Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 71 (5.9.1892)
- Date
- 1892-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1365 heimzukehren; er wollte allein sein, in Gottes freier Luft aufathmen; er enteilte dem Gewühle der Stadt und ging vor das Thor, einen menschenleeren Weg aufsuchend. In Gedanken versunken vorwärtsschreitend, wurde er plötzlich durch den lauten, freudigen Ausruf „So wahr mir Gott helfe, das ist ja unser junger, gnädiger Herr Rafael!" aus seinen Träumen aufgeschrecki. Als er aufblickte stand ein in eleganter Livree gekleideter Mann von etwa dreißig Jahren, den Hut in der Hand, ehrerbietig vor ihm. „Setzt Euern Hut auf!" rief Levi gebieterisch und fuhr dann leise fort. „Friedrich Rogert, ich kenne Euch von meiner und Eurer frühesten Jugend an, ich hoff', Ihr wollt mich nicht verrathen. Erweist mir nicht jene Ehrfurcht, die in meiner gegenwärtigen Stellung auffallen, unerklärlich erscheinen müßte, nennt mich hier nicht mit meinem Namen, hier heiße ich Rafael Levi und bin im Hause des Oberhof- und Kriegsfaktors Samson Wertheimer bedien stet." „Ich, Sie verrathen!" rief der Lakai, „da wäre ich ja das größte Scheusal, das je gelebt! . . . . Ich will nickt von den Wohlthaten sprechen, die meine Mutter, eine arme Wittwe und ich, in Ihrer Eltern Hause genossen; aber Ihnen danke ich mehr als je ein Mensch einem zweiten zu danken hatte. Ihnen danke ich Ehre und Leben, und weiß es Gott noch mehr als Beides! Nicht ein einziger Tag ist seit jener Stunde vergangen, an dem ich nicht inbrünstig um Ihr Glück zu Gott gefleht! Und es ist mein heißester Wunsch, Ihnen meine Dankbarkeit beweisen zu können! Sie aus einem brennenden, zusammenstürzenden Hause zu holen, das wäre mein höchstes Glück!" „Laßt Das, Rogert! sprach Levi. „Wie geht cs Euerer Mutter? Wie geht es Euch? Wie kommt Ihr nach Wien, und wessen Livree tragt Ihr?" „Meine Mutter ist schon vor einigen Jahren gestorben", erwiederte Rogert, „und hat Ihrer Familie und Ihnen bis zu ihrem letzten Momente unbegrenzte Dankbarkeit bewahrt. Was mich betrifft, hatte ich, wie Ihnen bekannt ist, begreiflicherweise alle Luft an meinem alten Dienst verloren und hatte um gnädige Entlassung gebeten. Ich zog in die Fremde. Sie wissen es, ich bin ein guter Lakai, ich bin hierzu in harter Schule gedrillt worden. Ich habe alles Erdenkliche, was nur im Entferntesten zum Dienste gehört, lernen müssen. Ich kann serviren, kutschiren, frisiren, reiten, ich hatte sogar Gelegenheit mir etwas französisch und italienisch anzueignen. Ich fand leicht eine Stelle. Nachdem ich in mehreren kleinen deutschen Residenzen gedient hatte, kam ich vor anderthalb Jahren nach Breslau zu einem Grasen. Dort lernte ich einen Kutscher kennen, der bet dem früheren, preußischen Gesandten hier in Wien gedient hatte und mir viel von der großen österreichischen Residenz und dem herrlichen Leben dort erzählte, so daß ich Lust bekam es auch einmal in Wien zu versuchen, und als der alte Graf kinderlos starb und einer seiner Verwandten, der zur Testamentseröffnung nach Breslau kam, Gefallen an mir fand und mir den Antrag stellte mit ihm nach Wien zu gehen, nahm ich denselben an und so stehe ich seit sechs Monaten im Dienste des kaiserlichen Kämmerers und Reichshofrathes Grafen Johann Friedrich von Nimptsch. Ich habe bei ihm seit Wochen die Stelle des erkrankten Kammerdieners vertreten und werde, da dieser gestern gestorben, in dessen Stelle aufrücken . . . aber ich habe Sie schon übermäßig lange aufgehalten!.Ich war glücklich, Sie nach langer Zeit wieder zu sehen! Sie, der Hochstehende waren stets gütig gegen mich. Sie sind sich gleich geblieben, Sie haben es nicht übel ausgenommen, daß ich Sie hier auf der Straße angesprochen und haben sich nach meiner a/men Mutter erkundigt." „Rogert", erwiederte Levi, „Ihr müßt ja von dem harten Schlag erfahren haben, der uns betroffen .ich bin nicht mehr hochgestellt! ich muß mich hier unter fremdem Namen bergen. Wär' ich nicht von Euerer Treue überzeugt, ich hätte mich vor Euch verstellt und es hartnäckig geleugnet, daß ich jener bin, für den Ihr mich haltet. Ihr wißt es wohl, wenn er erführe, wo er meiner habhaft werden könnte, war' ich verloren; ein Verräther könnte ein schönes Stück Geld dabei verdienen Rafael Levi lachte bitter auf, „Ihr, das weiß ich, verlangt nicht nach dem Blutgelde." „Sie haben mich einst vor den Qualen der Folter geschützt; so wahr mir Gott in meiner höchsten Noth beistehen möge, wenn man mir mit glühenden Zangen lothweise das Fleisch vom Körper risse, ich würde Sie nicht verrathen. Ich werde, so lange ich lebe, nicht vergessen, daß ich tief in Ihrer Schuld bin und würde glücklich sein, Ihnen durch eine That meine Dankbarkeit zu beweisen." „Mich hat cs gefreut, einen Bekannten aus meinenl Vaterlande und meiner Jugendzeit zu sprechen; es hat mir wohlgethan jemanden zu finden, der meiner Eltern in Liebe und Ehrfurcht gedenkt, es hat mir wohlgethan, wenn auch nur kurze Zeit, nicht ein Anderer sein zu müssen, als ich in der That bin. Es wird mir zuweilen furchtbar schwer vor Jedermann eine Maske tragen zu müssen. . . . Friedrich Rogert beweist Euch meines Vertrauens würdig, bewahrt mein Geheimniß!" Der Lakai verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung.