien oder zu Dreien ein Quartier, ob sie dieses mit Sephorim sich miethen und zahlen können. Diese Abschlüsse müssen aber erst die Aprobation des „Obergabbes7 8) der Bachurim", zumeist eines älteren verdienstvollen Bachurs erhalten. Dieser pflegt sehr oft bei der Zusammenstellung der Chawerim (Collegen) zu interveniren und seine Arbeit ist keine kleine; er muß daraus sehen, ob sich das Gleiche zum Gleichen findet, denn der Wahn ist kurz und die Reue, wenn die Chawerim nicht harmoniren, lang, und wenn auch keine Ewigkeit, so dauert sie doch ein halbes Jahr, einen „Seman". denn auf so lange wird ein Quartier gemiethet. Dieser Obergabbe oder Herr Jnspector, wie er sich gerne nennen läßt, spielt überhaupt eine große Rolle beim „Semanezen"; er theilt den armen fähigen Bachurim die „Chaserbachurloch", nämlich die Talmudschükr, die noch ein Chasarbochur (Corepetitor) benöthigen, zu, welche diesem das Quartier mit Sephorim und extra noch eine Summe Geldes zur Deckung seines Lebensunterhaltes bezahlen. Dieser Obergabbe ist den Bachurim eine Art Vorsehung; er ist „mesaweg siwugim“, er paart sie zusammen und zwar so, daß gewöhnlich ein reicher mit einem armen Rabbinatsschülerzusammenkommt, wo gewöhnlich der Erstere dem Letzteren das Quartier zahlt, er sieht darauf, daß nicht zwei im Verrüfe des „Nichtlernens" und des nicht frommen Lebenswandels stehende Rabbinatsschüler Zusammenkommen. Er trachtet dahin, immer einen im Talmud und in den rabbinischen Fächern mehr Bewanderten mit einem in diesen Wissenschaften weniger Vertrauten zusammenzupaaren, damit der im Talmud Schwächere von dem Tüchtigeren etwas zu lernen im Stande ist. Sind erst die „Chawerim" zusammengebracht, dann beginnt die Runde durch die Judengasse. Es werden die zahlreichen an den Hausthoren affichirten Miethzettel gelesen und studtrt und der Rundgang in den betreffenden Häusern behufs Besichtigung der Wohnungen gemacht. Die Miethzettel an den Hausthoren lauten verschiedenartig. Hier ist ein Quartier mit Sephorim, dort wieder eines ohne Sephorim, ersteres theurer, letzteres natürlich billiger. Auch werden von den hebräischen Buchhandlungen und auch von Privatpersonen die Sephorim für einen Seman separat vermiethet. Den Vorzug genießen bei den reicheren Bachurim Quartiere mit Gassenfenstern, 7) Erster Vorsteher. 8) Talmudische Bücher. wo dmselben, nachdem sie des Tages über genug gelernt und dann ein wenig Siesta halten wollen, durch das rege Leben und Treiben in der Juden - gaffe angenehme Zerstreuung geboten ist. 2. Der Tomid- und Gaurolbachur. Im Tempel zu Jerusalem war das „Tomid", das Morgens und Abends gebrachte Opfer ein Hauptbestandtheil im täglichen Gottesdienste. Der „Tomid" in der Preßburger Jeschiwa war selbstverständlich kein Opfer; doch er selbst betrachtete sich als ein solches, da er im Verhältniß zu dem Gaurolbachur ein geplagtes Menschenkind war. Laut Jeschiwastatut mußte derjenige Bachur, der noch kein volles Jahr die Jeschiwa besuchte, das ganze erste Jahr „tomid“, d. h. beständig zu der wöchentlich am Donnerstag stattfindenden Prüfung oder dem „Klein-Verhören", wie es in der Jeschiwasprache benannt wurde, sich einfinden. Die länger als ein Jahr die Jeschiwa frequentiren en Bachurim waren dieser Pflicht entbunden und führten den Titel „Gaurolbachurim". Diesen Namen verdanken sie dem Umstande, daß unter denselben wöchentlich eine Anzahl von Bachurim, gewöhnlich 18, ausgeloost wurden, welche dann zum „Verhören" gehen mußten. Wegen dieser Ausloosung (Gaurol) nannte man sie Gaurolbachurim. Diese löbliche Einrichtung hatte den guten Erfolg, daß alle Bachurim ohne Unterschied zum „Verhören" ebassrn d. h. wiederholen mußten, da das Damoklesschwert der wöchentlichen Prüfung über Jedem hing. Doch war es nicht immer das Gaurol, das Loos, welches die obenbenannte Categorie zum Verhören rief. Sehr oft wurde auf Veranlassung des obenerwähnten Obergabbes" eorrige la Fortune gespielt und die im Jeschiwabuche schwarz angeschriebenen Bachurim wurden oft ohne „Gaurol" auf die Conskriptionsliste des sogenannten „Gaurolzettels" gestellt und natürlicherweise stark bei der Prüfung ins Verhör genommen. Wenn am Mittwoch Abends am schwarzen Brette der Schiurstube der Gaurolzettel affichirt wurde, da gab es kein kleines Gedränge im Vorhause des Schiursaales. Während die „Tomidtm" gleichgiltig die Ankündtgungstafel passirten, drängten sich die Gaurolbachurim an sie heran, um zu sehen, ob nicht ihre Namen sich auf dieser Conskriptionsliste befand. Hocherfreut athmeten diejenigen auf, die ihre Namen nicht darauf erblickten, während die Conskripirten die Nase hängen ließen und sich mit dem Gedanken befreundeten, die ganze Nacht durchzumachen und zu „chasern". Nun wäre das Wiederholen schon recht, wenn man nur etwas gelernt. Was soll man aber wiederholen, wenn man, wie es bei Manchen vorkam, nichts gelernt hatte. Da war guter Rath theuer, wenn man beim „Verhören"