Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1892)
- Date
- 1892-10-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1620 nafsckatana gänzlich unberücksichtigt läßt. Diese Übersetzung, die einen wesentlichen Begriff einfach fallen läßt, ist also falsch. Verantwortlich dafür ist lediglich Herr S- G. Stern, der übrigens in einem andern von ihm herausgegebenen Gebetbuch sinngemäßer übersetzt. Es steht jedem frei, Gebetbücher herauszugeben, er untersteht dabei keiner Aufsicht, genießt dafür aber auch keinerlei Autorität. Insbesondere in Preußen fehlt es dem jüdischen Bekenntnisse an jeder controlirenden Centralstelle. Herr S. G- Stern hat übrigens jedes Mihverständniß unmöglich gemacht, indem er den Text mit folgender Anmerkung versah: „Nach der Lehre unserer Weisen können wir nur von solchen Gelübden, Schwüren u. s. w., die wir in aufgeregten und leidenschaftlichen Momenten, also ohne Vorbedacht thun, eine Sühne erwarten, keineswegs aber von solchen, die wir mit Besonnenheit thun oder zu welchen wir von Rechts wegen aufgehalten werden können." Wir wiffen nicht, welche Gründe den Deutschen Antisemiten-Bund veranlaßt haben, diese erläuternde Anmerkung seinen Gläubigen vorzuenthalten; wenn er behauptet, daß diese Anmerkung nicht ernst zu nehmen fei, so ist das eine beweislose Unterstellung. Wir haben zahlreiche jüdische Gebetbücher eingesehen, die nach Zeit und Ort weit auseinander liegen; sie alle machen, oft etwas unbeholfen, den Versuch, den Sinn der Entbindung dahin zu erdeutlichen, daß es sich um Gelübde handle, die man sich selbst auferlegt. So gelobt manche katholische Mutter am Bettchen eines kranken Lieblings, zu Fuß nach Kevelaer zu pilgern. Ein russisch-jüdisches Gebetbuch setzt mitten im Text des Kol Nidre die Erklärung hinzu, „z. B. wenn jemand sich gelobt hat, sich das Brot zu versagen." Eine andere, in Wilna bei Romm 1886 gedruckte russisch-jüdische Ausgabe schickt dem Kol Nidre folgende Erklärung voraus: „Erklärung der Rabbiner. Im Namen Gottes, auf Grund der Thora lösen wir auf Gelübde und Schwüre, wodurch der Mensch sich selbst etwas versagt; im allgemeinen lösen wir auf Gelübde und Schwüre, die der Mensch gelobt und schwört aus eigenen Antriebe nur sich selbst gegenüber; aber Gott behüte, daß jemand glauben solle, daß wir Gelübde, Schwüre und Eide aufheben, die jemand der Regierung oder an den Gerichtsstätten geschworen hat, oder Eide, Schwüre und Gelübde, die der eine Mensch dem andern geschworen und gelobt hat, oder solche, die das Interesse und Wohl anderer betreffen, von welchem Glauben und Stamm sie auch sein mögen. Die Gelübde, Schwüre und Eide, von welchen die Thora sagt: Gott wird die, so sie brechen, nicht unbestraft lassen, müssen gehalten werden, müssen fortbestehen und ausgeführt werden in ihrem vollem Umfang ohne jede Abänderung. Und wer sie verletzt, den ereilt der Zorn Gottes und er bleibt zur ewigen Schmach und Schande." Man könnte nun annehmen, der Deutsche Antisemitenbund habe eben nur die eine falsche Uebersetzung zu Gesicht bekommen und wenigstens in gutem Glauben gehandelt. Allein die Frage des Kol Nidre-Gebets hat in der antisemitischen Agitation von jeher eine große Rolle gespielt, ein Spiel des Zufalls ist also ausgeschlossen. Christliche Gelehrte wie Delitzsch und Strack, haben die Entbindung in obigem Sinne gedeutet und die bösartigen Auslegungen zurückgewiesen. Durchschlagend aber ist die Thatsache, daß der grimmige Judenfresser Eisenmenger, dessen „Entdecktes Judenthum" eine