Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXJULI. Jahrgang. Imeite Kellage;u M 95 des ,Jsrnelit“. ZeituugSuachrichteu und Correspondeuzeu. Deutschland. Berlin, 28. Nov. Am vergangenen Donnerstag fand die Ersatzwahl im Reichstagswahlkreise Friedberg-Arnswalde statt, in welchem im Jahre 1890 der allkonservative Herr v. Meyer-Arnswalde mit 6740 Stimmen (gegen 6258, die auf den freisinnigen Kandidaten von Reibnitz fielen) gewählt wurde. Das Resultat ist, um dies gleich vorwegzunehmen, daß der gegenwärtig eine Gefängnißstrafe abbüßende, vom Amt suspendirte Rektor Ahlwardt in Berlin annähernd so viel Stimmen erhalten hat wie die sämmtlichen übrigen Kandidaten zusammen. Das ist eine Thatsache, die jedenfalls geeignet ist, im ganzen deutschen Reiche das größte Aufsehen zu erregen. Der Abgeordnete v. Meyer, der bisher den Wahlkreis vertrat, war konservativ vom Scheitel bis zur Sohle. Gleichwohl haben alle Parteien anerkannt, daß derselbe ein hochachtbarer Charakter durch und durch, ein Edelmann im besten Sinne des Wortes gewesen ist und stets dem entsprechend gehandelt hat. Mehr als 6000 Wähler haben für die Nachfolgeschaft dieses bet Freund und Feind hochgeachteten und hochgeehrten Volksvertreters einen Mann für würdig befunden, der aus der verleumderischen Sensation ein gut gehendes Geschäft gemacht hat, nachdem die Sammlungen mildthätiger Männer, von denen er lange gelebt, sich nicht mehr als ausreichend erwiesen hatten für die Befriedigung seiner Bedürfnisse; der den Berliner Magistrat, welcher eine erstaunliche Langmuth gegen ihn bewiesen, zum Danke dafür dermaßen durch lügnerische Anschuldigungen beleidigte, daß ein preußischer Gerichtshof vier Monate Gefängniß als Sühne dafür als erforderlich erachtete; der gegen Eintrittsgelder einer sensationslüsternen Menge die erstaunlichsten Geschichten über Behörden, Beamte, über Staat und Reich, über Alles und noch einiges Andere vor—erzählte und für den jetzt, wo ihn feine Gefängnißstrafe an der Ausübung seines Gewerbes hindert, gegen Bezahlung alle Welt zu verleumden, von Andern gesammelt wird. Dieser Mann, der seit langer Zeit nur vom Klingelbeutel lebt, den sein gleichfalls bestrafter antisemitischer Parteigenoffe Dr. Stein und Zeugen vor Gericht beschuldigt haben, daß er das Gehalt armer Lehrerinnen erhob, für fich verwendete und statt des erhofften Geldes diesen Frauen Wechsel gab — Ahlwardtsche Wechsel! —, den Stein weiter beschuldigte, durch betrügerische Manipulationen um hohe Beträge diejenigen beschwindelt zn haben, die seine Schulden bezahlten, dieses Muster eines Lehrers der Jugend wird für würdig erachtet, als Nachfolger eines allgemein geachteten Ehrenmannes einen Wahlkreis im Reichstage zu vertreten! Wie ist so etwas möglich? werden weite Kreise erstaunt fragen. Man muß darauf erwiedern, daß es nicht so weit hätte kommen können, wenn nicht das Gerechtigkeit- und Anstandsgefühl gewiffer Wählerkreise, eines erheblichen Theiles der Bevölkerung, bedenklich herabgemindert wäre. Früher mußte Jeder, der sich um die höchste Ehrenstelle im Staat, um ein Mandat als Volksvertreter bewarb, eine makellose Vergangenheit aufweisen und sich allgemeiner Achtung, allgemeinen Vertrauens erfreuen. Ein Mann, dessen Schild nicht blank, dessen Leben nicht fleckenlos war, durfte es nicht wagen, sich um einen Sitz im Parlamente zu bewerben. Und jetzt betrachten Tausende als den Mann ihres Vertrauens einen Menschen, mit dem anständige Leute nicht verkehren können, mit dem nicht einmal ein Mann von der Skrupellosigkeit eines Boeckel etwas zu thun haben will. Dieser Antisemitenführer hat soeben noch dem Ahlwardt bezeugt, daß er Unwahrheiten verbreitet, nur um Sensation zu machen um jeden Preis. Daran, daß so viele unserer Mitbürger leider so tief gesunken sind, daß ihnen nicht nur jede Toleranz, sondern auch jedes Gefühl für Anstand, für Schicklichkeit, für Sittlichkeit verloren gegangen ist, sind jene gewissenlosen Agitatoren schuld, welche jetzt schon länger als ein Jahrzehnt im ganzen Lande gehetzt und geschürt haben, welche statt Einigkeit Uneinigkeit zu stiften suchen, welche statt Liebe Haß säen, welche anstatt die edlen Regungen in der Menschenbrust zu pflegen, an die niedrigsten Leidenschaften appelliren und Alles daran setzen, den Menschen einem Raubthier so ähnlich wie möglich zu machen. Neid und Mißgunst wurde systematisch im ganzen Lande durch Wort und Schrift verbreitet. An allem Guten, Edlen und Schönen, an Allem was bisher für heilig gehalten wurde, mußten die Ungebildeteren um so eher irre werden, als gerade Prediger der christlichen Liebe es waren, die Haß und Neid verbreiteten und gegen die jüdischen Mitbürger eine Agitation entfalteten, die mit dem Geiste des Christenthums unvereinbar ist. Herr Stöcker, der der Erste war, welcher nach dem Tode v. Meyers die Judenhetze in den KreiS trug, der noch neulich den Ahlwardt als einen ehrlichen Mann bezeichnete, der nur gute Abfichten habe, Herr Stöcker kann sich rühmen, sehr, sehr viel dazu betgetragen zu haben, daß es so wett gekommen ist.