Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1893)
- Date
- 1893-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. M 10 Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet von Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 2. Februar 5653 (1893). Leitende Artikel. Wettfriede und Iudentyum. von Rabbiner Heinrich Galaudauer in S ob orten (Böhmen). VI. In unserer Zeit des Fortschrittes und der Humanität, wo Jeder für seine Nationalität zittert, Jeder ängstlich seine Sprache hütet, seine Ekgenthümlichkett sorgfältig bewahrt und alles Fremdartige auszuschetden und fernzuhalten bemüht ist; wo sich der Bruder vor dem Bruder, Volksilamm vor dem Bolksstamm, Nation vor der Nation verschließt und jeder Gemeinsinn, jede Solidarität und Zusammengehörigkeit in der Menschenfamilie aufzuhören droht; wo der Eine dem Andern zurufr: Hinweg von hier, renn du sprichst nicht meine Sprache, hinweg von hier, du gehörst nicht meiner Nation, hinweg von hier, du gehörst nicht meinem Stamme an, du bist andern Glaubens, andern Sinnes, anderer Meinung als ich, folglich gebühren dir nicht die vollen Menschenrechte, du bist nicht ein Wesen wie ich, du bist anders geartet, du bist mir schädlich, verderbenbringend, mein Ruin, ein Ungeheuer, alles, nur nicht ein Mensch; in unserer Zeit des Fortschrittes und der Humanität sagen wir, hat man die größten Fortschritte auf dem Gebiete des Hasses und die größte Humanität in der Pflege des eigenen Jchs zu verzeichnen. Ueberall blüht die Denunciation, gedeiht die Angeberei, die Verleumdung, das Mißtrauen. Die mächtigsten Staaten werden aufmerksam gemacht und gewarnt, sich nur bet Zeiten zu schützen gegen die angebliche Uebermacht einer verschwindend kleinen, winzigen Minorität, die größten Vorsichtsmaßregeln zu treffen gegen fremden Einfluß, der gleich null ist, die widersinnigsten und lächerlichsten Befürchtungen werden überall mit Eifer laut gepredigt und so lange geschürt und gehetzt, bis Gewalt und Unrecht allenthalben überhand nehmen. Das ist der Spiegel der Gegenwart. Wenden wir uns dagegen zu dem alten Hebräerstaate. Palästina war ein kleines Gebirgsländchen, das sich mit seinem Flächenraum und seiner Productivität gewiß nicht einem der heutigen Großstaaten gleichstellen konnte. Da gab es keinen Sprachenstreit, keinen Nationalitätenhader, keine Fremdengesetze; syrisch, chaldäisch, griechisch, hebräisch wurde ohne jede Eifersüchtelei nebeneinander gesprochen, Fremdlinge der verschiedensten Völker lebten friedlich, unangefochten und gleichberechtigt nebeneinander, und niemand fürchtete, daß die rechtmäßigen Bewohner Kanaans dadurch in ihrer Nationalsprache, in ihrer Stammeseigenthümlichkeit oder in ihren wirtschaftlichen Interessen bedroht werden könnten; das fiel gar niemandem ein. Im Gegentheil. Es bestanden dort die strengsten Gesetze zum Schutze des Fremdlings, welche die liebevollste Behandlung desselben verordnen. „Du sollst den Lohn des Armen und Dürftigen, es sei dein Bruder oder ein Fremdling, der in deinen Thoren weilt, nicht vorenthalten. Am selben Tage, noch bevor die Sonne untergeht, sollst du ihm seinen Lohn geben, da er doch arm ist und danach seine Sehnsucht trägt, er könnte sonst den Herrn wider dich anrufen und du hättest dann eine Sünde. (Deutronomium 24, 14.) Beuge nicht das Recht des Fremdlings. (Das. 17.) Verflucht sei derjenige, welcher das Recht des Fremdlings beugt." (Das. 27, 19.) Mag ein Volk noch so sehr sich gegen dich vergangen haben, seinen Nachkommen darfst du es nicht vergelten. „Was können die Kinder für die Schuld der Eltern? Wenn die Väter unreife Trauben aßen, sollen dafür die Zähne ihrer Kinder stumpf werden? Darum „verachte keinen Egypter, ob du auch Fremdling und schwer unterdrückt warst in seinem Lande, verachte keinen Edomiter, denn er ist dein Bruder. (Das. 23, 5.) Der Herr ist es, der den Fremdling besonders in Schutz