Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1893)
- Date
- 1893-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. ' Jfä A Der Israelit. Ein Kenlrat-Argan für das orlhodoXe Judentum. Begründet von IZr. Lehmann in Mainz. Montag, den 30. Januar 5653 (1893). Leitende Artikel. Wettfriede und Iudentyum. von Rabbiner Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). V. Drittes Kapitel. Versöhnlichkeit und Liebe. Versöhnlichkeit und Liebe! Worte, die im heutigen Staatenleben nur leere Begriffe geworden sind. Allenthalben Vorurtheil, Unduldsamkeit, Nationalitätenhader, Rassenkampf, Eigendünkel, Beschränktheit, Hetze, Zank und Streit, Haß, Neid und Mißgunst. Wie sollen sich da die Kinder des einzigen Gottes, des Allvaters, vereinigen, einträchtig und einmüthig zusammenzulebend Armes Menschengeschlecht! Was bedeuten dein Fortschritt, deine Kultur, deine vielgerühmten Eigenschaften alle, wenn im tiefsten Frieden ein Krieg herrscht, der unendlich unheilvoller ist, 'als der Kampf auf offenem Felde, wenn ein Volk gegen das andere aufreizt, ein Volksstamm gegen den andern wüthet, eine Religionsgenossenschaft gegen die andere die Faust erhebt und die eine Rasse die andere in ihrem Bestand bedroht d „Kinder seid ihr dem Herrn, Eurem Gotte". (Deutronomium 14, 1.) „Hasse deinen Bruder nicht im Herzen". (Leviticus 19, 17.) „Sei nicht rachsüchtig, bewahre nicht den Haß, liebe deinen Nächsten wie dich selbst." (Das. 19.) Wo werden diese goldenen Lehren in Wirklichkeit betätigt? Wo waltet heute der Geist der Einigkeit, der Versöhnlichkeit, der Liebe? Wo nicht Interessengemeinschaft herrscht, dort ist Zerklüftung, Zwietracht, tödtliche Feindschaft, die Kinder der großen Menschenfamilie sind entzweit, und der Genius der Welt verhüllt schamerfüllt sein Antlitz. Geschwunden ist der Friede, die bösen Geister sind entfesselt, grauenvolle Gespenster erheben ihr Haupt, die Verwilderung nimmt täglich überhand, pestartig zieht der Haß durch die Lande der Civilisation, alles verheerend, vernichtend, das bedauernswerte Menschengeschlecht in den tiefsten Abgrund hinabziehend. Wie soll das enden? I „Gehe nicht als Verleumder umher unter deinem Volke" (Leviticus 19, 16) befiehlt unser himmlischer Vater, und Priester und Volksvertreter hetzen und reizen auf in Vereinen und Versammlungen im Namen des allliebenden Gottes eine Konfession gegen die andere, lügen und verleumden, schwören falsche Eide und verdrehen das Recht, um das Volk irre zu führen. „O, mein Volk, die welche dich glücklich machen sollten (die Führer) führen dich in die Irre!" Unsere Zeit ist gar wenig geeignet, der Versöhnlichkeit und Liebe ein Ohr zu leihen, sie werden wohl tn gar schönen Worten gepredigt, aber zu welchem Zwecke? Zur Unversöhnlichkeit und Lieblosigkeit. Wenden wir uns daher ab von diesem so häßlichen Zeitbilde und hören wir, was Bibel und Talmud lehren über die Versöhnlichkeit, und wenn wir auch nicht erwarten, daß die „Lehren der Liebe" unserer Thora bei unfern Widersachern Anklang finden werden, so wollen wir uns jetzt nur deßhalb mit denselben beschäftigen, um darzutun, von welchem Geiste des Friedens und der Liebe, der Versöhnlichkeit und der Duldsamkeit die jüdische Religion erfüllt ist, in deren Lichte wir wandeln. Sei versöhnlich gegen deinen Feind. „So du siehst seinen Ochsen oder seinen Esel herumirren, bringe ihn dem Eigentümer wieder zurück." (Exolus 23, 4.) „Haß erwecket Hader, Liebe verhüllt alle Sünden." (Sprüche 3, 18.) „Wohlwollen fördert die Liebe, wer Böses anstrebt, den erreicht es. (Das. 11, 27.) „Nur durch Sanftmut begegne dem Grimmigen." (Das. 15.) „So dein Feind fällt, freue dich nicht; strauchelt er, so laß dein Herz nicht frohlocken." (Das. 29, 17.) Thue Gutes deinem Hasser, überschütte ihn mit Wohlthaten; er sieht dann, daß du edler bist als er und vor Be-