Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1892)
- Date
- 1892-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXHI. Jahrgang. Jfo 88. Der Israelit Ein HenLrak-Hrgan für das orthodo.re Iudenlhum. Begründet von Vr. Lehman» in Mainz. Montag, den 7. November 5653 (1893). Leitender Artikel. Berliner Briefe. ii. Berlin, 2. November. N. Die großmächtige Presse, die ihre Lichtstrahlen nach allen Weltenden aussendet, glaubt auch uns erleuchten zu müssen. Sie erbarmt sich der vielgehetzten Lämmlein, denen der dräuende Rachen des Antisemitismus Untergang kündet, und breitet väterlich ihre schützende Ftttige aus, um die Gefahr abzuwehren. Aber mwn n« roriN, die Liebfreundlichkeit wird gefährlicher als der grimmigste Haß, wenn sie die Grenzlinie unbedachtsam überschreitet. Die gewaltige, freundlich gesinnte Presse wirkt verderblich, verheerend, wenn sie in unsere innern, religiösen Angelegenheiten eindringt. “ Das Thema ist viel zu subtil, als daß die Tageskritiker sich an dasselbe heranwagen dürften. Die Presse vertritt ihr gutes Recht, wenn sie die politisch religiösen Parteien in ihre Schranken verweist. Sie begeht aber einen unverantwortlichen Frevel, wenn sie in die intimsten Angelegenheit einer Confession hineindringt, einer Confession, die nichts mit der Politik zu schaffen haben mag. Wir kämpfen nicht in den Reihen des Centrum und beglücken nicht mit jüdisch-sozialen Weltanschauungen, wir wollen im Gottes- und im Familienhause religiös leben und bitten, uns nicht darin zu behindern. Wir wollen unsere ewigen Lehren in das Herz unserer Kinder säen und gestalten uns dieser seelischen Freude unsere Opfer zu weihen. Da fühlt sich eines schönen Tages ein von Menschenliebe durchzuckter Literat berufen mit seiner welterleuchtenden Idee auch die armen Juden beglücken zu müssen. Mit einer staunenswerthen Findigkeit entdeckt er das Mittel die gesammte israelitische Gesellschaft von einer vieltausendjährigcn Bürde befreien zu können. Das fünfundzwanzigstündige Kasteien vom Sonnenuntergang des 9. bis zum Sternenausgang I des 10. Tischri, das muß durch einen Federstrich vernichtet werden. Man schreibt und druckt es den taufend Lesern vor, daß das Rabbtnat zu Berlin das Fasten am Jom Kippur einzuschränken beabsichtigt. Der dienstbereite Draht sorgt für die weiteste Verbreitung dieser Nachricht, damit ist die Axt gelegt an die alte Eiche, welche bisher selbst dem rücksichtslosen Ansturm der Reform widerstand. Wozu fasten, wenn die „höchste Autorität des Landes" es untersagt? — So beschwichtigte ein nicht geringer Theil der breiten Maffe des Volkes das mahnende Gewissen. — Dieser wuchtige Streich der sonst wohlgesinnten Presse drang tiefer als die zahllosen Brand- und Schandreden der Kläffer. Die gefeierten Herren der Tagesliteratur haben unbewußt ein unverantwortliches Unheil angestiftet, sie haben ohne Mandat und ohne von einer Seite Dank zu ernten, die Rolle der Verführer übernommen. Es mag den Urhebern dieser Lügenmähr höchst gleichgültig sein, wenn eine Anzahl Israeliten den letzten Rest ihres Glaubens abthun, sie mögen den wohlgelungenen Scherz auf Conto ihres blühenden Scharfsinns schreiben, aber moralisch war diese That nicht. Allerdings hätte das Rabbinat diese Bevormundung energisch zurückweisen können, es hätte die Urheber dieser Unthat brandmarken und die Erfinder dieser Unwahrheit blosstellen können. Aber dem Rabbinat stehen die Schnellpresse und die elektrischen Drähte nicht so dienstfertig zu Gebote wie den Redaktionen der Weltblätter. So kreiste denn eine Lüge durch den Erdball und ergriff die schwachen Herzen, bemächtigte sich der leichtfertigen Seelen und eine Nachricht, die nichts weiter als ein raffinirter Spaß sein durfte, wurde für die Emanation einer geistlichen Behörde gehalten. *) *) Aber was hinderte das Berliner Rabbinat, wie es seine Pflicht gewesen wäre, die Nachricht sofort in dem Blatte, wo sie zuerst gestanden, oder in mehreren Hauptblättern, energisch zu dementiren? Das Stillschweigen des Berliner Rabbinats war noch verhängnißvoller und unverzeihlicher, als der vermeintliche Spaß der Presse. Red.