Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. M 83 Der Israelit Tin Kentrat-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Begründet von Dp. 2effmanu in Mairrz. Donnerstag, den 29. Oktober 5653 (1892). W Neu eingetretene Abonnenten erhalten auf Verlangen die seither erschienenen Kapitel der Erzählung „F ü r st e n g u n st" in Buchform gratis und franko nachgeliefert. Expedition des „Israelit“. Leitende Artikel. Z>ie Khokera und der Schulchan Aruch. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz.) Vor einigen Jahren ist von einem getauften Juden eine deutsche Uebersetzung des Schulchan Aruch erschienen. Ich habe dieselbe nie gesehen und kenne sie nur aus der Besprechung einer größeren, Schweizerischen Zeitung. Dieselbe benützte diesen Anlaß zu einem kritischen Erguß, nicht nur über den Inhalt des Buches selbst, sondern auch über diejenigen, welche nach den dort verzeichneten Vorschriften leben. Man könne aus diesem Buche sehen, wie sich die Welt in den Köpfen der jüdischen Orthodoxen ausnehme, und es sei zu verwundern, daß cs noch heute Leute gäbe, welche diese Kleinlichkeiten und geradezu Unanständigkeiten zur Norm ihres Lebens machen. Essen und Trinken, die gewöhnlichsten thierischm Verrichtungen werden da mit einer Umständlichkeit behandelt, daß man Bedenken tragen müsse, ein solches Buch gebildeten, anständigen Menschen in die Hand zu geben, u. s. w. Als in den jüngsten Wochen die Tagesblätter Maßregeln von Aerzten und Behörden zum Schutz gegen die Cholera brachten, kam mir jene Zeitungsnotiz wieder in den Sinn. Es war eine glänzende Ehrenrettung des Schulchan Aruch, die ich da constatirte. Was zu erwähnen vor einigen Jahren noch als unanständig galt, steht auf einmal allenthalben an der Spitze aller Belehrungen. Die erste Sorge gilt der Reinlichkeit und der Rücksicht auf die Aborte, es sind also wörtlich dieselben Bestimmungen, die der Schulchan Aruch — unter dem Titel «ovn rva njrun, in den Vordergrund stellt. — Dann folgt als wirksamstes Mittel minutiöses Händewaschen, entsprechend den d»t mh, die unmittelbar darauf auch im Schulchan Aruch folgen und von seinen Verächtern bislang als Kleinlichkeit lächerlich gemacht wurden. Voran gehen im Schulchan Aruch die Vorschriften über die Bekleidung dhjq mvb p, die ebenfalls in keinen Verhaltungsmaßregeln gegenüber der Choleragefahr fehlen, und die Bestimmungen über Speis und Trank, denen der Schulchan Aruch weiterhin (I. Th. Cap. 170) ein großes Capktel widmet. d“ik jruntf “idiq nan. Dagegen findet sich im Schulchan Aruch nichts von Chlorkalk, Lysol und anderen Desinfektionsmitteln erwähnt, weil dieselben viel von ihrer Bedeutung einbüßen, sobald das Lebensregtme gewissenhaft beobachtet wird, welches der Schulchan Aruch vorschretbt. In dieser minutiösen Gewissenhaftigkeit, mit der sich der Talmud- und Schulchan Aruch-Jude allen jenen Vorschriften unterzieht, liegt das Geheimniß der jüdischen Immunität. — Diese Gewissenhaftigkeit für die Erfüllung ihrer Vorschriften, wird keine Sanitätsbehörde, kein Fürst und kein Staat erzielen. Bei dem, seinem Reltgionsgesetze treu anhängenden Schulchan Aruch- Juden ist sie dagegen etwas selbstverständliches, alltägliches. Die besten sanitären Vorschriftsmaßregeln erzielen daher nirgends den E folg, welchen die exacte Erfüllung der jüdischen Religionsgesetze bei ihren Bekenner hat, auch wenn beide wörtlich dasselbe vorschreiben. Es kommt auf die Gesinnung an, aus der heraus diese Anordnungen getroffen werden, und die sie in den Kreisen vorfinden, für die sie berechnet sind. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, unterscheiden sich die Vorschriften des Schulchan Aruch von den Vorsichtsmaßregeln gegen Ansteckungsgefahr, auch wo sie den gleichen Wortlaut haben, wie Tag und Nacht, wie Sein und Nichtsein. Alle sanitäre Anordnungen haben die körperliche, die Bestimmungen des jüdischen Religtonsge-