Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 72 (8.9.1892)
- Date
- 1892-09-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1385 August wurden zwei polnische Juden mit ihren Frauen von einem Haufen Männer in der Nähe von Limerick (Irland) angefallen und mißhandelt. Die Thäter wurden zwar am nächsten Tage verhaftet, aber es ist bedauernswerth zu konstatiren, daß derartige Fälle vor Jahren dort zu den Seltenheiten gehörten. Da die Frage über die Folgen der Einwanderung armer Fremder noch immer die Gemüther in Aufregung erhält, ist der diesjährige Rechenschaftsbericht der Armenverwaltung des Whitechapel Distriktes, in dem bekanntlich unsere aus Rußland vertriebenen Glaubensgenossen in großer Zahl wohnen, von nicht geringem Interesse, zumal er auf offiziellen, unbeeinflußten Quellen beruht. Er stellt vor allem die überraschende Thatsache fest, daß die Zahl der ausländischen Fremden, die die Armenverwaltung um Unterstützung angingen, sich nicht vergrößert habe, und ferner, daß die Beweise fehlen für die Annahme, daß durch den großen Fremdenzufluß die Armuth in Großbritannien sich vergrößert hätte. Die statistischen Daten zeigen, daß, während in 1887 von 826 Armen, 23 Ausländer waren, im Jahre 1892 unter 843 sich nur 18 Ausländer befanden, welche natürlich nicht alle Juden sind. Im Gegensätze zu den bekannten trüben Berichten über die Verhältnisse der russischen Einwanderer in Argentinien, steht ein im Voskhod von Rabbiner Fried mann aus Demirjevko veröffentlichter Brief, den derselbe von einer in Mauricio angesiedelten Kolonie erhielt; er wird um Beschaffung einer Sefer-Thora angegangen, für welchen Zweck ihm eine Summe von 100 Dollars übermittelt wurde. „Mit der Ankunft des Colonel Goldsmid", heißt es im Briefe; „begann sich unsere Lage sichtbar zu bessern; hinreichend genug Häuser wurden errichtet und die Kolonisten mit der nöthigen Ausrüstung versehen; wir beginnen nun das uns anvertraute Land zu bebauen in der sicheren Hoffnung, daß unsere Kolonie aufblühen wird." Dr. G a st e r veröffentlichte soeben einen Katalog der in der Zunz-Bibliothek enthaltenen Pamphlete. > Vermischtes. < Schotten (Oberhessen.). Bei der am Mittwoch stattgehabten GemeinderathSwahl wurde unser erster Vorsteher, Herr Seligmann Kaufmann trotz einer kleinen antisemitischen Gegenagitation wieder gewählt. Derselbe erhielt von den drei Gewählten die meisten Stimmen, ein Beweis, daß der gesunde Sinn des größten Theils der hiesigen Einwohnerschaft durch den Gift- Hauch des Antisemitismus nicht getrübt werden konnte. Hoffen wir, daß die schöne Eintracht unter den Angehörigen der verschiedenen Confessionen unseres Städtchens von steter Dauer sei und der Frieden bald einziehe in die Herzen aller Menschen. Sulzmalt. (Ober-Elsaß.) Unser schön gelegenes, vielbesuchtes Badestädtchen wurde am vergangenen Montag, den 29. August in nicht geringe Aufregung versetzt. Man fand nämlich im Stalle das über 80 Jahre alte Ehepaar Dr eyfuß, mit Stroh und Futter bedeckt, ermordet vor. Aus den schweren Wunden am Kopfe und den aufgebrochenen Schränken wurde sofort auf Raubmord geschlossen. Die Betten waren noch unberührt, und auch das Nachtessen stand noch vollständig unversehrt auf dem Herde. Ohne Zweifel geschah das Verbrechen am Sonntag Abend, am Kirchweihfest, wo sich die Verbrecher sicher glaubten. Man hat aber schon mehrere verdächtige Individuen abgefaßt und ins Eolmarer Bezirksgefängniß gebracht. Hoffentlich werden die Ruchlosen nicht ungestraft bleiben! Nußbaum. Berlin, im Elul. Wir haben in diesen Tagen die neue Bethalle auf dem Friedhofe der Gemeinde Adaß-Jisroel ihrer Bestimmung übergeben. Die Munificenz eines nunmehr bereits verstorbenen Gemeindemitgliedes und die Opferfreudigkeit der Chewra Gemilus-Chasodim ermöglichte es der Gemeinde an den Bau heranzutreten. Da bewährte und fachkundige Männer, Mitglieder unseres Repräsentanten-Collegiums die Leitung des Baues übernahmen, so war die vorzügliche und pünktliche Vollführung der Bethalle gesichert. Die würdige Ausstattung entspricht ganz dem feierlichen Zwecke, welchem der Betsaal gewidmet ist; so wäre nur zu wünschen, daß nur D’D’ »jntsn D’jpT hier die letzte Ehre erwiesen werde. Leider mußten wir diesmal mit der Ausnahme beginnen. Wir geleiteten einen hoffnungsvollen Mann in der Blüthe des Lebens zur ewigen Ruhestätte. Herr Jsaac Rosenberg, der wackere Sohn unseres ehrwürdigen Gemeindepräses erlag einem längeren tückischen Leiden. Unsere engere Gemeinde beklagt mit der gottergebenen Familie diesen Verlust aufs schmerzlichste. Möge die allgemeine Theilnahme den Schmerz der beklagenswerthen Mutter und der trauernden Geschwister lindern.N. Wien, 27. August. Ein Feuilleton der „Neuen Freien Presse" aus Biarritz theilt eine Aeußerung des Königs Oscar von Schweden über die Antisemiten Oesterreichs mit. „Ich glaube", so sagte der König in einem Gespräche über die österreichischen Parteiverhältnisse, „die Antisemiten haben gar keine politischen, sondern vorwiegend socialistische Bestrebungen. Sie theilen eigentlich die Welt in zwei Lager: die Semiten — das sind die, welche durch Fleiß und Schicksalsgunst Vermögen erwarben, und die Antisemiten — das sind ihre Gegner, die nichts haben und die das besitzen möchten, was die Anderen gewonnen haben." Warschau, 1. September. Der Kriegsminister Wanowski verbot, daß die in der Armee dienenden Polen und Juden bei den Militärbezirken besonders in Wilna und Kiew, als Schreiber zu verwenden seien, da es angeblich bereits mehre Male vorgekommen sei, daß Mobilisirungspläne verrathen wurden.