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Der Israelit · 1892-09-29 · Heft 78 (29.9.1892) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 78 (29.9.1892)
Date
1892-09-29
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1609 Er, Redner, sei gegen jede Verquickung verschiedenartiger Fächer. Es gebe keine konsessionelle, sondern nur eine Wahrheit, ohne Beziehung auf eine Konfession oder irgend eine andere Rücksicht. Der Hauptzweck der Geschichte müffe sein, Vaterlandsliebe in die Herzen der Kinder zu Pflanzen; nicht „der Geschichtsunterricht in der jüdischen Volksschule", sondern „wie hat der jüdische Lehrer Geschichte zu lehren" hätte das Thema lauten müssen. Die Versammlung nahm schließlich folgende These an: „Der jüdische Lehrer hat in der Volksschule den zu behandelnden geschichtlichen Stoff in der Weise darzustellen, daß dadurch unter steter Hinweisung auf das Walten der göttlichen Vorsehung Gottesfurcht und Menschenliebe, insbesondere Vaterlandsliebe, Treue und Hingebung zu dem angestammten Herscherhause in den Herzen der Kinder gepflegt und befestigt werde." In der zweiten Sitzung, Montag, den 6. Juni, ergreift vor dem Eintritt in die Tagesordnung zunächst Dr. Kroner das Wort und gedenkt des großen Schulmannes Amos Eomenius, insbesondere seines unsterblichen Werkes: „l)idactica magna“ oder „die Kunst allen alles zu lehren". Es sei ein für die Menschheit zugleich tröstender und erhebender Gedanke, daß zur Zeit des größten Verfalles in Deutschland ein -solcher Geist hat entstehen können, ein Beweis, daß keine Barbarei imstande sei, das geistige und sittliche Streben ganz zu ertöten. Für uns Juden sei diese Wahrnehmung besonders tröstend, da für uns sittlicher Fortschritt der Menschheit Voraussetzung und Hoffnung unseres Glaubens seien. Redner führt viele Stellen aus der „Didactiea magna“ an, die auch aus dem Grunde uns besonders sympathisch seien, da sie ergeben, daß der religiöse Standpunkt des Verfassers, seine wahrhafte Gottesfurcht sehr viel Berührungspunkte mit dem Judenthum habe. So z. B. der Ausspruch: „Die heilige Schrift sei das A und O der Schule." Amos Comenius sei seiner Zeit um Jahrhunderte vorangeeilt, gleichsam ein Prophet unter den Pädagogen. Man könne an seinen Werken sich zugleich erbauen und aus denselben durch gründliches Studium reichlichen Gewinn für pädagogisches Wirken und Können ziehen. — Der Vorsitzende spricht dem Redner für seine lichtvollen Ausführungen den Dank der Versammlung aus. Hierauf macht Landrabbiner Dr. Gronemann Mitteilungen von einigen Verfügungen der Königlichen Regierung. Es folgt alsdann der Vortrag des Herrn Dr. Jacob- Göttingen über „Zwecke und Lehrziele des jüdischen Religionsunterrichts." Der Referent führt etwa folgendes aus: Die Möglichkeit eines Unterrichts in der Religion zugegeben, habe der jüdische Religionsunterricht den Zweck, in der jüdischen Religion, besser im Judenthum, zu erziehen. — Unter Judenthum könne man verstehen, eine besondere Art zu urtheilen, zu wollen, zu handeln. Judenthum sei eine besondere Weltanschauung, Lebensauffassung und Lebensführung. Als Zweige des Religionsunterrichtes bezeichnet der Referent: Hebräisch Lesen (nicht Grammatik), Uebersetzen der Gebetbücher und des Pentateuch (nicht der Bibel) >?), Unterricht der religiösen Pflichthandlungen, Liturgie, Gemeindegesang und eigner (Jugend-)Gottesdienst. (?) Redner stellt schließlich für diese Zweige des Religionsunterrichtes ein Minimum und Maximum für die verschiedenen Schulen auf. Nach beendigtem Vortrage sprach der Vorsitzende dem Redner den Dank der Versammlung aus. Bei der stattgehabten längeren, zum Theil sehr lebhaften Debatte erfuhren die philosophisch gehaltenen Ausführungen des