Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 70. XXXIII. Jahrgang. Der Israelit. Ein Henlrak-Hrgan für das orthodoxeKudenthum. Begründet von f>r. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den I. S e p t. 5652 (1892). Leitender Artikel. Das Thorastudium. Von Rabbiner Dr. M. Jung, U n g. - B r o d. Alles Neue reizt, alles Alte läßt kalt. Der schönste Sonnenaufgang läßt nur deßhalb viele kalt, weil er sich häufig wiederholt, das Unbedeutendste zieht häufig nur deßhalb die Massen an, weil es neu. Sollte nun die Thora für alle Zeiten eine Anziehungskraft auf Israel ausüben, stets seine Aufmerksamkeit fesseln, so mußte dafür gesorgt werden, daß die Frische, de^ Glanz, der Reiz der Jugend wie der Neuheit stets in demselben Maße auf ihr ruhe, wie bei der Offenbarung. Was die Schöpfungstage für die physische, das ist die Offenbarung für die geistige Welt. Das Charakteristische au der Schöpfung des Irdischen wird daher sein Analogon an dem Eigenthümlichen der Schöpfung des Geistigen finden müssen. Nach dem Schöpfungsakte der irdischen Welt wird betont «na in«", daß die Natur nach ihrem unmittelbaren Hervorgehen aus des Schöpfers Hand ihre höchste Blüthe noch nicht erreicht hatte, daß mit „toi« nicht die absolute Vollendung des Schöpfungswerkes ausgesprochen wird, sondern daß alles künftig zu Enstehende nichts anderes sein werde als die Entfaltung der seit dem Urbeginn in der Natur liegenden Kräfte, „tot" also die absolute Vollendung der zur Endentwickelung der Natur gegebenen Prämissen bedeute. Ebenso verhält es sich mit der Offenbarung. Diese war nur in dem Sinne eine absolute Vollendung der geistigen Welt, daß alle künftigen, geistigen Fortschritte in ihrem Rahmen sich bewegen müssen, nichts anderes als die Entwickelung der in den Tiefen der Thora verborgenen herrlichen Ideen sein und die sorgfältigste Erforschung ihrer Gesetze und die Gestaltung derselben zur lebendigen Wirklichkeit zum alleinigen Ideale haben dürfen. Gleichen Schritt mit der Pflege der Naturwissenschaften hält die Liebe zur Natur. Seitdem die verborgenen Naturkräfte die Forscher mit Allgewalt anziehen und die Gelehrten mit der Erforschung der Naturgesetze sich abmühen, ist die in der Brust eines jeden Menschen vorhandene Sympathie zur Natur in feurige Liebe verwandelt worden. Die Natur steht nicht mehr dem Menschen als Fernliegendes gegenüber, sie ist mit seinem Wesen eng verknüpft. Die Naturgesetze sind vom Menschen erforscht, sind in gewisser Hinsicht Kinder seines Verstandes, seiner mühevollen Forschung. Ebenso auch aus demselben Grunde erzeugt das Studium der Thora Liebe zu derselben. Bei all ihrem klaren, Jedermann einleuchtenden Inhalt bildet die Thora eine unerschöpfliche Fundgrube, aus welcher die großen Geister aller Zetten schöne und erhabene Ideen geschöpft und noch schöpfen werden. Sie ist alt und zugleich neu. Dieser Vereinigung des Alten mit dem Neuen zu einem Ganzen, so daß das Neue trotz seiner Neuheit alten Ursprunges und das Alte trotz seines Alters in neuem Gewände erscheint, verdankt die Thora ihre Zauberkraft, welche sie auf Israel zu allen Zeiten ausgeübt. In dieser Vereinigung liegt aber zugleich der Beweis ihrer Göttlichkeit. Das rein Menschliche stellt sich unserem Blicke in enger, beschränkter Form dar; es ist entweder alt oder neu, es steht entweder verblichen, grau vor uns, bedeckt mit dem Schnee des Jahrhunderts und darin zwar Ehrfurcht gebietend wegen seines Alters, aber auch ermangelnd des jugendlichen Ansehens, der Lebensfrtsche und Schönheit, oder es steht das Menschliche in voller jugendlicher Blüthe, grün und lebensfrisch vor uns, aber dafür entbehrend der Würde und der Ehrfurcht, die nur dem Alter zu Theil werden. Nicht so die Thora. Sie vereinigt in sich beides, die Würde des Alters und das Schöne, das Lebensfrische des Neuen. Hohes Alterthum leuchtet hin über ihre Gesetze und zugleich schmücken dieselben die Frische des Lebens. Dies ist tief im Wesen des Göttlichen begründet. Alles Göttliche ist ewig,