Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 71 (5.9.1892)
- Date
- 1892-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448286--34823-2482780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIII. Jahrgang. Beilage;u M 71 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Lüneburg, 1. September. (Grundsteinlegung der neuen Synagoge). Eine ebenso würdige als erhebende Feier war es, die sich heute Mittag unter der Theilnahme zahlreicher israelitischer und christlicher Einwohner und eingelademr Gäste auf dem am Schifferwalle befindlichen Bauterrain der hiesigen Synagogengemeinde vollzog. Im Beisein des Herrn Landrabbiners Dr. Grone mann, der den ersten und kräftigen Anstoß zur Erbauung eines neuen Gotteshauses der hiesigen israelitischen Gemeinde gegeben hat, fand der sehr weihevolle Akt der Grundsteinlegung der Synagoge statt. Auf dem von den Umfangsmauern des Gebäudes umsäumten Platze hatten die Voiftandsmitglieder der Gemeinde nebst Damen, sowie die eingeladenen Gäste Sitze eingenommen. Die Königliche und Städtische Behörde waren bei der Feier vertreten durch die Herren Regierungs-Präsident Kammerherr v. Colmar-Meyenburg, Ober- Reg rer ungsrath v. Massow. Reg.-Rath Meyer, Geh. Reg.-Rath Oberbürgermeister Lauenstein, Stadtsyndicus Keferstein und außerdem das Bürgervorsteher - Collegium durch den Herrn Bürgervorsteher Jenckel. Nachdem der Vorsitzende der Synagogen - Gemeinde Herr Marcus Heinemann die Gäste begrüßt hatte, intonirte die Vereinskapelle den herrlichen von Beethoven componirten Psalm: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre." Alsdann eröffnete der Herr Lehrer Philipp die Feier durch eine kurze Ansprache und Gebet, worauf der Herr Landrabbiner das in der Nähe des Grundsteins errichtete Podium betrat und in längerer Ansprache der Bedeutung des Tages volle Würdigung zu Theil werden ließ. „Die liebliche Feier des heutigen Tages würde", so führte der Redner u. a. aus, „noch besonders dadurch gehoben, daß die Behörden sowie auch die Bürgerschaft ihre Unterstützung zu Theil werden ließen und durch ihre Anwesenheit zur Verschönerung des Festes beitrügen. Mit dem Gefühl des Dankes gegen den allgüttgen Gott, daß er den ersehnten Tag der Grundsteinlegung habe heraufkommen lassen, hege er die Hoffnung, daß der Allgütige den Bau beschirmen werde, der ein Denkmal sein werde der edlen Begeisterung und Aufopferungsfähigkeit der hiesigen Gemeinde. In der ganzen Gemeinde habe es wohl Keinen gegeben, der nicht erkannt hätte, daß das alte Bethaus den Anforderungen längst nicht mehr entsprach, aber die Gemeinde habe einen hohen Berg vor sich gesehen und sie habe sich nicht kräftig genug geglaubt, ein Gotteshaus in einer der größten und angesehensten Städte der Provinz zu errichten, jedoch der Geist Gottes habe den Man* nern auch hier vorgeschwebt, so daß es ihnen gelungen wäre, alle Hindernisse zu überwinden und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Als der Gedanke gereift sei, das als nothwendig erkannte Bauwerk zu schaffen, sei schon am ersten Tage nahezu die Hälfte der nöthigen Bausumme durch freiwillige Beiträge aufgebracht worden; Alle, welche sich an dem gottgefälligen Liebeswerke betheiligt haben, waren beseelt von dem gottgetragenen Geiste, durch welchen der Grundstein zu dem neuen Gotteshause zu Tage gefördert ist. So sei denn durch die Liebesthätigkeit ein großer Berg überwunden worden; aber ein anderer war noch zu überwinden, der darin bestand, daß es für die israelitische Gemeinde nicht leicht war, sich hier anzubauen; aber die Stadtverwaltung und die Bürgerschaft habe die Gemeinde in so hervorragender Weise unterstützt, daß auch jener zweite Berg überwunden werden konnte. Mit dem Hinweis auf die prophetischen Worte „Schauet hin auf den Gottesaltar, den die Väter erbauet" sprach der Redner die Hoffnung aus, der Bau wolle sich erheben als ein leuchtendes Denkmal der Einheit und Einigkeit der Confesstonen in unserer Stadt und als ein Mahnzeichen, diese Einigkeit nicht zu lockern und ein Mahnzeichen für die israelitische Gemeinde. Die Urkunde, welche in den Grundstein gelegt werde, gebe späteren Geschlechtern Zeugniß von dem edlen Geiste, der die Gemeindemitglieder und die Bewohner beseelt habe. Zur Ehre des Allmächtigen, zu seinem Lob und Preis sei der Grundstein zu dem Werk gelegt, das hoffentlich Allen, welche durch ihre edle Herzensregung und Hingebung das Zustandekommen gefördert haben, in seiner ganzen Vollendung zu schauen vergönnt sein möge." Nunmehr spielte die Kapelle, allerdings unter leichtem Regen, der inzwischen eingesetzt hatte, das „Gebet" aus „Moses in Egypten", während dessen der Vorsitzende der Synagogengemeinde, Herr Banquier M. Heinemann, das Podium bestieg und nach dem Verklingen der Musikaccorde folgende Urkunde verlas: „Im Namen Gottes! Am 9. Elul des Jahres 5652 seit Erschaffung der Welt, am 1. September 1892 und im vierten Jahre der glorreichen Regierung Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. ist zur Ehre und Verherrlichung Gottes der Grundstein zu diesem Tempel gelegt worden.