Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1892)
- Date
- 1892-11-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. Beringe M M 92 des „Israelit". Leitender Artikel. Arische Lokalpresse und semitische Annoncen. Auch ein Wink zur Abwehr. Von D. K. (Schluß.) Bei den Antlsemtten thut der plötzliche Gesinnungswechsel dem Namen allerdings keinen Eintrag. Dort, wo anscheinlich — wie in den berüchtigten italienischen Geheimbünden — jedes neueintretende Mitglied durch ein Gaunerstückchen die Qualification zur Aufnahme Nachweisen muß, dort, wo notorische Verleumder, Stampilgienfälscher, Alimentenverweigerer. Meineidige, kurz — um mit Herrn Stöcker zu reden — übel beleumundete Subjekte die Führerrolle übernehmen, da werden alle neu eintretende Genossen als neue Hilfskräfte willkommen geheißen, dort, wo gerichtlich gebrandmarkte Ehrabschneider xersonae gratae find, kennt man die Frage nicht -. „Wie heißt Du, woher kommst Du und von welcher Partei bist Du?" Im antisemitischen Lager kommt es nie drauf an, daß ein neueingetretenes Mitglied oder eine neugewonnene Zeitung früher andere Ideen verfocht, die nur aus pekuniären Gründen, gleich einem Mantel, abgeworfen wurden. Unsere Pflicht, die Aufgabe eines jeden human und aufrichtig Denkenden, der in der Niederschlagung der gegenseitigen Verhetzung die Aufgabe unserer Zeit sieht, ist es nun, durch Kennzeichnung von Zeitungen obigen Kalibers das Gift zu tö dten, welches dieselben in unseren Volkskörper einzuträufeln suchen. Lange genug hat ihr Unfug gedauert und die jüdische Gleichgiltigkeit hat ihn lange genug, wenn auch unbewußt, gefördert. Entschlossen soll hier eine Wendung geschaffen werden. Die oftgehörte Phrase: „Wir würden den Blättern ja gerne unsere Unterstützung entziehen, aber ihre, aus liberalen Zeiten datirende, große Verbreitung zwingt uns, ihnen unsere Inserate zu geben", sei in ihrer ganzen Nichtigkeit blosgelegt. Vergessen wir nie, daß es nicht allein diese Blätter sind, die unsere Geschäfte groß machen, sondern daß es in größerem Maße unsere Geschäfte sind, die diese Zeitungen bereichern und lebensfähig machen." Entziehen wir also diesen Zwitterjournalen unsere Abonnements und unsere Annoncen. Mögen sie — bevor noch ihr Uebertritt ins extreme Lager offiziell geworden ist — von der Minute an, wo sie suchen, den wässerigen Inhalt ihrer Spalten durch einige Tropfen christlich-sozialen „Geistes" zu verbessern, sich auch darauf verlegen, den Inserate nth eil mit antisemitischem „Stoff" zu versehen. Eine jede Zeitung, die offen und ehrlich für ihre Ueberzeugung eintritt und die den Muth besitzt, gekräftigt von dieser Ueberzeugung, auch ohne das Zugmittel antisemitischer Phrasen den Kampf mit der Concurrenz zu kämpfen, sie muß und soll unsere Unterstützung finden, alle diejenigen Blätter aber, welche glauben, derselben nicht entbehren zu können, sie mögen ihre Förderung bei denen suchen, für die sie arbeiten, bei Stöckerianern und Böckelianern. Wir alle, die wir echt deutsch und deßhalb wahrhaft aufrichtig denken, wollen uns nicht lächerlich machen, indem wir die Füße unserer Feinde küssen, während sie uns treten. Seien wir uns bewußt, daß die Pflicht der Dankbarkeit es erheischt, denen unsere ausgedehnteste Unterstützung zu Theil werden zu lassen, die in uneigennützigster Weise und obwohl sie von ihren eigenen Glaubensbrüdern dieserhalb verhöhnt, verspottet und als Judenknechte verschrien werden, die aufs schändlichste angegriffenen Menschenrechte selbstlos vertheidigen, oder die ad minimum ihre Taktik darin sehen, jedem Menschen seinen Glauben und seine Ueberzeugung — soweit diese nicht den Begriffen des Weltbürgerthums oder den staatlichen Pflichten entgegentreten — unbesudelt zu lassen. Jeder Deutsche, speziell natürlich jeder jüdische Deutsche, betrachte es als Ehrenpflicht, diesem Hinweise nachzukommen, will er sich nicht als persönlicher Förderer der antisemitischen Sache anklagen. Es ist eine traurige Thatsache, daß die antisemitische Bewegung nur deßhalb anscheinend eine erschreckende Ausdehnung gefunden hat, weil die für sie streitenden Blätter die Unkosten der zur Verhetzung bestimmten Artikel durch die Annoncen und Abonnements größtentheils jüdischer Firmen zu decken in der Lage sind. Wenn wir den Zeitungen schon in ihrem christlich-sozialen Verpuppungszustande unsere Unterstützung entziehen, dann wird damit die Möglichkeit ziemlich in die Ferne gerückt sein, ihnen zu der Zeit selbige zu schenken, wenn mittlerweile aus der Puppe die Raupe gekrochen ist. Wie Jemand, der lange Jahre gewohnt ist, den jeweiligen Stand der Tageszeit von einer bestimmten Stelle der Wand abzusehen, selbst dann