Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1892)
- Date
- 1892-11-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1664 Makler, Experten und Notare werden. Ein neues Gesetz über die Börsen ist soeben vom Comite der Minister gutaeheißen worden, dasselbe legt den Rechten der Israeliten große Einschränkungen auf. Anbei eine der Verordnungen dieses Gesetzes, wie sie der Odeskt Listok vom 21/4. September erwähnt. Der Vorsitzende und die Mitglieder der Börsencomites, dürfen nur unter den christlichen Kaufleuten und Banquiers gewählt werden: ebenso muß es mit den Experten, Notaren und Greffiers gehalten werden. Was die Börsenmakler betrifft, so wird die Zahl derselben unter den Jsraeliten nicht das Viertel der Gesammtzahl überschreiten dürfen. Am 3. Juni hatte der Minister für Staatsdomänen ein Gesetz über die Verwaltung der Steinölgrundstücke des Kaukasus ausgearbeitet. Dieses Gesetz, heißt es im Warschawski Drewnik vom 5./17. September, ist vom Kaiser sanctionirt worden und enthält folgenden Passus: Es ist den Juden untersagt, Steinölgrundstücke anzutaufen oder in Pacht zu nehmen. Das Ansuchen der Juden, noch nicht erössnete Quellen und Brunnen in Angriff zu nehmen, wird erst in Betracht gezogen werden können, nachdem die Minister der Staatsdomänen, der Finanzen und des Innern ihre Einwilligung dazu gegeben. Tie Besitzer von Steinölgrundstücken dürfen keinem Juden Generalprocura erlheilen, um ihre Besitzung zu verwalten, bei Strafe des Verlusts ihrer Besitzesrechte. Nach dem § 363 des Gesetzes über den Verkauf von alkoholischen Getränken hatten die Juden das Recht diesem Gewerbe nur auf eigenem Grund und Boden nachzugehen. Sie glaubten annehmen zu dürfen, daß dieses Verbot sich nur auf den Detailverkauf von Spirituosen beziehe und fuhren fort, Spirituosen en gro3 zu verkaufen in Localen, die sie nur als Mieter bewohnten. Der Warschawski Drewnik vom 1-/13. September meldet, daß der Senat,dem die Frage unterbreitet worden ist, sich auf das bestimmteste dahin ausgesprochen hat, daß es den Juden untersagt fei, dem Handel mit Spirituosen, fei es eu gm, oder eu detail, anders nachzugehen als in Localitäten, die ihr eigenstes Besitzthum sind. Wir haben erst jüngst mitgetheilt, daß die besonderen Supplementtaxen, welche den Juden auserlegt werden, und die ausschließlich dazu verwendet werden sollten, Wohlthätigkeirs- und Lehranstalten zu gründen und erhalten, von den Behörden oftmals zu gemeinnützlichen Zwecken verwendet wurden. Der Odeski-Listok vom 7./19. September bringt einen neuen Beweis dieser Handhabung von Seiten der Behörde: Der Minister des Innern hat den Beschluß des Gouverneurs von Podolien, die disponiblen Gelder aus der Taxe für koscheres Fleisch zur Verbesserung des Gesundheitszustandes der Städte und Flecken der Provinz, wie auch zur Gründung von Gesundheitsämtern und Baraken für die Cholerakranken gutgeheißen. In Folge dieser Maßregel hat der Gouverneur der Provinz 25,000 Rubel, die dem Fonds des „Koscher" entnommen wurden, unter die Städte und Flecken vertheilt. Eine zweite Summe von 15,000 Rubel wird demnächst erhoben werden, um das Honorar der Aerzte zu bestreiten, welche vorübergehend dem bestehenden Aerztepersonal zugesellt werden soll. Warschau, 20. Oct. Neben der Russifikation, die immer schärfer und leidenschaftlicher betrieben wird, macht sich gegenwärtig eine rücksichtslose Verfolgung der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande bemerkbar. Das in Rußland seit zehn Jahren bestehende Gesetz, welches den Juden dauernden Aufenthalt in den Dörfern verbietet, erstreckt sich nicht auf das Königreich Polen. Die Regierung sorgte dafür, daß der obwaltende Unterschied zwischen dort und hier allmählich verschwind?. Vor einem Jahr wurde eine neue Verordnung erlassen, wonach dem Juden auf Bauernländereien (die nach dem Emancipationsgesetz von 1864 nur Bauern gehören und an keinen anderen Stand verkauft werden dürfen) zu wohnen untersagt wird. Die neue Verordnung, von der man mehrere Monate lang nichts verspürte, sucht man jetzt hastig auszuführen. Die Verwaltungsbehörden verpflichten die Bauern, ihre jüdischen Miether aus den Wohnungen hinauszutreiben. Auf die Frage, wo die armen Juden hin sollen, erwiedern die Kreishauptleute, alles russische Offiziere, dies gehe Niemand etwas an und sei ihnen vollständig gleichgiltig. Hie und da haben die Juden für eine Verschiebung der Näumungsfrist gezahlt, in vielen Gegenden aber mußten sie die Dörfer unverzüglich verlassen, viel mehr aus Furcht, daß die Bauern dem starken Drucke der Behörden nachgeben und Gewalt brauchen könnten, als aus Augst von den Kosaken, die doch nicht so bald gerufen würden. Sehr erfreulich war das Verhalten unserer Bauern, die sich bisher nicht haben bewegen lassen, gegen ihre jüdischen Mitbürger auszurücken, obwohl sie dazu öfters direkt anfgefordert worden sind. Doch ist die Vertreibung der Juden aus den Dörfern noch lange nicht vollzogen und Niemand wagt vorauszusagen, was die Zukunft bringt. P a l ä ft i n a. Jerusalem, im Oct. Auch auf dem heiligen Boden unserer Stadt hat die internationale Antisemitenliga ihre Hetze auszudehnen versucht. Von Egypten aus wurden große Mengen von arabischen und französischen Broschüren hierher gesandt. Glücklicher Weise hat jedoch die Gerechtigkeitsliebe des Sultans der Agitation ein Ende gemacht, ehe sie sich recht entfalten konnte. Aus Betreiben einflußreicher Juden, deren Bemühungen durch die Vertreter einiger fremden Mächte noch unterstützt wurden, sind die Broschüren der Beschlagnahme anheim gefallen. Bermischtes. Die Altonaer israelitische Gemeinde hat ein Immediatgesuch an den König abgesandt, in welchem sie bittet, die vom Minister verweigerte Bestätigung des zum Oberrabbiner gewählten Dr. Rosenfeld aus Oroshaza zu vollziehen.