Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1893)
- Date
- 1893-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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139 überlassen, unseren Rabbi herunterzutragen? . . . . ich bin ruhiger als Sie, Sie sind zu aufgeregt! Nein! .... nein, nein! hatte ich heftig geantwortet und in dem Augenblicke hatte ein Flämmchen in der Dachlücke des Thurmes emporgezuckt, Deidelsheimer rief: Also vorwärts mit Gott — ich halte die Leiter fest, fein Sie unbesorgt.Ich betrat die erste Sprosse, sprach — unwillkürlich laut — Lischuos-cho Kiwissi!3) und stieg dann vorsichtig empor." Der Oberhoffaktor und Markbreiter horchten in höchster Spannung auf; sie hatten die Empfindung, als wenn sie das Begebniß mit erlebten; — sie glaubten Frankl des Nachts die Leiter am Thurme emporsteigen zu sehen, sie glaubten jetzt Alles das zu empfinden, was damals sein Herz bewegte, und doch wagte selbst der hochgestellte, selbstbewußte Oberhoffaktor es nicht, Fiänkl, der tiefaufathmend wieder eine Pause gemacht hatte, zur Fortsetzung seiner Erzählung aufzufordern. „Endlich war ich an der obersten Sprosse angelangt", ergriff Fränkl wieder das Wort, „und bestieg vorsichtig das Dach, welches naß und schlüpfrig war, es war so weit offen, daß ich nicht viel Raum für meine Füße fand. Da Licht in der Zelle brannte, konnte ich das Innere genau betrachten. — In derselben befanden sich vier Menschen, der Kerkermeister, seine beiden mir unbekannten Gehilfen, — und mein Vater. Der Raum war niedrig und so eng, daß nicht noch ein fünfter hätte eintreten können. Bei dem Anblicke meines Vaters krampfte sich mir das Herz zusammen, daß ich voll Schmerz aufschreien hätte mögen. Als ich ihn vor fünf Jahren das letztemal gesehen, war er ein riesenstarker Mann mit kaum ergrauendem Haare gewesen, jetzt war sein Bart weiß wie Schnee, sein ehemals mächtiger Leib hager, die ehemals frische Gesichtsfarbe fahl, auch war er so schwach geworden, daß er sich nicht auf den Füßen halten konnte, sich an der Schulter des Kerkermeisters lehnen mußte, er sah wie ein hundertjähriger Greis, und da er die Augen, wohl vor Mattigkeit, geschlossen hielt, wie eine Leiche aus. Mein Vater! rief ich laut an den Rand der Dachlücke tretend, er schlug die Augen auf, und ein Lächeln überflog seine edlen, ernsten, gramzerwühlten Züge. — o! Gott und Herr, dieses Lächeln machte mich glücklich, überglücklich. Du bist's, mein Sohn?! sprach er und seine Stimme klang matt und heiser, Du kommst in der That mich zu erlösen? Der Mann da, hatte mirs gesagt, als er anfing mir den eisernen Ring vom Leibe abzufeilcn, — ich aber hatte es nicht geglaubt, ich Hab' geglaubt Markgraf Friedrich Wilhelm wolle mich, nachdem er mich lange lange Zeit unmenschlich hat gequält — endlich, vielleicht martervoll tödten lassen.8ebt Deine Mutter, Deine Schwester noch.Ich habe sie, ich weiß nicht, wie lange nicht gesehen.ich Hab' es im Kerker verlernt, die Länge der Zeit zu taxiren. . „Mutter und Schwester leben, lieber Vater, hatte ich geantwortet, und hoffen mit Gottes Hilfe Dich bald jubelnd in ihre Arme zu schließen. . . . Aber wir müssen uns sputen!.Komm' mein Vater, ich muß Dich auf einer Leiter heruntertragen! .... Mein Vater war von dem jähen Wechsel in seinem Schicksale so überrascht, die Mittheilungen des Kerkermeisters mußten so unvollständig gewesen sein, daß er die Situation nicht recht aufzufassen vermochte und mit einem ungläubigen Lächeln kopfschüttelnd sagte: — Auf einer Leiter .... und bei Nacht?!.Das ist doch sonderbar! Aber Du bist mein treuer Sohn. ich geh' mit Dir, wohin Du mich auch bringst! — Nun hoben die drei Männer den Greis empor. Ich umschlang seine Hüfte, er umklammerte, vielleicht unwillkürlich, meinen Hals und drückte einen Kuß auf meine vor Erregung glühenden Wangen. Mein Vater ist, — vielleicht muß ich leider sagen, war — ein Mann von wunderbarem Geiste und wenn dieser auch während fünfjähriger Kerkerhaft in lichtlosem Raum, wo er abgeschlosse i von der menschlichen Gesellschaft fünf Jahre kein Wort gesprochen, verdunkelt worden sein mochte, hellte er sich wieder, als er sich frei fühlte auf, und das Erste was der merkwürdige, heilige Mann sprach, als er in Gottes freier Natur aufathmete, war: Boruch matir assiu rim!4) . . . . Dann aber warf er einen Blick in die Tiefe hinab und sprach: Du willst mich da hinabtragen, denn gehen kann ich vielleicht nicht, meine Füße sind schwach geworden und außer Uebung gekommen.Das ist zu schwer für Dich .... Du wagst Dein Leben! Ich will Dir einen bessern Vorschlag machen, .... geh' Du allein zurück, das wird Dir leichter werden.ich aber geh' wieder in meinen Kerker zurück. . . . Der Kerkermeister wird so gut sein, mich wieder an die Wand zu schmieden.Nachdem ich Dich, mein lieber, theuerer Sohn noch einmal vor meinem Tode gesehen und erfahren habe, daß Weib und Kind noch leben, — ist mir Gott, sei Dank, viel leichter um die Seele.Grüß sie viel tausendmal von mir . ... ich werde nun die kurze Frist der ird'schen Qual, die mir noch auferlegt ist, doch leichter überkommen!" „Einen solchen wunderbar heiligen, engelsgleichen Mann ließ Markgraf Friedrich Wilhelm wie 4) Gelobt seist Du unser Gott, König der Welt, der Du die Gefesselten erlösest. 3) Auf Deine Hilfe hoffe ich, o Gott!