Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 74 (15.9.1892)
- Date
- 1892-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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7' XXXIII. Jahrgang. jyö 74. Sin Aentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Der Israelit Donnerstag, de« 15. S e P t. 5652 (1892). Da mit dem 1. Oktober 1892 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleidet. Die nächste Nummer (eine Doppelnummer) erscheint Dienstag, den 20. September. Leitender Artikel Zum neuen Jahre. Mainz, 14. September. Das alte Jahr geht zu Ende, und nur noch wenige Tage trennen uns von der Schwelle des neuen. Wenn je, so ringt sich in diesen letzten Tagen des nunmehr scheidenden Jahres, früh und spät, laut und leise der sehnsuchtsvolle WWsch aus Vieltausend jüdischen Herzen: rpronai «an rur r6an „Möge mit dem scheidenden Jahr auch all sein fluchbeladenes Geschick schwinden, möge mit dem neuen Jahre alle Segensfülle bei uns einziehen/' Es war ein schweres, hartes Jahr nach vielen Seiten hin, das in wenigen Tagen abgelaufen sein wird. Worauf wir bei Beginn dieses Jahres (in dem Aufsätze.- Rosch Haschono am Sabbath in Nr. 77 des vorigen Jahrgangs) hinwicsen, daß ein unheimlicher Stern über diesem Jahre waltet, das hat sich leider in erschreckender Wahrheit verwirklicht. Krankheit und Tod fordern an vielen Orten zahllose Opfer und auch diejenigen Kreise, welche an diesen harten Schtcksalsschlägen bis jetzt durch Gottes Gnade verschont blieben, zittern täglich und stündlich vor dem Augenblick, der auch sie heimsuchen könne. Es ist dies ein schweres, außergewöhnliches Unglück, unter dem alle leiden, ohne Rücksicht auf Stand, Religion und Volk. Dazu kommt noch für die Bekenner des Judenthums, der Haß und der Wahn, der schon seit langer Zeit mit vollen Händen in die Massen gestreut wird. Diese Giftsaat ist in dem scheidenden Jahre in so grauenerregender, blutiger Weise aufgegangen, daß sich Niemand mehr über deren Bedeutung einer Täuschung hingeben kann. — Aus dem großen Czarenreiche laufen täglich Berichte über Bedrückung, Vergewaltigung, Verfolgung und Vertreibung unserer Glaubensgenossen ein, die man nicht für möglich halten würde, wenn nicht die unglücklichen Zeugen aller dieser unerhörten Gewaltthat mit ihrem Jammer und Elend selber vor uns stünden. Aber auch derjenige, dessen Herz kalt bleibt bei butt UngtM, dassich in der Ferne VMzieht, wird sich nicht länger in gleichgiltiger Sorglosigkeit über den Ernst der Situation täuschen, der sich in unserer unmittelbaren Umgebung geltend macht. Wiederum sträubt sich der Freund jeder Bildung und Gesittung an die Wirklichkeit dessen zu glauben, was sich in diesem Jahre vor wenigen Wochen, nicht in Rußland, sondern bei dem intelligentesten Theil der Bevölkerung Deutschlands ereignete. Ein getödtetes christliches Kind wird aufgefunden und sofort lebt das alte, längst begraben geglaubte Märchen von dem „Ritualmord der Juden" wieder auf, ruinirt eine achtbare, schuldlose Familie, vernichtet eine große Zahl jüdischer Existenzen, und bedroht in immer größeren Kreisen jüdische Gemeinden und Einzelne, trotz der glänzenden, gerichtlichen Freisprechung der unschuldig verdächtigten Glaubensgenossen. Wer hätte noch vor wenigen Jahren ein solches Vorkommniß am Ende dieses Jahrhunderts für möglich gehalten? In der Metropole des deutschen Reichs dürfen Juden und Judenthum verhöhnende, aufreizende Hetzschriften öffentlich colportirt werden und kein Richter ist da, der das gekränkte Recht der Angegriffenen vertritt. — In Sachsen soll die Gewissens- und Religionsfreiheit den Juden gegenüber durch einfachen Mi.