Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1892)
- Date
- 1892-12-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448308--35327-2483306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXlii. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 96 des „Israelit". Leitender Artikel. Der Zytwardt-Urozeß. Im weiteren Verlauf des Ahlwardt-Prozesses zeigt es sich immer mehr wie alle die ungeheuerlichen Beschuldigungen und Behauptungen Ahlwardts sich als völlig unbegründet erweisen. Der dritte Verhandlungstag (1. Dec.) wird hauptsächlich dazu benutzt, um zu untersuchen, ob die vom Angeklagten beanstandeten Arten des Putzens der Gewehre wirklich statthalten und ob sie unstatthaft waren. Es stellt sich nach Vernehmung einer großen Reihe von sachverständigen und Zeugen heraus, daß in dieser Hinsicht wegen des neuen Pulvers verschiedene Versuche gemacht wurden, die aber nach jeder Richtung hin ordnungsmäßig und mit Kenntniß der Behörden vor sich gingen. Die Verhandlung wendet sich nun den in den beiden Broschüren enthaltenen zahlreichen Beleidigungen des Herrn Isidor Loewe und Oberstlieutenant Kühne zu. — Präs : Sie werden doch zugeben müssen, daß beide Broschüren, namentlich der zweite Theil, von gröblichen Beleidigungen wimmelt. — Der Angekl. giebt zu, daß manche Ausdrücke zu hart seien, führte aber zu seiner Entschuldigung an, daß er, nachdem er diese Thatsachen sämmtlich konstatirt, zu sehr erregt gewesen sei. Außerdem habe ihn ein von Herrn Loewe ausgegangener und in einer Dresdener Zeitung veröffentlichet Brief sehr alterirt, in welchen gesagt worden, daß er verrückt und Alles von ihm erlogen sei. Es sei doch im Allgemeinen nicht angenehm, wenn man für verrückt erklärt werde. — Zeuge Lowe: Ich hatte unzählige herzzerreißende Briefe von Juden aus kleinen Städten erhalten, in welchen ich beschworen wurde, gegen Ahlwardt etwas zu unternehmen, da sie zu großen Unbilden ausgesetzt seien. Ich habe das alles unberücksichtigt gelassen, ebenso habe ich die Anerbietungen zahlreicher Personen, welche Broschüren gegen Ahlwardt schreiben wollten, refüsirt. Es befanden sich darunter sogar ausgesprochene Antisemiten, wenigstens gaben sie sich als solche aus, welche mir anboten, mir Alles mögliche aus Ahlwardts Leben mitzutheilen. — Präs, (zum Angeklagten Wenn Sie Herrn Oberstlieutenant Kühn plötzlich zu einem Juden Kohn machen, so werden Sie doch nicht zweiselhaft sein, daß dies eine Beleidigung ist. — Angekl.: Die Thatsache war mir mitgetheilt und nachdem ich Herren Kühne gesehen und seine Sprache gehört, bin ich jetzt erst recht der Meinung, daß er jüdischen Stammes, wenn auch nicht jüdischen Glaubens ist. Die Bezeichnung als Jude ist doch nicht beleidigend. — Vors.: Vielleicht kommt noch die Zeit, wo Jemand auch Sie für einen Juden erklärt; das würden Sie doch gewiß als Beleidigung empfinden. — Angekl.: Ich ganz gewiß. — Präs.: Sie verfallen dann auch wieder mit einem gewissen Behagen in das Bestreben, den Behörden etwas am Zeuge zu flicken. — Angekl.: Das ist gar nicht meine Absicht. Aber nach den Erfahrungen, die ich in der Affaire Bleichröder gemacht habe, habe ich doch großes Mißtrauen gegen die Gerechtigkeit der Staatsanwälte. —Bors.: Dem Staatsanwalt wird es sehr gleichgiltig sein, was Sie von ihm glauben. Ich bitte aber nicht Sachen hineinzumengen, die nicht zur Verhandlung stehen. Zeuge Paul Noack giebt auf Befragen des Vorsitzenden an, daß er wegen Betruges, Unterschlagung und schwerer Urkundenfälschung vorbestraft sei. Er sucht die Sache darzustellen, als ob das Komplott zur Erlangung von 15,000 Mark gewissermaßen nur ein „Scherz" gewesen