vieldurchforschte Fundgrube des Antisemitismus bildet, im zweiten Theil auf Seite 501 folgende Erklärung abgiebt: „Berichteter maßen können die Juden weder durch die am VersohnungSfeste gebräuchliche Entbindung der Eydschwuren durch Kol Nidre, noch sonsten von einem vornehmen Rabbinen oder drehen schlichten Männern vom Eyd, den sie einem Christen oder der christlichen Obrigkeit thun, nach ihrer angezogenen Lehr loßgesprochen werden." Wir kommen also zu dem Schluß, daß der Deutsche Antifemitenbund durch die unsaubern Mittel, die er anwendet, lediglich die Sache schädigt, die er vertreten will. Wir erkennen sehr wohl, daß die antisemitische Bewegung ihre Entstehung und ihre Ausbreitung dem Bedürsnitz verdankt, ein wirksames Gegengewicht zu schaffen wider die Ueberhebung der schlechten Elemente des Judenthums, die sich an der Börse, in Handel und Gewerbe, in der Presse gröblicher Versündigungen gegen die geschäftliche Moral und gegen die Lebensmächte unseres Volksthums schuldig machen. In der Bekämpfung dieser nichtsnutzigen Elemente wiffen wir uns einig mit den besten Vertretern des Judenthums. Seit der Emancipation ist erst eine so kurze Spanne Zeit verflossen, daß es ungerecht wäre, unerquickliche Eigenschaften, die sich in einer langen Aera des Drucks und der Beschränkung auf bestimmte Gewerbe herausgebildet haben, als dauernd und allgemein zu betrachten. Anderseits verdankt das Judenthum seine wirthschastliche Ueberlegenheit Tugenden, wie Fleiß, Nüchternheit, Familiensinn, Geduld in schrittweiser Annäherung an ein Ziel, deren Uebernahme unserm Volksthum nur nützen könnte. Wir sind demnach der Ansicht, daß wir alle, ob wir nun Katholiken, Protestanten oder Juden sind, uns bemühen sollen, als Deutsche im geeinten Reich friedlich nebeneinander zu leben und im wechselseitigen Verkehr unsere verschiedenen Schwächen, Ecken und Kanten abzuschleifen.*) Egypten. Alexandrien. Sieben Jahre werden im kommenden Winter verflossen sein, seitdem die Hauptstadt des Sudans, Chartum am Nile, in die Hände des Mahdi gefallen ist, und noch immer befinden sich einige Juden, die damals bei der Eroberung dieser Stadt in die Gewalt des genannten neuen mohamedanischen Religionsstifters gerathen sind, in dessen Gefangenschaft und hoffen vergeblich aus ihre Befreiung. Unter diesen gefangenen Juden ist auch ein Oesterreicher, Namens Neufeld, der schon oft die Vermittlung des hiesigen österreichisch-ungarischen General-Consuls behufs Erlangung seiner Freiheit angerusen hat, leider aber bisher vergebens, da der Mahdi (jetzt Khalif Abdallahi) sich wenig um die Gesuche und Ermahnungen der europäischen Mächte kümmert. Unter dem Schutze Oesterreichs hat sich soeben in Port-Said am Suezkanale eine deutsch italienische jüdische Gemeinde constituirt, die nun baldigst auch an die Errichtung eines Gotteshauses daselbst gehen wird. Vor einigen Tagen feierte die hiesige Vereinigung „Eliahu Hanabi" den ersten Jahrestag ihrer Gründung, aus welchem Anlaffe auch ein Bankett stattfand, an dem alle Mitglieder theilnahmen. Das Bankett war ein streng rituelles und der Wein dabet wurde eigens aus Jerusalem bestellt. Der hiesige Dajan, Rabbi Jakob Ben Bassim, der wegen seines großen jüdischen Wissens und seines edlen Charakters hier sehr geachtet und beliebt war, ist aus dem Leben geschieden und wurde *) Die „Köln. Volkszeitung", der Seitens des D. A.^B. die gleiche Zuschrift zugegangen, äußert sich in ähnlichem Sinne und fügt noch hinzu, daß das Hebräisch allen Antisemiten spanisch sei. Red.