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Der Israelit · 1892-12-01 · Heft 95 (1.12.1892) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 95 (1.12.1892)
Date
1892-12-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1822 Solche Zustände, wte sie jetzt in Friedberg- Arnswalde der erstaunten Mitwelt entgegengähnen, sind aber nicht allein das Werk eines Einzelnen oder Weniger. Sie sind die Folge der ganzen Entwicklung, welche wir seit einem Dutzend Jahren in Deutschland zu verzeichnen haben. Ist nicht die Agitation großer Parteien, ist nicht sogar die vom Fürsten Bismark inaugurirte Art und Weise, in Deutschland zu wirthschaften, geeignet gewesen, das Anstandsgefühl im Volke systematisch zu unterdrücken und Neid und Mißgunst ebenso wie die Sucht nach unrechtmäßigem Gewinn zu fördern und zu pflegen? Hat nicht Fürst Btsmark zunächst den Sozialismus gehätschelt und aufgepäppelt, weil er das liberale Bürgerthum damit vernichten wollte, hat nicht Stöcker seine Judenhetze unter den Augen des Ministers des Innern v. Puttkammer betrieben, der von einer Loge aus ihm zuhörte? Die Erfolge der Agrarier und der Zünftler haben gezeigt, daß der am meisten unberechtigte Vortheile mit Hilfe der Gesetzgebung für sich herausschlägt, der am lautesten schreien kann. Man hat die Landwirthschast gegen den „verderblichen Zwischenhandel", den Kaufmann ^egen den Hausirer, den Handwerker gegen den Kaufmann, den Arbeiter gegen den Unternehmer, den Grundbesitzer gegen das mobile Kapital aufgehetzt, man hat allmälig den Glauben zu verbreiten gewußt, daß es am besten sei, wenn Jeder rücksichtslos nur seine Interessen wahrnehme, unbekümmert darum ob er Andere dabei über den Haufen rennt oder zu Boden tritt. Die reichen Leute, die Männer des fundirten Kapitals, Besitzer von Quadratmeilen haben sich nicht gescheut und scheuen sich jetzt nicht, mit Hilfe der Gesetzgebung sich Vortheile zu verschaffen. Jeder sucht so viel zu gewinnen, wte er kann. Alle die Leute, welche auf diese Weise das Interesse der Gesammtheit mit Füßen treten und nur an die Füllung ihrer eigenen Taschen denken, haben naturgemäß das Bestreben, die Aufmerksamkeit derer, welche die Kosten bei diesem Raubzuge tragen müssen, von sich abzulenken. Und da ist man denn auf die Idee gekommen, dem Kleinbürger, dem kleinen Handwerker, überhaupt Allen, die unter der gegenwärtigen Wirthschaftspolitik leiden, vorzureden, alle Noth komme nur von den Juden her, vom jüdischen Kapital. Die Leute, welche dieses Märchen gewerbsmäßig verbreiten, welche von der verfassungswidrigen Agitation gegen die jüdischen Mitbürger leben, werden bezahlt von Hintermännern, die ihre Sonderzwecke im Auge haben. Konservative Leute sind es, die dahinterstecken, die die ungeheuren Mittel hergeben, welche erforderlich sind, um einen Wahlkreis so systematisch zu unterwühlen. wie dies in Friedeberg-Arnswalde geschehen. Wer die Broschüren Ahlwardts gelesen hat, der weiß, daß er sich hoher Gönnerschaften erfreut, der fühlt heraus, daß er nur deshalb mit einer bisher in Deutschland unerhörten Frechheit alle möglichen Behörden und staatlichen Einrichtungen zu verdächtigen wagt, weil er einflußreiche Gönner besitzt. Die Erfolge dieses Mannes, schreibt das B. T.,dem wir diese Betrachtung entnehmen, ein Mann, der aus den Stöcker-Hammersteinschen Ideen und Anschauungen die letzten Konsequenzen gezogen hat, sind der beste bisher erbrachte Beweis für die Wahrheit des Wortes: Verleumde nur tüchtig darauf los, etwas bleibt immer davon hängen! Schon lange haben sich aufrichtige Patrioten gefragt: wird nicht die Bevölkerung an Allem irre werden, wenn Ahlwardt ganz Deutschland bereift und überall die erstaunlichsten Erzählungen verbreiten darf? Wir haben die Beobachtung gemacht, daß sonst ganz verständige Menschen sagten: etwas muß.doch Wahres daran sein, sonst ließe man das Treiben nicht zu. In Arnswalde hat der Mann sich mit viel Erfolg daraus berufen dürfen, daß er bisher nicht bestraft sei, ausgenommen wegen Beleidigung des Berliner Magistrats, und daß er überall ungestört seine Anklagen verbreiten durfte. Das hat der großen Masse umsomehr eingeleuchtet, als die Conservativen ihm schon durch Verbreitung des Judenhasses gut vorgearbeitet hatten und als die Vorbilder der Gemeinden, die stöckerfreundlichen Geistlichen, für den christlichen Ahlwardt, den Bekämpfer des Judenthums, eintraten. Politischer, wirthschaftlicher und religiöser Fanatismus, alles kam zusammen, um Stimmen zu werben für den Mann, den man nebenbei noch schilderte als Märtyrer seiner Ueberzeugung, weil er wegen Beleidigung des Berliner Magistrats ins Gefängniß gesetzt wurde. Wenn Ahlwardt in den Reichstag gewählt werden und bei den Conservativen neben seinem Seelsorger und Freunde Stöcker Platz nehmen sollte, so wird er da sitzen als lebendes Beispiel für die Früchte der konservativen Politik des letzten Jahrzehnts. Wir sind neugierig darauf, zu sehen, ob seine antisemitischen Gesinnungsgenossen in der konservativen Partei es mit ihren sonstigen Lebensgewohnheiten werden vereinbaren können, mit diesem Manne persönlich zu verkehren. Aber einerlei, wte man sich äußerlich zu ihm stellen wird, das wird Niemand bestreiten können, daß es die Schuld der Conservativen ist, wenn der Reichstag diese Persönlichkeit in seiner Mitte dulden muß. Wir gönnen den Conservativen den Triumph, einem Ahlwardt den Weg in den Reichstag geebnet zu haben, von ganzem Herzen. Denn erst wenn diese katilinarische Existenz im Parlament sitzt, wird wetten Kreisen,

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