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Der Israelit · 1892-11-14 · Heft 90 (14.11.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 90 (14.11.1892)
Date
1892-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1709 Berlin, 8. November. Die hiesige „Städtische Schuldeputation" versendet an die Leiter der Berliner jüd. Religionsschulen nachfolgendes Schreiben: ,/Zufolge Höherer Anordnung ersuchen wir Sie uns umgehend je ein Exemplar der in Ihrer Religtonsschule gebrauchten Reltgtonsbücher mit einem Verzeichniß einzusenden. Dieselben werden sodann an das Provinztal-Schul-Kollegium bezw. den Herrn Minister befördert werden." Wir erlauben uns diese ebenso harmlose als ganz berechtigte Maßregel mit einigen Bemerkungen zu versehen. Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß die Prüfung des Inhaltes der israelitischen Religionsbücher in Folge der Denunziationen der „Berliner Kreuz- Zeitung" geschieht. Dieses Blatt hat sich seit einiger Zeit die Herabwürdigung der israelitischen Religion als Ziel ihrer beglückenden Wirksamkeit erkoren. Eine Fluth von Schmähungen strömt seit Wochen auf die Häupter der jüdischen „Katechismen" herab. Obgleich kein einziger dieser Artikel einen Verfasser namhaft machte, noch einige Kapitel oder auch nur Ziele eines Werkes bezeichnen konnte, die sich eines Vergehens gegen Andersgläubige oder gegen den Staat schuldig gemacht, so wird diesen Ausbrüchen rohester Verleumdungssucht dennoch Beachtung geschenkt. Die Behauptung eines grimmigen Judenhassers, welchem das Hassen und Beschimpfen einer Religionsgemeinschaft zur Lebensaufgabe geworden, wird an höchster Stelle ernst genommen. Das ist es, was uns tief betrübt. — Denn es wird die Möglichkeit zugegeben, daß in dem Wuthgeheul des antisemitischen Hauptorgans ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, daß es einen Reltgionslehrer im gesammten deutschen Reiche, oder sagen wir, in der ganzen civilisirten Welt geben könnte, der gegen den Wortlaut der Bibel und des Talmud Menschenhaß lehrte. Diese Thatsache muß auf uns eine höchst niederschlagende Wirkung üben. Wir zählen seit achtzig Jahren zu den reckpirten Confessionen im preußischen Staate; wir erfreuen uns in andern deutschen Staaten der vollen Gleichberechtigung; in Oesterreich-Ungarn sind die letzten Bollwerke, welche uns von den andern Bekenntnissen geschieden, bereits gefallen; England, Frankreich und Italien sind bestrebt selbst das A nd enken an die verflossene Demüthigung der israelitischen Gemeinschaft zu vertilgen: und in unserer Mitte sollte noch ein einziger Niederträchtiger leben, der gegen das Gebot Gottes verstoßen und Liebe mit Haß lohnen könnte? — Dann müßten wir allerdings die Existenzberechtigung des Antisemitismus rückhaltslos anerkennen. Ein undankbares Volk, welches Wohlwollen mit Lieblosigkeit lohnt, welches das gefährliche Gift des Menschenhasses in das Herz der zarten Jugend pflanzt, das verdient keine Gnade. Wir dürfen aber anderseits auch hoffen, daß nach erfolgter Prüfung unserer der wissenschaftlichen Welt zugänglichen Religionsbücher, die gebührende Züchtigung der Kläffer erfolgen wird. Denn ein Stillschweigen, ein Verheimlichen des gewonnenen Resultats würde von den Kläffern nur zu ihrem unseligen Zwecke ausgebeutet werden. Unsere Religionslehre ist wieder einmal vor den Richterftuhl der Civilisation gefordert worden; wir sehen der Entscheidung getrosten Sinnes entgegen. Durch die wissenschaftliche Qualifikation streng frommer christlicher Gelehrter ist jede Dunkelheit erleuchtet, jeder Zweifel gelöst worden. Jedes Werk unserer Religionswissenschaft ist ihnen zugänglich, keine Sprachhärten hindern sie in die Tiefen unserer Getftesschätze einzudrtngen, ihre Meister übertreffen oft unsere jüdischen Gelehrten an gründlicher Kenntniß unserer rabbinischen Dialekte, so daß mit dem Aufgebot der erprobtesten Mittel gearbeitet werden kann. Wir sehen der Veröffentlichung des Ergebnisses mit Spannung entgegen und werden uns erlauben s. Z. zu der Angelegenheit Stellung zu nehmen. N. Berlin, 8. November. (Die Antisemiten und die deutsche Wissenschaft). Dem verstorbenen Profeffor Windscheid, dem vielgefeierten und vtelbetrauerten großen Rechtslehrer, widmen die in Leipzig erscheinenden antisemitischen „Deutsch-sozialen Blätter" folgenden gefühlvollen und geschmackvollen Nachruf: „Der unselige Pandekten-Windscheid, der Angelpunkt aller Verrömerung und Verknöcherung unserer Juristen, hat das Zeitliche gesegnet. Man wird es in künftigen Zeiten nur mit Kopfschütteln hören, daß dieser Mann noch zwanzig Jahre nach Errichtung des Deutschen Reiches ein solches Ansehen genießen konnte, daß seine Weisheit das A und O unserer Gesetz-Ausleger war und alle Vernunft und alles sittliche Rechtsgefühl oft verstummen mußte vor den Worten: Windscheid hat es gesagt. Er war ein Windschiefes Richtschetdt, nach dem die Rechtsbegriffe im deutschen Reiche in den letzten Jahrzehnten geebnet wurden. Hoffentlich neigt mit dieser Säule des Fremdwesens auch der römischsemitische Geist seinem Ende zu." „Römisch-semitisch" ist gut. Im übrigen ist dieser Nachruf ein bemerkenswerthes Zeichen antisemitischer Rohheit. Die Frage, wie weit der Einfluß des römischen Rechtes unseren modernen Verhältnissen schädlich oder zuträglich ist, also eine rein sachliche Frage, zur Verunglimpfung von Verstorbenen zu benutzen,

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