Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-11-03 · Heft 87 (3.11.1892) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 87 (3.11.1892)
Date
1892-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448299--35122-2483092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-£7 Xtxm Jahrgang. jß gf.' Der Israelit? Gin Zenlrak-Hrgan für das orthodore ZudenLhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 3. November 5653 (1833). Leitender Artikel. Jas Hroßßerzogtßum Kessen macht den Anfang. Als Friedrich der Große nach dem schwer errungenen Siege von Zorndorf über das Schlachtfeld ritt, brach er bei dem Anblicke der Kirgisen, Kalmücken und Baschkiren in den schmerzlichen Ruf aus: „Mit solchem Gesindel muß ich mich herumschlagen!" Vielleicht, wenn unser Jahrhundert in die Fluth der Zeiten hinabgetaucht ist, werden diejenigen, die nach uns kommen, sich des Mitleids mit einer Generation nicht erwehren können, welcher es beschieden war, sich mit dem Antisemitismus herumzuschlagen. Unsere vielbeschriene. Cultur bewegt sich in den merkwürdigsten Gegensätzen, neben den Aeußerungen raffinirtester Entwickelung offenbaren sich Züge der crasseften Barbarei, der Kosak geht Arm in Arm mit dem französischen Republikaner, und der Dynamitheld spielt sich als ein Vorkämpfer der Freiheit auf. Aber diese Gegensätze sind, so sehr sie unsere Civilisation entstellen, nur das natürliche Ergebniß eines geschichtlichen Prozesses, aus welchem neue Gestaltungen sich ergeben sollen; die wahre Schmach unserer Civilisation sind die Antisemiten, mit denen verglichen die Kirigisen, Baschkiren und Kalmücken, deren Anblick Friedrich dem Großen einen Schrei des Ekels abpreßte, die harmlosesten und ungefährlichsten Menschenkinder waren. Wann diese Schmach ausgelöscht sein wird, ist ein Geheimniß der Zukunft. Dem Anscheine nach wird sie nicht lange mehr währen, denn es beginnen ihrer auch diejenigen sich zu schämen, welche sich bisher ihrer bedienten, um aus der Verhetzung und aus der aufwuchernden Saat des Hasses sich selbst mit einem Relief davonzustehlen. Vor Jahresfrist hat sich der Berliner Professor Adolph Wagener von den Antisemiten losgesagt, deren wissenschaftlicher Wortführer er gewesen war, und vor einer Woche hat der vormalige Hofprediger Stöcker in öffentlicher Versammlung zu Berlin ein „gereinigtes" antisemitisches Bekenntniß abgelegt. Vor den gefährlichen Geistern, die er rief und um derentwillen er bis zur Ableistung fahrlässiger Eide sich verirrte, graut es endlich selbst einem Stöcker, der plötzlich zur Erkenntniß gelangt ist, daß die Juden' frage keine Raffenfrage sei und daß man die Juden nicht, weil sie Juden sind, verfolgen dürfe. Natürlich, es ist den Antisemiten seit einiger Zeit schweres Ungemach widerfahren. Der Czar hat eine Spende der französischen Antisemiten zu Gunsten der russischen Nothletdenden barsch zurückgewiesen, Kaiser Franz Joseph hat den Antisemiten des niederöfterreichischen Landtages eine Censur ertheilt, die sich ihrem Sinne nach mit dem berühmten Worte deckte, welches einst Kaiser Friedrich, als er noch Kronprinz war, gesprochen hat. Wo noch ein Rest von Schamgefühl und von Verständuiß für die Zeichen der Zeit im antisemitischen Lager vorhanden ist, da beginnt die Neigung zur Flucht. Aber es darf diesen Maraudeuren keine goldene Brücke gebaut werden, der Kampf muß fortdauern, bis die letzte Spur dieses Schandfleckes verwischt ist, welcher dem neunzehnten Jahrhundert angeheftet worden. Und deßhalb ist es so dankenswerth, daß von der Regierung unseres engeren Vaterlandes ein willkommenes Beispiel gegeben wird. Der Erlaß, welchen diese Regierung an ihre Beamten gerichtet hat, um sie vor der Theilnahme an den antisemitischen Bestrebungen zu warnen, ist, wie die N. Fr. Pr., der wir diese Schilderung entnehmen, treffend bemerkt, eine schöne That, welche rückhaltlose Anerkennung und die baldige Nachahmung seitens anderer Regierungen verdient, die noch in zweideutiger Zurückhaltung das antisemitische Urtheil dulden. Gerade das Großherzogthum Hessen ist in seinen rechtsrheinischen Provinzen von dem antisemitischen Treiben besonders heimgesucht, dort hat unter der Parole der angeblichen Güter- und Bauernschlächterei der Antisemitismus die schändlichsten Verheerungen angerichtet, der Antisemiten - Apostel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.