Referenten vielen Widerspruch. Seminardirektor Dr. Kroner meint, der Vortrag sei theoretisch belehrend und klar und übersichtlich gehalten, liefere aber für die Praxis wenig Ausbeute. Das Hebräische sei nicht blos zum Zweck des Kultus zu lehren. Das Verständniß der jüdischen Lehre mache in noch höherem Grade die Kenntniß der hebräischen Sprache nothwendig, mindestens aber sehr wünschenswerth. Fauerbach-Hildesheim kann auf den Unterricht in hebräischer Grammatik nicht verzichten; nicht einmal dürfte dieselbe so nebenher gelehrt werden, sondern es müffe, wenn die Unterweisung in den Quellen stattfinden solle, auch eine besondere Unterrichtszeit für die hebräische Grammatik angesetzt werden. Im übrigen ist er der Ansicht, daß ein philosophischer Vortrag, wie der gehörte, sich nicht eigne für eine Versammlung von im praktischen Leben stehenden und wirkenden Lehrern. Levy- Norden legt gerade Hauptgewicht auf eine Stusenangabe des zu ertheilenden Unterrichts. Referent habe das Minimum und Maximunt angegeben, dagegen das, worauf es der Versammlung ankomme, die Stufenfolge, nicht berücksichtigt. Stern-Hildesheim bedauert, daß das in der vorjährigen Versammlung von ihm angeregte Thema: „Der systematische Religionsunterricht" von dem Herrn Referenten nicht beibehalten worden sei. Wäre dieses geschehen, so hätte unsere diesjährige Versammlung ein greifbares Resultat gehabt, während das behandelte Thema viel zu umfangreich sei, um in einer einzigen Konferenz eingehend und ergiebig besprochen zu werden. Uebrigens seien schon alle Disciplinen des jüdischen Religionsunterrichts genugsam erörtert worden, nur der systematische Religionsunterricht sei noch niemals Gegenstand der Verhandlung in unseren Versammlungen gewesen. Weiter betheiligten sich an der Debatte Herr Landrabbiner Dr. Gronemann und Herr Dr. David, welche mehr oder weniger den Ausführungen und der Ansicht des Referenten widersprechen. Schließlich werden folgende Thesen angenommen: I. Der Zweck des jüdischen Religionsunterrichtes ist: Zu einer auf jüdischer Weltanschauung und Lebensauffassung beruhenden Lebensführung zu erziehen. II. Dieser Zweck wird erreicht durch den Unterricht in der Geschichte des Judenthums mit möglichster Anlehnung an die hebräischen Quellen und an das Gebetbuch. Wegen vorgerückter Zeit mußte die Weiterberathung der vom Referenten aufgestellten Thesen über die speciellen Lehrziele der nächsten Versammlung Vorbehalten werden. Auch das auf der Tagesordnug stehende Referat des Herrn Bachenheimer-Uelzen konnte nicht mehr zum Vortrag kommen. Während der Sitzung ging ein Begrüßungstelegramm von Herrn Dr. Guttmann-Breslau ein. Die Versammlung war dadurch sichtlich erfreut und beschloß einen telegraphischen Gegengruß. Bei dem nunmehr stattgefundenen gemeinschaftlichen Mittagsmahle herrschte eine überaus ge müthliche und gehobene Stimmung, die in vielen ernsten und heiteren Trinksprüchen ihren Ausdruck fand. Der erste Trinkspruch galt Sr. Majestät dem Kaiser und König Wilhelm. Die Versammlung stimmte in das von dem Vorsitzenden ausgebrachte Hoch dreimal mit voller Begeisterung ein. Nach Beendigung des Mittagsmahles wurde in den „freien Besprechungen" ein Anschluß an den preußischen Landeslehrerverein und die Vereinigung aller jüdischen Lehrervereine Deutschlands, resp. Preußens zu einem allgemeinen Lehrerbunde angeregt. Der Vorstand wurde beauftragt, die einleitenden Schritte in dieser Beziehung zu veranlaffen. Die nächste Konferenz soll am 23. und 24. Mai 1893 in Hannover stattfinden. Vorträge übernehmen die Herren Dr. David-Hannover und Sel ig-Emden. — An den Vortrag des letzteren soll sich eine Lehrprobe anschließen.

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