Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-12-15 · Heft 99 (15.12.1892) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 99 (15.12.1892)
Date
1892-12-15
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448311--35404-2483386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1917 „Walter, mein Sohn! Hab ich Dich wieder! O, dies Glück, diese Freude! Nun laß ich Dich nicht wieder fort; ich halte Dich fest —-" und ein Schluchzen erstickte jedes weitere Wort. Da trat auch der Vater näher. Auf seinem ernsten Antlitz zuckte es wie Wetterleuchten und indem er dem Sohn die Rechte entgegenstreckte, sagte er: „Loruch habo beschem adonoi. Sei uns herzlich willkommen, mein Sohn. Gepriesen sei der Allmächtige, der Dich den Weg hat zurückfinden lassen in das Haus Deiner Eltern, an das Herz Deiner Mutter." Der junge Arzt, gerührt und überrascht von dem Empfang, der ihm geworden, umarmte Vater und Mutter und küßte sie. Nun kam auch Helene herbei, und mit schelmischer Neckerei sagte sie: „Und ich? gehöre ich nicht auch mit dazu? Muß ich jetzt schon vor dem Bruder zurückstehen?" „Nein, mein Kind," entgegnete die Mutter, sie zärtlich liebkosend, „Du sollst nicht zurückstehen. Du —" „Sie verdient Eure Liebe nicht," neckte der Bruder, „denn — Helene sprang auf und hielt ihm den Mund zu, indem sie sagte: „Willst Du wohl schweigen bis man Dich fragt. Das wäre schön! Ist noch nicht warm in der Heimath und will schon ansangen zu klatschen." Walter befreite seinen Mund mit sanfter Gewalt von der zarten Fefiel, oie sich auf ihn gelegt hatte. Nun trat er erst in das Zimmer und die Mutter führte ihn zum Sopha und setzte sich an seine Seite. Ter Vater nahm auf einem Stuhle Platz und blickte fortwährend auf seine Lieben. Wer kann die Freude und das Glück schildern, welches er nun genoß! Wer vermag die Wonnen zu beschreiben, welche die Mutter jetzt durchschauerten, da sie Hand in Hand bei dem Verschollenen saß! Auf Leid folgt Freud' und sie, die am Morgen verzweifeln wollten, waren am Mittag überglücklich. Nach dem Mittagessen fing der Sohn an von sich und seinem Leben zu erzählen und lautlos hörten ihm seine Eltern und seine Schwester zu. Er hatte viel durchgemacht und Manches e>fahren und das Schicksal hatte ihn nicht geschont. Mit verhaltenem Athem und ängstlichen Mienen lauschten die Zuhörer seinen Worten und erfuhren die Geschichte seines Lebens. Er hatte noch nicht geendet als die Vesperglocke schlug und sein Vater sich erhob. „Wohin gehst du, mein Vater?" fragte er. Wehmüthig lächelnd deutete dieser auf die am Fenster stehenden Chanukkahleuchter. „Es ist, als ob ich Dein Kommen heute Morgen geahnt hätte," sagte der Vater; „es ist heute Abend Chanukkah und ich habe die beiden Leuchter herausgenommen. Ich gehe zur Synagoge" „Ich gehe mit Dir und entzünde mit Dir mein Vater. Das heutige Weihefest ist ein Freudenfest für uns alle geworden." „Und die Berachah, die Du vor achtzehn Jahren nicht sprechen wolltest?" „Heute spreche ich sie aus voller Ueberzeugung, mein Vater. Das Leben und die Fremde haben meinen kindischen wissenschaftlichen Dünkel von damals gebeugt, die Erfahrung hat mein vermeintliches Wisien widerlegt und corrigirt- Heute glaube ich daran, daß Gott auch jetzt noch Wunder wirkt, heute erst hat er ein Wunder gethan, nicht wahr, Schwester?" Helene erröthete ohne etwas zu erwiedern. Plötzlich sagte sie: „Ich gehe mit Euch zur Synagoge und Du auch, nicht wahr, Mutter." Die Mutter nickte, und nun begaben sich alle in das Gotteshaus. Das Abendgebet war vorüber und der Borbeter trat vor die heilige Lade, vor welcher die Menorah stand. Mit seiner herrlichen Stimme sprach er die Benediction und bald flammte von seiner Hand entzündet das erste Lichtlein auf. In gehobener Stimmung kamen Walter und seine Eltern nach Hause und Vater und Sohn erfüllten ihre Pflicht und zündeten die heiligen Lichtlein an. Und als nun Walter mit Innigkeit und Inbrunst die Worte sprach: scheosoh nissim laawausenu bajomim hohem, bas’man hasseh, da stürzten Thränen aus den Augen des Vaters und aus denen der Mutter — eS waren Thränen der Freude und des seligsten Glücks. Jubelnd tönte die Chanukkahhymne von ihren Lippen, und als der Gesang beendet und der Schein der Lichtlein auf die beglückten Gesichter der Eltern fiel, da erzählte Helene das Wunder, welches Gott an ihr gethan. Wie sie einer übermüthigen Laune folgend den letzten Theil des Weges nach der Heimath zu Fuß zurücklegen wollte, wie Ermüdung und Kälte sie übermannt hatten und wie nur ein göttliches Wunder sie von dem sicheren Tode gerettet hatte. Und die Eltern hörten zu und stöhnten vor Angst. Und als dann Helene geendet, da umarmten sie die Eltern und priesen, dankten Gott, der da ein Wunder gethan an ihrem Kinde, am heutigen Tage, in dieser Zeit. _ _Anzeigen._ Für de« folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich. HANNOVER. + Th,*j^4Mtr- |l>enltotraf und Höhere Göchkerhhule Frau Dr. Lcverson u. Frl. Constance Levy. Jetzige Inhaberin: Fräulein CONSTAXCE EEVY. -*d West. S. Mau iv2 Budapest, Laudong. 1. (1493 In orthod. Kreisen bekannt. Vorz. Speisen u. Selchwaaren. — Beste Weine, en gros & en dötail. — Einz. Betten u. Zimmer, reinl. u. compf. — Bitte a. Adr. achten. In meinem Handarbeit- und Haushaltungspensionate, welches sich in schönster und gesundester Lage befindet, werden zu jeder Zeit junge Mädchen ausgenommen. Gründliche Ausbildung im Kochen, Backen, Einmachen, Bügelit, Maschinennähen, Zuschneiden und Anfertigen von Herren- und Damenwäsche, sowie in allen Handarbeiten. Anleitung in der Buchführung u. s. w. Auch schulpflichtige Kinder finden liebevolle Aufnahme. Näheres durch Prospekte. 3204) Sfbillft lievi, Rheinbach, Rheinprovinz. Bill, selbsthät., wirkl. Ventllationsanlage f. alle n. jed. Raum. Zuführ. v. 6 n. Abführ, v. 8 Mk. an, je nach Ranmgrösse unter Garantie. Prosp. gratis. J. Nepp, (2564 20jähr. Specialist, Leipzig-Plagwitz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.