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Der Israelit · 1892-12-15 · Heft 99 (15.12.1892) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 99 (15.12.1892)
Date
1892-12-15
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1916 „Dann, ja dann möge er den Eltern fern bleiben und nicht die Wunde, die nun schon achtzehn Jahre blutet, von neuem aufreißcn, dann mögen sie ihn als verschollen betrachten. Bleibt ihnen ja dann noch die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Den vom Glauben der Väter abgefallenen Sohn mühten sie betrauern wie einen Tobten — dann, mein Herr — lassen Sie den Apostaten fern bleiben Aber er ist kein Apostat, er kann nicht so charakterlos gewesen sein —" „Nein, Helene, er ist kein Apostat," sagte der Arzt mit bebender Stimme zu dem erstaunt aufblickenden Mädchen. „Die Fremde hat ihn dem Glauben der Väter nicht entfremdet. Im Gegcntheil; sie hat ihn gestärkt und gekräftigt, so dah er ohne Erröthen vor die Eltern treten und sagen kann: Choto-d, owisi, po-chati. Ich habe gesündigt im U-berinnif) der Jugend; das Leben und die Fremde haben mir die Augen geöffnet, sie sind mir strenge Lehrmeister gewesen. Helene, Schwester, Dein Bruder steht vor Dir, fremd und zagend, und meine erste Bitte lautet: Bahne mir den Weg zuin Herzen der Eltern." Helene war aufgespruiigen; mit großen Augen blickte sie den Fremden an, der vorgab ihr Bruder zu sein. Obschon ihr Herz sie zu ihm hinzog, gebot ihr die Klugheit, den Beweis für diese Behauptung zu erlangen und sie erwiederte: „Und womit wollen Sie beweisen, dah Sie mein Bruder, dah Sie unser Walter sind?" „Bedarf es noch eines Beweises?" entgegnete er bitter. ..Spricht Dein Herz nicht deutlich genug zu meinen Gunsten? Doch Du hast recht. Hier ist der Beweis für die Echtheit meiner Behauptung." Bei diesen Worten streifte er den Aermel in die Höhe und zeigte dem erstaunten Mädchen ein braunes Muttermal auf dem Unterarme, welches die Gestalt eines Blute gels hatte. „Daran wird mich die Mutter wieder erkennen", sagte er, „wenn ihr Herz nicht mehr für mich sprechen sollte", und nun war Helene überzeugt, daß sie ihren Bruder vor sich habe. Sie eilte auf ihn zn, umarmte ihn, und ihre bebenden Lippen sprachen die Worte: Lornoll ato ad. mechajeh hammesim. Gepriesen seiest Du, Ewiger, der Du die Tobten belebst. Nun wollte Helene sofort zu den Eltern eilen, aber der Bruder hielt sie noch zurück. Zuerst wollte er alles erfahren, was die Eltern betraf und ohne Ende kam Frage um Frage aus seinem Munde. Er war ganz der zärtliche Bruder, der sich freute mit seiner schönen Schwester plaudern zu können. „Aber nun muß ich die Eltern aus ihrer Angst und Unruhe reißen", rief Helene endlich aus. Sie erhob sich und obschon sie noch sehr schwach auf den Beinen war, nahm sie sich zusammen. Sie hatten verabredet, wie sie den Eltern die Nachricht mittheilen sollte und in steigender Erregung verbrachte der Arzt die Ltunde, die ihn von dem Wiedersehen seiner Eltern trennte. Wieder einmal war der Vater Helenens vergeblich am Bahnhof gewesen; Helene war nicht gekommen. Dagegen hatte er flüchtig von der gestern erfolgten, wunderbaren Rettung einer Frau gehört, die halb erfroren auf dem Geleise gelegen und rechtzeitig von dem Lokomotivführer bemerkt und gerettet worden sein sollte. Er hatte seiner Frau gar nichts davon gesagt, denn wozu sollte sie sich auch ängstigen, da die Angst und die Furcht vor einem Unglück ihm sonst die Kehle zuschnürte. Stille vor sich hinstarrend saß er in seinem Sorgenstuhle. Wie war er doch von dem Unglück hart betroffen! Um diese Zeit war vor langen Jahren sein Sohn auf Nimmerwiedersehen aus dem Hause gegangen; jetzt machte ihm das unerklärliche Ausbleiben seiner Tochter Sorge — es schien, als ob das