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Der Israelit · 1893-02-06 · Heft 11 (6.2.1893) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 11 (6.2.1893)
Date
1893-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Jfi Kl Der Israelit. Ein KenLrat-Zrgan für das orthodoxe IudenLhum. Begründet von Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 6. Februar 5653 (1893). Leitender Artikel. Z>ie Wechts-Worak des Talmud. (Zu Paraschath Mischpatim.) Mainz, 3. Februar. Unser dteswöchentlicher Wochenabschuitt enthält in seinen ersten Sätzen die Grundzüge der Rechtsordnungen, welche die rechtlichen Beziehungen des Menschen zum Menschen regeln. Ein Blick auf dieselben zeigt, daß sie eben nur Grundzüge sind, deren Ausführung und eingehende Begründung dem mündlichen Theile des Golteswortes überlassen sind, wie er im Talmud nicdergelegt ist. — Die sämmtlichen Vorschriften der Thora werden gewöhnlich in zwei große Gruppen getheilt, in solche, deren tieferen Sinn die menschliche Vernunft nicht zu ergründen vermag, wie z. B. die Speisegesetze, das Verbot, Kleider zu tragen, welche aus einer Verbindung von Wolle und Leine bestehen, und viele andere, die wir Ch ukim, Gesetze ohne Weiteres nennen. Sie stehen als Gesetze für unS da, wenn wir ihren letzten Grund auch nimmermehr zu ermitteln vermögen, und lassen gerade durch ihre Unergrüudlichkeit ihre tiefe Bedeutsamkeit ahnen. Den anderen Theck bilden diejenigen Vorschriften, die der menschlichen Vernunft zugänglich sind, wozu in erster Reihe eben diese Rechtssatzungeu gehören, die uns unter dem Namen Mischpatim geläufig sind. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Beobachtung der Chukim demjenigen, der sie gewissenhaft erfüllt, ein sp.cifisch jüdisches Gepräge geben und ihn sofort als Juden charakierisireu. Der Jude, der unter ihrem Regime steht und nach ihren Anforderungen in Speise und Trank, in der Kleidung, im ganzen öffentlichen Auftreten lebt, kann sein Judenthum nicht verleugnen. Deßhalb sind sie gerade diejenigen Gesetze, von welchen eine tausendjährige Erfahrung lehrt, mow jnn m'h I orv^j?, daß die Leidenschaft und die außerjüdische Well daran Anstoß nimmt. Gesetze dagegen, welche wie die Mischpatim, die rechtlichen Beziehungen der Menschen untereinander regeln, finden sich bei allen Völkern, ihre gewissenhafte Beobachtung und noch weniger ihr Vorhandensein an und für sich, setzt den Juden nicht in Gegensatz zu seiner Umgebung. Unsere an Abnormitäten und Verkehrtheiten so reiche Zeit hat auch diese nach Jahrtausenden zählende Regel in ihr vollendetes Gegentheil umgewandelt. Heute nimmt die Welt Anstoß an unseren Mischpatim, an unseren Rechtsordnungen, wie dieselben auf Grund der biblischen Fundamentalgesetze im Talmud entwickelt und codifizirt sind. Sie spricht geringschätzig von einer Talmud-Moral und grbt die aus ihrem Zusammenhang gerissenen, gefälschten und entstellten Sätze aus unserem Rechts- Codex der öffentlichen Verachtung anheim. Die Chukim dagegen, die spccifisch jüdischen Gesetze und das treue Festhalten an ihnen verzeiht man uns nicht nur, sondern man stempelt gar ihre Nichtbefolgung zu einem Verbrechen und verlangt, wir sollten orthodoxe Juden sein, dann träfe uns der Haß unserer Hasser mit Nichten. Da ist cs nun als zweite Merkwürdigkeit zu verzeichnen, daß viele unserer eigenen Brüder, dieser Signatur unserer Zeit Rechnung tragen, wo sie ihr mit unerschütterlicher Festigkeit entgegentreten müßten und sie wiederum hartnäckig ignoriren, wo sie ihrer Förderung wohl Folge leisten sollten. Schon haben sich mehr oder weniger bedeutende Wortführer der Judenheit angeschickr, die verleumderischen Anklagen auf die Moral des talmudischen Rechts dadurch zu parireu, daß sie den Talmud Preis geben wollen. Aber daß sie nun auch unseren Chukim d. h. der treuen Befolgung der Satzungen das Wort reden, die uns in unserem ganzen Thun und Lassen als Juden, als orthodoxe Juden erscheinen lassen, davon haben wir noch wenig gehört.

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