Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Der Israelit Et« Aenlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehma«« tn Mainz. Donnerstag, den 10. November SOLL (1899). Leitender Artikel. Es wird Tag! Von Rabbiner Dr. Adolf Blumenthal in Ratibor. Die morgenländtsche Sage weiß von einer weiblichen Dämonengestalt, Lilit, zu erzählen. In der persischen Götterlehre ist sie die Mutter des Ariman, des GotteS der Ftnsterniß; nach jüdischer Ueberlieferung war sie die Genossin des ersten Menschen, trennte sich aber bald von ihm und nun schweift sie im schwarzen Flügelkleide mit einer großen Schaar von bösen Geistern, die ihre Kinder sind, nächtlicher Weile über die Erde. Sie dringt in das Zimmer der Schlafenden und ergreift die Schuldlosen; sie raubt den Eltern die Lieblinge aus der Wiege und mordet so den Frühling der Menschheit. Sie ringt einen heftigen Kampf mit dem dämmernden Morgen, doch wenn der Himmel im Osten sein flammendes Auge aufthut und der erste Sonnenhauch die Erde küßt, dann bricht sich ihre finstere Gewalt am leuchtenden Strahle, und Lilit verschwindet mit ihrer Geisterschaar. Auch hier scheint ein sittlicher Kern in sagenhafter Hülle sich zu bergen. Denn fürwahr, seitdem die Erde Dornen und Disteln trägt, schwingt Lilit. die Nacht der Finsterniß, ihren Herrscherstab. Schon dem ersten Menschen vermählte sie sich im Paradiese, aber das von der lichterfüllten Gottheit geschaffene Wesen konnte mit der Finsterniß keinen dauernden Bund schließen, und nun schweift die finstere Bosheit nächtlicher Weile unter den Menschen, gram allem Lichte, feind aller Wahrheit. Sie kämpft im Dunklen mit ihren vergifteten Waffen, sie mordet den wehrlosen Träumer, sie will die Zukunft der Menschheit vernichten, doch mit dem ersten Sonnenstrahl schwindet die Ftnsterniß, und wenn der Morgen kommt, muß Lilit weichen. Man braucht sonst an Dämonen und böse Geister nicht zu glauben.- an Lilit, an den bösen Geist der Finsterniß zu glauben, hat Israel in seiner thränenvollen Geschichte gelernt. Die Finsterniß mit ihrer Kinderschaar, der Lüge, der Bosheit, der Verleumdung, schweifte durch die Jahrhunderte und vernichtete unser Glück. Sie durfte es wagen, denn es war finster in der Welt. Noch heut tummelt sie sich unter den Menschen, heut toller denn zuvor und es scheint, als ob Lilit die Zukunft der Menschheit vernichten wollte. Aber nein, es ist nur der letzte Kampf der Ftnsterniß mit dem dämmernden Morgen, es ist ihr letztes verzweifeltes Ringen, denn die Nacht muß ja weichen, und es wird Tag. Der Hexentanz der Lüge, welcher in der letzten Zeit wilde, wahrhaft erschreckende Formen angenommen hatte, scheint den Höhepunkt erreicht zu haben. Die Nacht des Mummenschanzes geht zu Ende, die Sonne strahlt auf und ihre einzelnen Strahlen, das sind die begeisterten Kämpfer gegen Wahn und Finsterniß. Unter diesen Männern hat sich unvergängliche Verdienste um die Wahrheit D. Hermann Strack erworben, der streng orthodoxe und hochkonservative Professor der protestantischen Theologie an der Berliner Universität und das Ehrenmitglied des antisemitischen „Vereins deutscher Studenten." Pros. Strack kämpft seit Jahren rastlos und unermüdlich gegen die antisemitischen Lügen, soweit sie die israelitische Religion betreffen. Der gefeierte Gelehrte verrichtet eine wahre Herkulesarbeit; er reinigt und reinigt den Augiasstall der Antisemiten, aber der Stall will nicht sauber werden. Wir haben vor mehr als Jahresfrist die verdienstvolle Brochüre Stracks über „den Vlutaberglauben bet Juden und Christen" in diesem Blatte eingehend besprochen; heute liegt eine wesentlich umgearbeitete Auflage, man könnte fast sagen, eine neue Schrift desselben Verfassers vor, die wegen der Behandlung aktueller Tagesereignisse die weiteste Aufmerksamkeit verdient. Das Werk lautet: „Der Blut aberglaube in der Menschheit, Blutmorde und Blutritus.