Chanukahfest, welches am heutigen Abend begann und welches ein Freudenfest für ganz Israel ist, für ihn ein Fest der Trauer werden sollte. Bange Ahnungen erfüllten ihn und traurig erhob er sich, um den silbernen Chanukahleuchter aus der Truhe zu nehmen und für den Abend herzurichten In seiner Zerstreutheit nahm er die beiden Leuchter heraus und stellte sie auf den Tisch. Da horte er einen leichten Schritt die Treppe heraufkommeu °, aufhorchend blieb er stehen. Jetzt näherte sich der Schrill der Thüre; jetzt wurde diese geöffnet und im Rahmen derselben stand — seine Tochter. „Helene! wo bleibst Du!" rief er aus, eilte auf sie zu und schloß sie weinend in seine Arme. Nun kam auch die Mutter aus der Küche und als sie ihre Tochter erblickte, schrie sie aus Freude laut auf u. umarmte dieselbe wiederholt. . Nachdem die erste Aufregung vorüber war und Helene irgend einen Grund für ihr Ausbleiben angegeben hatte, mußte sie die Eltern auf den ihnen bevorstehenden Besuch vorbereiten. Es war schwerer als sie gedacht halte. Die Eltern wollten ihre Andeutungen gar nicht verstehen und mit Schrecken sah sie an der Wanduhr, wie rasch die Zeit entfloh. Noch eine Viertelstunde, und Walter erschien. Nun mußte sie deutlicher werden. Sie erzählte, daß sie in der Bahn mit einem früheren Freunde ihres verschollenen Bruders gesprochen und denselben eingeladen habe, sie zu besuchen. „Was soll der Besuch?" fragte trübe der Vater, „wozu eine alte, nie vernarbende Wunde von Neuem aufreißen?" „Er kann uns Nachricht von ihm bringen," entgegnete Helene, „denn er hat ihn vor wenigen Jahren gesprochen und weiß vielleicht wie cs ihm geht." „Möge er uns gute Nachricht bringen," sagte der Vater. „Ich bin schon damit zufrieden; denn der Wunsch meines Herzens, meinen Sohn wieder einmal an mein Herz drücken zu könne», wird mir doch unerfüllt bleiben." „Wer weiß cs, lieber Vater," entgegnete Helene schelmisch, „wir leben jetzt," und sie deutete auf den Chanukahleuchter, „in den Zeiten der Wunder und hajomim hohem hisman haseh ihat Gott Wunder, wie er sie heute noch seinen Frommen erweist." „Nähre keine trügerische Hoffnung in meinem Busen. Mein Sohn hat achtzehn Jahre verbracht, ohne daß er an seine Eltern gedacht, sie wiederzusehen und zu versöhnen versucht hat —" „Würdest Du ihm denn verzeihen, wenn er wiederkäme, würdest Du ihm Dein Herz öffnen, ihn aufs Neue in Deine Arme schließen?" Befremdet sah der Vater, sah die Mutter auf ihre Tochter, die heute gar seltsame Fragen an sie stellte; sollte sie einen Zweck damit verfolgen? Sollte ihr Sohn — —. Sollte Gott ein neues Wunder — hisman haseh in dieser Zeit an ihnen thun-—. „Helene," sagte jetzt die Mutter mit zitternder Stimme, „Du fragst nicht vergeblich so; Du hast einen Grund so zu sprechen. Spanne Deine Eltern nicht so auf die Folter. Sage uns, was Du von unserem Sohne, von unserm Walter weißt." Helene schwieg einen Augenblick. Da vernahm sie den festen Tritt eines Mannes auf der Treppe. Sie hörte ihn sich der Thüre nähern. Jetzt stand er wartend draußen. Helene eilte zur Thüre. „Ihr wollt etwas von Eurem Sohne wissen?" fragte sie laut die Eltern und indem sie die Thüre weit öffnete und ein Mann in dem Rahmen derselben erschien, sagte sie, auf diesen deutend: „Hier ist er, fragt ihn selbst." Als ob ein Gespenst sich ihren Blicken zeigte, so starrten die Eltern ihren Sohn an, der immer noch im Rahmen der Thüre stand. Abwechselnd blickten sie auf ihre Tochter und auf den Fremden und kein Laut kam über ihre Lippen. „Darf ich denn eintreten, Mutter, Vater?" fragte der Sohn mit bebender Stimme. Da schien der Bann gelöst. Mit einem Freudenschrei sprang die Mutter auf ihren Sohn los und unter Thränen lachend rief sie fortwährend:

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