sei. Der Vorsitzende verweist dem gegenüber auf eine Anzahl von Briefen, welche der Zeuge an den Direktor Loewe bezw. an einen anderen Vorgesetzten gerichtet hat. Es wird darin immer wieder um Geld resp. um ein Darlehn von 500 Mark gebeten mit dem nicht mißzuverstehenden Hinweise, daß er sonst gewisse Geheimnisse, die ihm aus dem Fabrikbetriebe bekannt geworden, der Oeffentlichkeit preisgeben werde. Wenn man ihm dagegen das Geld gebe, dann werde er das Geheimniß mit ins Grab nehmen und verspreche, uie mehr nach Berlin zu kommen. Einem Briefe war auch gleichzeitig der Entwurf eines Artikels beigelegt, den der Zeuge event. an den „Vorwärts" abgeben wollte. — Ter Zeuge erklärt, daß er nur habe versuchen wollen, Geld zu erhalten, weil er sich in einer verzweifelten Lage befunden. Der Zeuge war in Martinikenselde als Schreiber beschäftigt. Er bekundet, daß der Arbeiter Scharffe verschiedene Male an der Scheibe falsche Umringelungen vorgenommen habe. In wessen Aufträge er dies gethan, wisse er nicht. Ebenso ist ihm bekannt, daß Gans mittels Nachschlüssels aus dem Patronenkasten Patronen entnommen habe und an Meister Leschek habe weiter befördern lassen. Dem Zeugen ist es nicht bekannt gewesen, daß den königlichen Büchsenmachern zeitweise gestattet war, für Loewe zu arbeiten, und er wußte auch nicht, daß es dem Oberbüchsenmacher Kirch, der die Gewehre in Spandau abzunehmen hatte, gestattet war, kleine Reparaturen, die sich als nothwendig zeigten, gleich selbst vorzunehmen, und dafür zu liquidiren. Der Zeuge hat aus Eintragungen in die Bücher entnehmen zu müssen geglaubt, daß es sich dabei um Bestechungen der Militärbeamten handelte. Die Firma habe an die Büchsenmacher 270 Mark monatlich gezahlt. Die Rechnungen habe er zu besorgen gehabt, und bei der Lohnangabe habe er mit kleiner Schrift beischreiben müssen „Für Revision". Oberbüchsenmacher Kirch in Spandau habe alle vier bis sechs Wochen eine Rechnung an die Firma Ludwig Loewe über 150 bis 180 Mark mit dem Vermerk „Für entstandene Reparaturen" eingeschickt. — Oberbüchsenmacher Kirch erklärt, daß er für solche kleine Reparaturen im Durchschnitt 10 Pfennige liguidirt habe, und daß im Ganzen etwa 1000 Mark von ihm ganz berechtigter Weise liguidirt worden seien. — Präs..- Sie sehen, Angeklagter, wie sich Alles naturgemäß aufklärt. — Angekl.: Ich habe in der Broschüre nur das geschrieben, was mir Noack mitgetheilt hat. — Präs.: Hier klärt sich aber Alles in absoluter Ruhe auf. Sie haben aber Alles mit furchtbarstem Haß dargestellt. Die Denunzation, welche Ahlwardt am 29. November bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht II eingereicht hat, dürfte mit deren Zurückweisung allein noch nicht abgethan sein, sondern es scheint nach den in den betheiligten Kreisen gepflogenen Erörterungen beabsichtigt zu werden, den Urheber dieser gegen den Oberstlieutenant Kühne und Genossen erneut vorgebrachten Beschuldigung wegen wissentlich falscher Anschuldigung unter Anklage zu stellen. Aus den Verhandlungen des vierten Tages, die sich hauptsächlich mit Unregelmäßigkeiten, die nach A h lw ar d t'S Angabe bei der Fabrikation von Gewehren vorgekommen sein sollen befassen, heben wir Folgendes für uns Interessante hervor: Sanitätsrath Dr. N e u m a n n richtet an den Präsidenten das Gesuch, für heute entlassen zu werden. Es wird genehmigt und richtet der Präsident an die Parteien die Frage, ob nicht überhaupt auf die beiden Zeugen, welche in Betreff der Alliance Jsraelite Aufklärungen geben sollen, verzichtet wird. Erster Staatsanwalt Drescher: Ich habe bereits gestern erklärt, daß ich auf Grund der bisherigen Beweisaufnahme