Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1892)
- Date
- 1892-07-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1126 hätten ein Interesse an den Manipulationen gehabt. Und was bei Loewe vorgekommen sei, komme auch in den Staatsanstalten ebenso vor. Ahlwardt, dem das Erscheinen der Broschüre schon in der jüngsten Antisemitcnversammlung, in welcher er sprach, bekannt war, hatte die darin aufgestellten Bekundungen von vornherein als erlogen zu kennzeichnen gesucht. Dieselben beschäftigen bereits das Gericht, das, wie der „Freis. Ztg." mitgetheilt wird, schon Untersuchungen nach der Richtung angestellt hat, daß Ahlwardt einen Soldaten durch das Angebot von 30.000 Mark verleitet habe, in Frankfurt a. d. O. einen Gewehrdiebstahl zu begehen. Köln, 22. Juli. Das Urtheil im Prozesse Buschhoff ist heute rechtskräftig geworden; es wurde von keiner Seite Revision beantragt. Aachen, 19. Juli. In der gestrigen Versammlung des katholischen Arbeitervereins sprach der Präses, der kath. Geistliche, Herr Kap. Keinartz unter Anderem auch von der hohen kulturellen und geschichtlichen Wichtigkeit der Juden als Volk, welches das Volk Gottes genannt wurde, und von seinen wichtigen Aufgaben im Reiche Gottes. Hierauf ging Redner über zur Schilderung der Stellung der Kirche zu dem Judenthume, wie die Päpste stets die Beschützer der Juden gewesen, und schloß daran äußerst interessante Ausführungen über den den Juden zuweilen zugeschobenen Kinder- oder sogenannten Ritualmord. Letzteren, den Juden gemachten Vorwurf bezeichnete Redner nach seiner Ueberzeugung für unbegründet. Diese Ueberzeugung stützt er aus verschiedene geschichtliche Untersuchungen, auf die Lehren des jüdischen Gesetzbuchs, des Talmud, und neben andern ähnlichen auf das Bekenntniß des Dompredigers Veith in Wien, der, selbst früher Jude gewesen, auf der Kanzel mit dem Kruzifix in der Hand, einen feierlichen Eid ablegte, daß es Unrecht sei, den Juden den Ritualmord unterzuschieben. Auf die sogenannte antisemitische Bewegung eingehend, verurtheilte er dieselbe, weil auf falschen Prinzipien beruhend. Es möge ja wahr sein, daß manchmal einzelnen Juden Unrechtes nachgewiesen werde, aber um solches zu thun, brauche man nicht gerade Jude zu sein, und leider gebe es auch Christen, die vielleicht noch schlimmer seien als Juden. Redner schloß mit der Behauptung: Kein wirklich gläubiger Jude ist ein ungerechter Bedrücker der Christen und kein wirklich gläubiger Katholik kann Antisemit sein. Kirchberg, 15. Juli. Wir lesen in der Trier'schen Zeitung: Ziemliches Aufsehen erregt Hierselbst die Thatsache, daß der seit einigen Jahren hier practizirende Arzt, Herr Dr. med. Junkermann, am verflossenen Mittwoch von hier abreifte und nach zwei Tagen seine hiesigen Freunde benachrichtigte, daß er nicht die Absicht habe, hierher zurückzukehren. Wie die „Hunsr. Ztg." erfährt, steht diese plötzliche Abreise im Zusammenhänge mit dem Xantener Knabenmordprozeß, in welchem der Vater des Herrn Dr. Junkermann als Hauptzeuge eine besondere Rolle spielte. Laut den „Oberst Neuest. Nachr." war nach den Vorgängen in kanten seine Stellung hier völlig unhaltbar geworden. Nach der beeideten Aussage seines eigenen Vaters hat Herr Dr. Junkermann ihm (dem Vater) ausdrücklich versichert, daß „die Juden zu rituellen Zwecken Christen blut brauchten". Ferner hat, wie Herr Junkermann selbst zugestanden hat, er nach Diktat seines Vaters die anonyme Denunziatlon gegen den Buschhoff geschrieben. Nachdem er in dieser Sache als Zeuge nach Cleve geladen worden war uud sich dort der Sachverhalt, wie oben angegeben, herausgestellt hatte, war für ihn keines Bleibens mehr. England. E. T. London Das neue Parlament hat sieben jüdische Mitglieder ^ufzuweisen: Samuel Montagu, H. S. Leon, Sidney stern (Gladstonianer) Julian Goldsmid, Baron Ferdinand de Rothschild (llnionisten), Baron Henry de Worms, B. L. Cohen (Conservative). Beachtenswerth ist, in wie naher verwandtschaftlicher Beziehung alle diese Parlamentsmitglieder stehen. Baron Rothschild, Baron Worms, Goldsmid, Stern und Cohen sind Cousin's, Samuel Montagu ist ein Schwager von Cohen, und Leon ist auch durch seine Frau mit letzterem verwandt. — Baron Alfred de Rothschild feierte seinen 50. Geburtstag letzten Mittwoch. — Am 20. d. fand in der West London Synagoge ein „fashionable" Hochzeit statt. Die Braut Miß Faudel Philipps erschien in einem auffallend einfachen, aber höchst el.ganten weißen Satinkleide, umgeben von 8 reizend gekteidcten Brautjungfern. Der Bräutigam ist Mr. Philipp Henriquenz, Sohn des bekannten Alfred G. Henriques. Der Trauung wohnten bei der Prinz und Prinzessin Eduard von Sachsen Weimar, der türkische und rumänische Gesandte, Lord Montague, Lord Rothschild, Baron Henry de Worms und viele andere Mitglieder der Londoner Elite. — Die Alliance Jsraelite Universelle hat beschlossen, die nächstjährige Weltausstellung in Chicago zu beschicken. Schülerarbeiten, Photographien von Schulgebäuden, Produkte der landwirtschaftlichen Schule in Jaffa und Arbeiten des technischen Instituts zu Jerusalem sollen ausgestellt werden. Auch an historischen Dokumenten soll es nicht mangeln, die bestimmt sind, den Zweck, die Wirksamkeit und die erreichten Resultate der obengenannten Gesellschaft zu illustriren. — Das Scheitern der Mission von Sir CH. E. Smith in Fez ist für die dortigen Juden eine bittere Enttäuschung, indem wieder ihre Hoffnung auf größere Freiheit und Gerechtigkeit vereitelt wurde. Denn nur, wenn Marokko sich dem europäischen Einflüsse erschließt, wird der Fanatismus und die Mißregierung ein Ende erreichen. Unter den gegenwärtigen Umständen ist für die Sicherheit der bedrängten Juden sehr schlecht gesorgt, da nur eine geringe Anzahl reicher Juden besonders geschützt ist. — Der Wortlaut der dem Könige von Rumänien hier überreichten Adresse wurde diese Woche veröffentlicht. Die Punkte, auf welche sie die Aufmerksamkeit des Königs besonders lenken wollte, sind die Folgende: 1) Daß der höchste Gerichtshof entschieden hat, daß selbst eingeborene Juden, deren Väter nicht einem fremden Staate angehört hatten,^Fremdlinge sind;