Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Weite Beilage jtt M 10 des „Israelit“. Literarischer Bericht. Das reine Menschenthum im Lichte des Judenthums von Dr. M. Hirsch, Direktor der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. I. Kauffmann. 1893. (35 S. i. O.) Eine kurze Schrift, darum um so wuchtvoller und markiger, eine Schrift zur rechten Zeit. Sie mischt sich nicht in den heißen Streit der Kämpfenden, sie stellt sich nicht in die Reihe der den Angriff Abwehrenden — ein Priester der Versöhnung schreitet der Verfasser unter die Menschheit, erfüllt und getragen vom heiligen Ernste des jüdischen Glaubens. Daß das Judenthum den Standpunkt des reinen Menschenthums anerkennt, daß es „den als Nichtjuden geborenen, auch keineswegs zum Judenthum übergetretenen gottgläubigen Menschen, der die allgemeinen menschlichen Pflichten der Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Sittlichkeit erfüllt, als Kind Gottes betrachtet, und daß er im Lichte seiner Lehre der ewigen Seligkeit theilhaftig ist", das erläutert der Verfasser mit unerschütterlicher Beweiskraft für Jeden an der Hand des gesammten hebräischen Schriftthums, von der Bibel bis zum Schulchan Aruch. Von vornherein ist der Blick der Thora nicht etwa blos auf den Juden, sondern auf die Gesammtmenschheit gerichtet, die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen ist ihr Beginn, der Mensch ist Schlußstein und höchstes Ziel der Erdschöpfung (1. B. M., 1, 26), über die Gesammtmenschheit ist der Gottessegen (1. B. M. 1, 28) ausgesprochen. Bet der Erwählung Abrahams, bei der Gesetzgebung am Sinai, wo „ein Volk als Träger der göttlichen Wahrheit, für das Heil und die Erlösung der Menschheit unmittelbar durch Gottes Waltung herangebildet werden soll", wird „der Gedanke der Gotteshörigkeit aus der hohen Bedeutung aller Menschen für Gott" wiederholt ausgesprochen. An der Spitze der Opfergesetzgebung (3. B. M., 1, 2) steht das Wort „Mensch", alle Menschen zum Gottesaltare ladend. Aus den Psalmen, dem Buche Hiob, rabbinischen Bemerkungen zu Bibelstellen erweist der Verfasser des weiteren diese hohe universelle Anschauung. Und so zeigt er ferner, wie die Grundsätze der Gerechtigkeit und Nächstenliebe nicht, bloß den Juden, nein, selbst den ntchtjüdischen Sclaven und Beisasjen umfrieden, und wie ein Jesaia, Nachum, Amos und Jona von tiefem Mitleiden mit der gesammten Menschheit durchtränkt sind. In feinsinnigster Weise führt der Verfasser nun aus, wie gerade an den großen jüdischen Nationalfesten „der Allmenschheitsgedanke in scheinbar geringfügigen Anordnungen im Gottesdienste Pflege und spontanen Ausdruck findet." Wir können uns nicht versagen, den wundervollen Abschnitt über das Wochenfest hier im Wortlaut wiederzugeben. Am Wochen feste aber, dem Gedächtnistage der Offenbarung am Sinai, dem Gedächtnistage des Augenblickes, da Israel zum Träger des „absondernden" Gesetzes geweiht, da es das angeblich so hochmüthige „auserwählte" Volk wurde, da läßt die rituelle Anordnung eine Frauengestatt vor dem jüdischen Auge auftauchen, hehr und herrlich, ein Bild, aus dem uns Züge edelsten Menschenthums entgegenleuchten. Wer sind die Frauen, die dahinziehen durch die Gefilde? Eine frühgealterte, gramgebeugte und eine jugendlich frische, die trotz erfahrenen schweren Leides froh und muthig in die Zukunftschaut. Zwei Wittwen sind es, Schwiegermutter und Schwiegertochter. Drei Gräber — sie bergen alles, was ihr im Leben theuer war, Mann und Kinder — läßt jene in dem fremden Lande zurück und wandert, einst reich begütert, jetzt vollständig verarmt, der Heimath zu. Vater und Mutter, Familie und Heimath verläßt die junge und wandert mit der armen, alten Mutter ihres todten Gatten dem ihr fremden Lande zu. „Verlasse mich," spricht die Matrone zu der, die einst im Glücke in ihren Familienkreis eingetreten war, „kehre zu deinem Volke zurück, denn schwer hat Gottes Hand mich getroffen!" — „Dringe nicht in mich, dich zu verlaffen," erwiedert diese, „wohin du gehest, dorthin gehe auch ich, deine Lagerstatt, sie ist die meine, dein Volk sei mein Volk und dein Gott mein Gott. Wo du stirbst, will auch ich sterben und dort sei mein Grab, so wahr mir Gott helfe, nur der Tod trennt mich von dir!" Und dieses starke, selbstlose, von Gottvertrauen und Gottesliebe beseelte herrliche moabitische Weib, das unter solchen Umständen sich „unter die Fittige des Gottes Israel" begibt, wird, wie das Bibelwort nun weiter berichtet, die Mutter „Obeds, des Vaters Jsais, des Vaters — Davids" — Davids! Seht — o fänden diese Worte doch den Weg zu allen Menschenbrüdern auf weitem Erdenrund! — wir haben keinen, in dem der Geist der jüdischen Gottes- und Menschenlehre also lebendig geworden, also zu herrlichem Liedeswort aufgeblüht wäre, wie in David, keinen, dessen Inneres bis in seine geheimsten Fallen also vor uns aufgeschlagen wäre und uns einen Einblick gewährte in sein Denken und Empfinden, in sein Ringen und Kämpfen. Wir begleiten ihn durch sein ganzes, reiches, wechselvolles Leben, sind Zeugen seiner inneren und seiner äußeren Kämpfe, seiner Siege und seiner Niederlagen. Das Glück macht ihn nicht übermüthig, das Unglück beugt ihn nicht, schnöder Undank, schwarzer Verrath der ihm Nächsten verbittern ihn nicht. Lehrreich im Siege, lehrreicher noch, wo er menschlicher Schwäche unterlegen ist und, schuldbewußt und schamerfüllt und gramgebeugt, dennoch vertraut auf die Gnade seines und der Menschheit Gottes und sich emporringt aus dem Dunkel zum Lichte, aus der Gottesferne in die Sonnennähe Gottes, und so in allem Leid als der Glücklichste, in aller Schwäche als der siegreich Stärkste sich uns zeigt! Seine Klage wie sein Jauchzen, noch heute wecken sie mächtigen Widerhall in den Herzen der Menschen, noch heute sind sie es, die dem Unglücklichen Trost und Hoffnung, dem Wankenden Stütze, dem Verirrten Muth und Kraft zur Rückkehr spenden. Seine Worte sind es, die in der Syna-