Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1892)
- Date
- 1892-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXm. Jahrgang. M 58 Der Israelit. Ein Henlrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 21. Juli 5652 (1892). Leitender Artikel. Ate Zustände in Hakizien. Wien, 19. Juli. Der herzbrechende Elend unserer Brüder und Schwestern im russischen Reiche hat unter seinen vielen schmerzlichen Folgen auch die, daß es durch die Aufmerksamkeit, welches es in so hohem Grade auf sich zieht, den Blick von vielen, andern wichtigen Punkten ablenkt, indem es alles jüdische Interesse in erster Reihe für sich in Anspruch nimmt — Ein solch wichtiger Punkt ist die Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien, die daselbst mit ca. 700,000 Seelen vertreten sind. Das soziale, politische und religiöse Leben unserer Glaubensgenossen in Galizien ist reich an einer Fülle von Momenten, von welchen jeder eine besondere, eingehende Darstellung erforderte. Wir möchten heute einen Augenblick die Aufmerksamkeit unser geehrten Leser auf die religiösen Kämpfe lenken, die innerhalb der galizischen Judenheit schon seit einer langen Reihe von Jahren bestehen, aber in allerneuester Zeit mit besonderem Nachdruck geführt werden. Im Großen und Ganzen scheiden sich auch die Israeliten Galiziens wie die im ganzen Occtdent in zwei sich gegenseitig ausschließende Richtungen, in solche, die auf dem Boden des von den Vätern überlieferten Judenthums stehen, und in solche, welche sich davon emancipirt haben, also in Orthodoxe und Reformjuden. Jene besitzen in dem Verein Machastke Haddas, und diese in dem Verein Schomer Israel ihr Central-Organ. Innerhalb der Orthodoxie machen sich nun verschiedene Strömungen geltend, deren unterscheidendes Kriterium die Stellung zum Chassidismus bildet. Der Chassidismus selbst aber birgt die schroffsten Gegensätze unter seinen Bekennern. Es gibt einen redlichen, hochachtbaren Kreis von Männern, die in Folge ihrer wahrhaften über das gewöhnliche Niveau sich erhebenden Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Opferfreudigkeit mit Fug und Recht den Namen Chasid führen, und es gibt eine widrige Spielart des Chassidismus, der bet gewissenhafter Beachtung äußerer Formen, den inneren Kern, vor allem das Studium der Thora in seiner vollen Hingebung und noch manches andere vermissen läßt, das einen jüdischen Mann berechtigt, den Ehrennamen eines Chasid zu führen. Die Neologie in ihrem instinktiven Haß gegen alles wahrhaft Jüdische, greift die Orthodoxie und ihre Bekenner an, ohne sich auf Unterscheidungen etnzulassen. Sie hat dadurch sehr leichtes Spiel, während umgekehrt der Standpunkt der letzteren sehr durch diese Elemente erschwert wird. Selbstredend haben die religiösen Anschauungen einen ganz gewaltigen Einfluß auch auf das soziale Leben ihrer Vertreter. Die soziale Stellung eines großen Theils unserer galizischen Glaubensgenossen ist eine sehr betrübende. Armuth, Mangel und Elend treten uns in wahrhaft erschütternden Formen allenthalben entgegen. Man nimmt nun allseitig als Quelle dieser sozialen Mißstände die mangelhafte Ausbildung der jüdischen Jugend an und glaubt, daß man hier eknfetzen müsse, wenn Wandel geschafft werden soll. Hier stoßen nun die sich widerstreitenden religiösen Anschauungen sofort mit ganzer Heftigkeit widereinander. Um die hier zu Tage tretenden Gegensätze mit wenigen Worten zu skizziren, bemerken wir: Es giebt innerhalb der galizischen Orthodoxie eine Richtung, die in jeder profanen Bildung der Jugend eine Gefahr für das überlieferte Judenthum erblickt und sie deßhalb perhorrescirt. Die Reihen dieser Richtung lichten sich von Tag zu Tag zu Gunsteu derjenigen, die der Verbindung von pN *pn oy mm das Wort reden, und für die Jugend in erster Reihe gründliche Thorakenntniß, daneben aber auch die Aneignung von profanen Kenntnissen für berechtigt und sogar für dringend nothwendig halten, lieber das den profanen Kennt-