Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1892)
- Date
- 1892-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXLm Jahrgang. Jfs 86. Der Israelit Tin Eenlrat-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 31. Oktober 5653 (1892). Leitender Artikel. Berliner Briefe. i. Berlin, 27. Oktober. N. Die Gemeindewahlen werden wieder eine große Anzahl Indifferenter aus ihrer beschaulichen Ruhe aufscheuchen. In der Hauptgemeinde hat der Vorstand des „Central-Vereins für jüdische Interessen" seine Thätigkeit wieder ausgenommen. Derselbe versendet ein Programm harmlosen Inhaltes, das jede Partei auf ihre Fahne schreiben könnte. Es sollen einmal recht viele Synagogen und Betsäle errichtet werden, damit der Billetschacher vor und a n den „Hohen Feiertagen" aushöre. Auch eine größere Anzahl von Religionsschulen sollen eingerichtet werden, damit es den Kindern bequemer wird, diese Anstalten aufzusuchen. — Denn gegenwärtig wachsen ca. 7000 Kinder ohne jegliche religiöse Erziehung auf. — Endlich soll die Art der Einschätzung und der Wahlmodus umgestaltet werden. Es sollen Geheimwahlen an Stelle der jetzt üblichen offenen Wahl treten. Da der Gleichberechtigung aller Parteien in dem gegenwärtigen Programm keine Erwähnung geschieht, vielmehr geflissentlich jeder Hinweis unterblieben zu sein scheint, so werden wohl die diesjährigen Wahlen einen stillen Verlauf nehmen und nichts die gemüthvolle Eintracht stören. Wie sich die Conservativen, die bisher dem „Centralverein" Heeresfolge geleistet, angesichts dieser Eliminirung ihrer Forderung verhalten werden, ist noch unentschieden. Der Vorschlag der Wahlenthaltung wäre wohl zu berücksichtigen. Denn die seitens des C.-V. erfolgte radicale Umgestaltung des ursprünglichen Programms, das g l e iches Recht für Alle forderte, müßte sie überzeugen, daß von den Führern des „Centralverbandes" ebensowenig zu erwarten ist, als von der gegenwärtig herrschenden Partei. Und diese hat durch ihren im Amte ergrauten Vorsitzenden offen und ehrlich erklären lassen, daß in der demnächst zu erbauenden Synagoge die Gebete ausschließlich in der Muttersprache verrichtet werden dürfen. Die gegenwärtige Gemeindeleitung läßt überhaupt gar keine Zweifel über ihre Tendenz und läßt sich durch die Bewegung innerhalb der Gemeinde, welche durch den „Centralvercin" veranlaßt wurde, in der Verfolgung ihrer Ziele nicht stören. So wurde der hier bestehenden, der Resormrichtung an gehörenden „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" die der jüdischen Gemeinde gehörigen Lehrsäle in der Lindenstraße überlassen; in sämmtlichen, für die hohen Feiertage eingerichteten Betsälen wurde der allerueueste Reformritus eingeführt und die Reducirung des Gottesdienstes auf eine sehr bescheidene Mtnimalzeit auch für die einzige conservative Synagoge in jber Heidereutergasse anbesohlen. So tief betrübend dieses rücksichtslose Vorgehen für uns lein mag, so darf man dennoch der Consequenz, welche in diesem zielbewußten Handeln liegt, die verdiente Anerkennung nicht versagen. Gemeindevorstand und Repräsentanten lassen keinen Zweifel darüber, daß sie in den Dienst der Reform getreten sind. Die Conservativen, die ihre Augen dieser Thatsache gegenüber verschlossen halten und auf eine Umkehr oder wenigstens eine mildere Praxis hoffen, können wir nur theilnehmend bedauern. Die Gemeindebehörden werden sie ihren Gefühlen überlassen und werden unentwegt in der sogenannten Reformirung fortschreiten. — Die Personen, denen gegenwärtig die religiöse Wohlfahrt der Gemeinde anvertraut ist, haben sich in diese Bestrebungen seit einem Menschenalter hineingelebt, es wäre demnach ein ganz vergebliches Ringen hier Wandel schaffen zu wollen. Während die Conservativen, welche der Hauptgemeinde noch angehören, mit verschränkten Armen die Abbröckelung ihrer Heiligthümer gewähren lassen, befleißigt sich die Adaß - Jisroel - Gemeinde