Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-09-20 · Heft 75-76 (20.9.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 75-76 (20.9.1892)
Date
1892-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448290--34897-2482858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1437 Graben gestürzt. Die Deichsel war gebrochen, der Kutscher hatte sich beschädigt, es war nicht daran zu denken, daß der Rabbi seine Fahrt fortsetzen konnte. Er befand sich in peinlichster Verlegenheit. Meine Einladung mit mir nach Nikolsburg zu fahren, mußte er, da er am nächsten Tage in seiner Gemeinde unaufschiebbare Amtsgeschäfte vorzunehmen hatte, ablehnen und es blieb mir nichts anderes übrig, als ihm meinen Wagen und Kutscher zu überlassen und den Weg nach Nikolsburg zu Fuß zurückzulegen. Ich habe es schon gesagt, es war ein ungewöhnlich kalter Tag, aber bisher war der Himmel klar und blau gewesen, allein ich hatte kaum eine Stunde Weges zurückgelegt, als das Wetter umschlug. Es zogen schwere Schneewolken am Horizonte auf und bei Anbruch der Nacht brach ein entsetzlicher Sturm los. Mit wildem Geheul flog er über die rasch mit tiefem Schnee bedeckte Fläche; es trat eine egyptische Finsterniß ein, der Wind jagte mir die wirbelnden Schneeflocken in's Gesicht. Bald konnte ich die nächsten Gegenstände nicht erkennen und vermochte auch nicht mich auf dem Wege zu orientiren. Da weit und breit kein Lichtschimmer zu sehen war, mußte ich auch die Hoffnung aufgeben in einem Hause Unterstand zu finden und mich entschließen — bei jedem Schritt knietief im Schnee versinkend, — mit meinem Stocke vorwärtstastend den Weg anf's Gerathewohl fortzusetzen. Ich war in dem Unwetter geraume Zeit gegangen, als sich nach und nach der Orkan legte, die Mondessichel aus den auseinanderfließenden Wolken trat und einzelne Sterne am Firmamente zu funkeln begannen. Ich konnte nun die Zeit auf meiner Taschenuhr erkennen, es war eine Stunde vor Mitternacht. Ich hatte in der Dunkelheit einen ziemlichen Umweg gemacht und befand mich noch immer drei Stunden von Nikolsburg entfernt. Ich war bis auf die Haut durchnäßt und die heftige Kälte, die wieder eintrat, ward mir dadurch doppelt empfindlich. Ich versuchte es, mich durch rasches Gehen zu erwärmen und so schnell als möglich nach Hause in's warme Zimmer zu kommen. — Ich war seit Beginn des Sturmes keinem Menschen, keinem lebenden Wesen begegnet, nicht das kleinste Waldthier, nicht ein Eichhörnchen war an mir vorüber gehuscht, nicht ein Raubvogel hatte die Luft durchschnitten, alles was im Walde, auf dem Felde, auf der Haide lebt und kriecht und fliegt hatte seinen Unterschlupf gesucht, ich hatte außer dem grausen Heulen des Sturmes, dem Knacken brechender Aeste, gar keinen Laut gehört — endlich schlugen menschliche Stimmen an mein Ohr. Wer mögen wohl die Wanderer sein, die sich in solchem Unwetter zu solcher Stunde auf offener Straße befänden? mußte ich mich verwundert fragen. Neugierig vorwärts eilend, näherte ich mich rasch dem Orte, von welchem die Stimmen kamen und schon die ersten Worte, die ich deutlich vernehmen konnte, machten mich erbeben, ließen das Blut in meinen Adern vereisen, mein Herz zum Zerspringen klopfen. Die Sprechenden mußten sich in meiner Nähe, etwa von einem Felsenvorsprung gedeckt, befinden. Ich stürmte so rasch dies meine erstarrten Füße gestatteten, vorwärts und an einer Wegesbiegung angelangt, bot sich mir ein eigenthümlicher Anblick dar — ich werde diese Scene — und sollte ich das höchste menschliche Alter erreichen — nie vergessen." Perez Markbreiter hielt von der Erinnerung erschüttert inne und fuhr erst nach einer Pause fort: „Zwei Gestalten, die von dichtem Schnee so überschüttet waren, daß ich nur an ihren Stimmen erkannte, daß es Frauen waren, standen an des Stromes Rand; eine hielt die andere fest umschlungen und diese sprach: „Halte mich nicht zurück, die Qualen dauern zu lang, sie sind zu groß, um sie noch länger zu ertragen, hier will ich enden und folgst Du meinem Rathe, Du armes, unglückselig' Kind, so folgst Du auch meinem Beispiel" und so sprechend versuchte sie es, sich der Umschlingung zu entwinden; darauf antwortete eine glockenhelle, vor Aufregung vibrtrende Stimme: „Ich bin vor Hunger und Frost, vor Leid und Qual, vor steter nervenzerrüttender Angst, so schwach geworden, daß, wenn ich auch mit Dir ringen dürfte, ich nicht im Stande wäre Dich zurückzuhalten; — aber lieb' Mütterchen, ich bin Dir ja stets ein treues gehorsames Kind gewesen, erweise mir dafür nur die eine Liebe; spring nicht in den Strom, üb' keine Handlung aus, um Dich zu tödten! Wenn Du zu müde bist, weiter zu gehen, weiter zu leben — dann folge meinem Rathe! Wir setzen uns friedlich hier unter diesen alten Baum im Schnee, umschlingen uns in Lieb und Treu' und verrichten unser letztes Nachtgebet. Es ist ein mörderischer Frost — in des Wortes buchstäblichster Bedeutung — mörderisch. Der Tod wird nicht lange auf sich warten lassen. Erfrieren ist ein leichter, schöner Tod, wir beide sterben vereint, zugleich! Ich glaub', es ist das Einzige, was wir uns auf dieser Welt noch von Gott zu erflehen vermögen. Wir haben dann keine That verübt, wir haben keinen Selbstmord begangen, wir haben keine Schuld daran, wir vermöchten es ja ohnehin nicht zu verhindern. Wenn wir es auch versuchen wollen, uns in dieser entsetzlichen Nacht, ziellos noch einige Stunden mit unfern armen, nackten, wunden Füßen fortzuschleppen; wir müßten endlich doch erschöpft zusammenbrechen und könnten unserem unabwendbaren Schicksale: vor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.