Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1892)
- Date
- 1892-09-20
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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1464 ledigen, arbeitsscheuen Enkeln in unverzeihlicher Weise verpraßt. Die einzige noch im Dienste der hohen Frau stehende Dienerin ist gerade im Begriffe die gramerfüllte Starostin zu erheitern und zu zerstreuen, als sich leise die Thür öffnet und der mit einem schwarzen Sammetkäppchen bedeckte, graue Kopf Schmul's sichtbar wird. Dieser schob sich, nachdem er die Thüre sorgfältig geschlossen, so respektwie würdevoll näher. Er trug nach alter Sitte einen schwarzen Kaftan mit Sammetstreifen besetzt und hielt in den Händen einen Hut mit breiten Rändern und einen hohen Stock mit Silberbeschlag. Die Starostin wendete freundlich lächelnd ihm den Kopf zu, worauf Schmul das Käppchen zog und sich tief verneigte. Anf die Frage der Starostin, wie es ihm gehe, da sie gehört, er fei krank gewesen, erwiederte der Greis mit etwas heiserer, daher gedämpfter Stimme: „Wie gewöhnlich, erlauchte Frau. Ich war etwas erkältet und mußte deßhalb das Zimmer hüten. Schönen Dank für gütige Nachfrage. Was gibts denn hier bei der gnädigen Frau Starostin?" „Nach alter Weise, Panie Schmul. das ewige Einerlei: Stille, Gram, Oede. . „Ich bin", begann Schmul, vorsichtig die Ausdrücke abwägend, „gekommen . . . nachzufragen, ob die gnädige Frau vielleicht etwas benöthigen." „O nein! nein, nein guter, ehrlicher Schmul. Gott Vergelt es Euch. Ich bedarf gar wenig, für meine Person fast nichts; aber ich hätte in der That eine Bitte an Euch, Ihr würdet mir einen Gefallen erzeigen. ..." — Schmul zuckte bei diesen Worten freudig zusammen. „Ach", rief er aus, seine magere Hand an die Brust legend, „die erlauchte Frau erzeigen mir eine Gnade, wenn Sie mir gestatten, Ihnen irgend einen Dienst zu erweisen." Die Bitte der Starostin, doch bei der Post Erkundigungen nach einem Briefe ihrer Enkelin, welche seit sechs Jahren in Deutschland als Gouvernante weilte, einziehen zu wollen, versprach Schmul schleunigst zu erfüllen. „Aber bemüht Euch nicht selbst", versetzte die Matrone. „Ach, welche Mühe", rief Schmul aus, „als ob die Post so weit vom Städtchen läge. Ich habe übrigens auch, der Herr sei gelobt! jemand zu schicken, einen meiner Enkel." Er wiederholte sein „der Herr sei gelobt" nicht aus Gewohnheit, sondern aus wahrer Frömmigkeit; in Freud und Leid pflegte er mit diesen Worten zu beginnen und zu endigen. „Eure Enkel, Schmul", versetzte betrübt die Starostin, „sind für Euch Gottes Segen, die metnigen mir ein schweres Herzeleid." Schmul stützte sich auf seinen Stock und schwieg eine Weile. Er schien nachzusinnen, wie er antworten solle, ohne einen unangenehmen Ton anzuschlagen. Endlich begann er mit Bedacht: „Bei uns sind andere Sitten. Da weiß der Junge, daß er, sobald er herangewachsen, selbst für sich arbeiten muß. Meine Sache ist es allerdings, ihn gesund zu erziehen und darauf zu sehen, daß er dieGebote desHerrn kennen lerne; auch ist es an mir, ihm eine kleine Hilfe zu leisten. Dann aber, so befiehlt es das Gesetz, muß er selbst sein Brod suchen und auch finden. Bei uns herrscht eine andere Sitte. Der arme Jude scheut sich vor nichts, um sich ehrlich sein Stück Brod zu verdienen. Den jungen Herren der hohen Herrschaften ist die Arbeit nicht gestattet, ja, sie ist ihnen eine Schande, denn die Arbeit — des Bürgers Zierde — hat weder der Vater noch der Großvater prakticirt." „Wohl wahr", erwiederte die Starostin mit Wehmulh. „Euch — den Nichtadeligen — ist es im Leben leichter gemacht." — Nach dieser Unterredung verneigte sich Schmul ehrfurchtsvoll und verließ das trotz der Frühlingswärme, Leichenkälte aushauchende Gemach. Die Beschließerin, welche Schmul auf dem Fuße gefolgt war, legte ihre Lippen an das Ohr des sich beugenden Greises und flüsterte: „Es ist kein Schilling mehr im Hause,', so wahr mir Gott helfe! Die paar letzten Groschen mußte ich für Salz zahlen. Die Starostin würde weder um Geld schreiben, noch bitten und wenn sie auch verhungerte. Was sich noch zusammenklauben ließ, nahmen die beiden jungen Herren; wenn sie da zu flehen und zu beschwören anfangen, wer kann ihnen widerstehen? Ihr glaubt wohl, daß sie nichts zu Nacht ißt, weil Fasten >ist, Panie Schmul? Ob Fastenz.it oder nicht, gönnt sie sich keinen Bissen, um zu sparen, und verhungert fast." Schmul hatte bereits in die Tasche gegriffen. „Ich bezahle es ehrlich zurück" , versetzte die Beschließerin. Der Alte fühlte sich verletzt und hob den Kopf stolz in die Höhe: „Ihr habt mein Mienenspiel falsch gedeutet", rief er ihr leise zu , „mir gilts nicht um die wenigen Rubel, ich will nur nicht, daß sie erfahre, Ihr habet beim Juden geliehen. O, ich gedenke noch der besseren Zetten! Ich hatte durch sie und um sie manchen Gewinn." Schmuls Dankbarkeit und Uneigennützigkeit äußerte sich in den Worten: „Ich sollte für die Starostin etwas zu thun anstehen? Wie viel braucht Ihr denn?" „Einige Rubel." Schmul drückte ihr zehn in die Hand und fügte, im Begriffe sortzugehen, hinzu: „Ich