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Der Israelit · 1892-08-18 · Heft 66 (18.8.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 66 (18.8.1892)
Date
1892-08-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1259 Jetzt trat Levi ein. Es war dies ein ungewöhnlich hochgewachsener, kräftiger, etwa acht, neunuudzwanzigjähriger Mann, mit einem edelgeformten Gesichte, dessen Blässe durch den dunkeln Vollbart und das rabenschwarze, glänzende Haar noch hervorgehoben wurde. „Der Herr Oberhoffaktor haben befohlen", sprach er. „Vorgestern erhielt ich vom Spitalskommandanten eine Zuschrift, in welcher er mir mittheilte, unter den vom Kriegsschauplätze hier eingetroffenen Schwerverwundeten, befinde sich einer, dessen Zustand sich auf dem Wege hierher noch so verschlimmerte, daß er voraussichtlich nur noch wenige Stunden zu leben habe. Der sterbende Soldat erklärt Jude zu sein und sehnt sich darnach, vor seinem Tode mit einem Glaubensgenossen zu sprechen. Ich ersuchte unfern hochverehrten Dajon Rabbi Jakow Elieser Braunschweig, ins Mtlitärspital zu gehen und Sie, ihn dorthin zu begleiten, wenn dies notwendig sein sollte, bei der von dem Sterbenden gewünschten Besprechung anwesend zu sein. Ich war gestern und vorgestern so übermäßig beschäftigt, daß ich mir weder von dem Rabbi noch von Ihnen Bericht erbitten konnte und setzte auch voraus, daß cs sich nicht um etwas handle, welches mein sofortiges Einschreiten erfordert, da andernfalls entweder der Dajon oder Sie mir auch unaufgefordert Mittheilung gemacht hätten. Um was hatte es sich gehandelt?" „Es ist genau so, wie Sie Herr Oberhoffaktor in Dero Weisheit vorausfetzten. Der Soldat, dem der nahe Tod eine erwünschte Erlösung von schwerem Leiden schien, war körperlich kein Mensch mehr, eine Kanonenkugel hatte ihm beide Füße und den rechten Arm abgerissen. Wenn es auch denkbar gewesen wäre, ihn am Leben zu erhalten, dies wäre ihm zur höchsten Qual geworden. Er war entsetzlich bleich, was um so unheimlicher erschien, als auf der linken Wange ein Feuermal brannte." „Ein feuriges Mal!?" fuhr Nathan Heller überrascht auf, und Levi fuhr fort: „Rabbi", sprach der Soldat zu unserem Dajon, „ich leide schrecklich; aber ich freue mich, weil ich hoffe. daß mich die großen Schmerzen wenigstens zum Theil von meiner schweren Sündenlast entsühnen. Ich habe mehr Aweros l) begangen, als ich in der kurzen Zeit, die mir zu leben noch vergönnt ist, aufzuzählen vermag. Ich war schon als Knabe ein schlechter Sohn und habe meine Eltern gekränkt — auch habe ich alle Gesetze übertreten, habe Schabbos*) und den Jom hakkipurim^) ent- 1) Sünden. 2) Den Sabbat. 3) Den Versöhnungstag. weiht, aber das sind Aweros ben odom lamokom l)f die vermag ich nicht mehr gut zu machen — aber, und bei diesen Worten war das zerstörte Menschengebilde in convulsivisches Schluchzen ausgebrochen, „ich habe mich auch gegen Menschen schwer versündigt und ganz besonders gegen mein armes Weib. Sie, ein Engel an Schönheit und Güte, hatte mir Unwürdigen ihre Liebe geschenkt, ste verließ um meinetwillen ihren geliebten alten Großvater und zog mit mir in die weite Welt, sie hielt treu zu mir, obwohl ich ste mißhandelte — und ich Nichtswürdiger war entmenscht genug sie um einer elenden Dirne willen, im fremden Lande zu verlassen. Ich habe lange Zeit nicht gewußt, ob sie nicht im Elende verkommen; aber vor etwa acht Monaten erfuhr ich durch einen Zufall, von zwei Männern aus ihrer Heimath, daß es ihr gelungen, nach ihrem Geburtsorte, zu ihrem alten Großvater zurückzukehren; — aber damals war mein Herz noch versteint, damals war ich noch der wildeste Grenadier im Regiment — aber jetzt, wo mich der gerechte Gott so furchtbar gestraft hat, da .... da erkenne ich, was ich an dem armen Weibe gefrevelt und möchte mir ihre Verzeihung erflehen. . . . Rabbi, ich bitte Euch um Dreifaches. Bleibt mit Eurem Begleiter, dem jungen Manne, die kurze Zeit bis sich meine Seele aus meinem morschen Leibe losgerungen, bei mir und betet mit mir, — sorgt dafür daß das, was die türkischenGranatenvon metnemLeibe übrig gelassen, auf dem jüdischen Beschajim°) bestattet werde — und schreibt sofort, nachdem ich begraben bin, meinem Weibe, daß Ihr Zeuge gewesen, wie tief es mich vor meinem Tode geschmerzt, ihr so viel Leid zugefügt zu haben, daß ich's als höchstes Glück betrachtet hätte, sie vor meinem Tode noch zu sehen, auf meinen Knieen ihre Verzeihung zu erflehen; — daß ich ihr noch geschrieben hätte, wenn nicht meine zerschossene, rechte Hand, in dem großen Menschen- und Gebeinengrabe vor Belgrad moderte; daß ich sie beschwöre, mir, um Gottes Barmherzigkeit willen keinen Groll übers Grab hinaus zu tragen, mir zu verzeihen. Meine Gattin heißt. aber weiter konnte der Arme nicht sprechen, bald trat auch die Schinui gedole4 5 6) ein. — Der Rabbi und ich verrichteten die üblichen Gebete. Nach seinem Tode, veranlaßte Rabbi Jakow Elieser, der dem Spitalskommandanten Ihr Schreiben, Herr Oberkriegsfaktor, überreicht hatte, daß die irdischen Reste des Soldaten in die 4) Vergehungen, Sünden, die sich auf das Verhältniß des Menschen zu Gott beziehen. 5) Friedhofe. 6) Große Veränderung, ein,' in jüdischen Kreisen für dar Erscheinen des hypokratischen Gesichtes bei Sterbenden, gebräuchlicher Ausdruck.

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