Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1892)
- Date
- 1892-09-20
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
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1466 erforderlich, und Schmul, dem es unbekannt war, daß Cäcilie über ein ansehnliches Vermögen, welches sie sich als Erzieherin erworben, verfüge, war mit Freuden bereit, das nöthige Geld zinsenlos vorzuschießen. Cäcilie erwiederte lächelnd: „Gott vergelte Ihnen Ihr gutes Herz, Panie Schmul, doch Ihres Kapitals bedarf ich nicht." Jetzt faltete Schmul die Hände und über die Sparsamkeit der hochgeborenen Jungfrau hocherfreut, hob er dieselben gleichsam segnend in die Höhe. Es fehlte ihm an Worten, dem Musterbilde eines Weibes seine Verehrung auszudrücken. So steht die schlichte Gestalt des polnischen Juden vor unseren Blicken. Wir erstaunen darob nicht, wohl wissend, daß derartige Gestalten tausende und abertausende auf dem Erdenrunde anzutreffen sind. Israel hatte von jeher muftergiltige Männer und wird sie auch bis ans Ende aller Zeiten aufzuweisen haben — dafür bürgt Israels Gesetz und der Juden Charakter. Schmul ist das Prototyp der Anhänglichkeit, Redlichkeit, Dankbarkeit, Uneigennützigkett und Treue. Mit den Augen Kraßewki's muß man die Juden sehen, um sie recht zu sehen. W. Frank. Eine Wusfische Geschichte. In seiner ärmlichen Werkstätte auf der Moskauer Vorstadt zu Riga sitzt der Schachtelmacher Leb David Paß. Fleißig muß er sein, um Brod für sich und die zahlreiche Familie zu erkämpfen. Es sind jetzt gar so schlechte Zeiten! Und diese Konkurrenz! Und der Neid und Haß auf Schritt und Tritt! . . . Düster starrt er vor sich hin und Thränen fallen auf das kleine, schwarzlockige Mädel, das zu seinen Füßen kniend anfangs heftig schluchzt und dann immer leiser und leiser flüstert: „Ich Hab' Hunger, Vater, ich Hab' Hunger . . Da plötzlich wird die Thür aufgerissen und herein tritt — der Polizeimeister Wlassowsky, begleitet von einem halben Dutzend Kosaken. Das Kind springt schreiend auf und eilt in die Nebenkammer zur Mutter, die bleich und erschrocken hinaustritt. Leb David aber behält seine Ruhe. Er hat ein gutes Gewissen. Wlassowsky schielt den Juden an: Woher bist Du? Aus Schaulen, im Gouvernement Kowno, Herr Obrist. Weißt Du nicht, daß Juden nur in Städten wohnen dürfen, wo sie geboren sind? Was treibst Du in Riga? Ich bin Meister, Schachtelmacher, und als solcher darf ich in ganz Rußland wohnen. Daß Du Dein Handwerk verstehst, mußt Du erst beweisen. Der Polizeimeister befiehlt einem Soldaten, zwei Sachverständige zu holen. Als diese erschienen sind, sagt er zu Leb David: Mache sechs Schachteln, ganz kleine, für Apothekerzwecke, in ovaler Form. Alle müssen genau ineinander passen. Leb David sieht den Polizeimeister ruhig an: Gut, Herr Obrist! Er ergreift Scheere, Zirkel, Messer und Bleistift, und will sich an die Arbeit machen. Aber Wlassowsky nimmt ihm Scheere und Zirkel weg und beläßt ihm nur Messer und Bleistift und sagt mit sanfter Stimme: So wäre es ja kein Kunststück. Leb David sieht den Polizeimeister ruhig an und sagt: Gut, Herr Obrist! Ee nimmt einen Karton Holzpapier, zeichnet mit dem Bleistift die nöthigen Schachteln vor und schneidet sie mit dem Messer heraus. Zum Bekleben der Schachteln befiehlt ihm Wlassowsky, weißes Moireepapier zu nehmen. Als Leb David den Kleister mit dem Pinsel aufschmieren will, nimmt im Wlassowsky den Pinsel: Mach's mit den Fingern, Jud! Aber wehe Dir, wenn Du nur ein Fleckchen machst! Dann ist Deine Arbeit umsonst und Du verläßt sofort Riga! Leb David sieht den Polizeimeister ruhig an und sagt: Gut, Herr Obrist. Und er bringt die Arbeit fertig, eine Schachtel fügt sich in die andere; das Bekleben macht die größte Schwierigkeit, das feine Moireepapaier ist mit den schwieligen Händen so schwer zu fassen. Mit den Lippen, mit den Nägelspitzen bringt Leb David das Kunststück zu Stande. Die Sachverständigen sind befriedigt, aber nicht Wlassowsky. Und da er durchaus etwas ausgesetzt haben will, sagen die Sachverständigen, welche den Zorn des Tyrannen fürchten: Der Jude hätte statt Holzpapier auch Lumpenpapier nehmen können. Daß ist noch schwerer. Leb David wendete ein: Ich hätte es auch mit Lumpenpapier machen können. Aber ich habe keins. Lassen sie es gut sein, Herr Obrist, ich bin ein armer, ein sehr armer Mann, der sein Brod mühsam verdient. Aber Wlassowsky hat schon die reizend gearbeiteten Schachteln ergriffen, zu Boden geworfen und mit den Füßen zerstampft. Er befiehlt, Lumpenpapier zu holen, wirft dies dem Meister hin und sagt mit sanfter Stimme: Mach's nochmal, Jude! Und der arme, hungrige Leb David Paß sieht den Polizeimeister ruhig an und sagt; Gut, Herr Obrist. Und von Neuem beginnt er die Arbeit. Und der vielbeschäftigte Polize'imeister findet Zeit genug, sich an der Qual des armen Mannes zu weiden — ach, er ist eifrig in seinem Beruf! . . . Endlich, endlich ist Leb David fertig. Nun giebt sich Wlassowsky zufrieden und schiebt mit seinen Leuten ab. Am andern Tag erscheint bei Leb David ein Katorschnik und bringt die Erlaubniß, in Riga zu bleiben, ab ernur unter der Bedingung, daß er auf seinen Rang als Meister verzichte und wieder zum „Podmeister", nämlich zum Gesellen, herabsteige, worein Paß nothgedrungen willigen muß. Was Wlassowsky davon hat? Nun, als Geselle kann Leb David nicht soviel verdienen, wie als Meister. Als Geselle darf er nur allein arbeiten, ohne Mithelfer. Und das ist für Leb David eben ein großes Unglück. Welch kleine, fast lächerlich kleinliche Geschichten. Aber wie gut illustriren sie die Zustände in meiner unglücklichen Heimath! Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.