Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1059 war eine solche Stimmung erst vorhanden, so konnte Bluwo gegen Iwan Vorbringen, was er wollte, er würde nichts erreichen. Nur mußte jetzt so schnell wie möglich der Kaiser benachrichtigt werden. Iwan fand auf dem Tische Papier und Feder, er schrieb sofort einen ausführlichen Brief, in dem er das Vorgehen des Geheimraths als die gröbste Gewaltthätigkeit schilderte, die diesem nur durch Eifersucht und Egoismus dictirt worden sei. Jenes Mädchen, mit dem zusammen ihn der Geheimrath überfallen habe, sei die Schwester des vor längerer Zeit verhafteten Nihilisten Jakow Alcxandrowitsch Horwitz, er habe diese in sich verliebt gemacht, um ihre Geheimnisse zu entdecken, und der Geheimrath habe ihn um seine schönsten Erfolge betrogen. Auch jene Arbeiter in der Fabrik, die der Geheimrath angeblich verhaftet habe, seien verkommene Individuen, die Bluwo um vieles Geld bestochen habe, dadurch den Sturz Iwans und der heiligen Schaar zu erreichen. Diesen Brief adressirte Iwan an den Großfürsten W., den hohen Gönner und Beschützer der heiligen Schaar, hierauf schellte er und ließ den Diener eintreten, den ihm der Gefängnißdirektor zuertheilt hatte. Es war ein noch junger Bursche, der wegen einer Schlägerei mit zwei Monaten Gefängniß bestraft worden war, und da er sich bisher gut geführt hatte, nun gegen Ende seiner Strafzeit, zu allerlei kleinen Dienstleistungen im Gefängniß verwendet wurde. Iwan suchte alles Geld zusammen, das er in seinen Taschen vorfand, es waren nur etwa hundert Rubel. „Kennst Du mich?" fragte er den Sträfling. „Ja, Euer Gnaden, jeder in dieser Stadt kennt den Günstling des Czaren!" „Meine Feinde haben in unverantwortlicher Frechheit mich hierher gefangen gesetzt, ohne daß Seine Majestät es weiß. Es kommt nur darauf an, den Kaiser so schnell als möglich zu benachrichtigen. Willst Du reich, mächtig und groß werden?" „Ja, Euer Gnaden! Gern, Euer Gnaden!" „So entfliehe und bringe mir diesen Brief zum Großfürsten W., damit er Seiner Majestät Bericht erstattet. Du gehst ganz frei umher, zu fliehen wird Dir leicht werden. Wenn die Außenwachen Dich nicht vorbeilassen wollen, gib ihnen Geld. Hier sind etwa hundert Rubel, Deinen Lohn wirst Du in Petersburg empfangen und der wird so reich sein, daß Du während Deines ganzen Lebens nicht mehr zu arbeiten brauchst." Der Sträfling erklärte sich einverstanden, entfloh gegen Anbruch des Morgens aus der Festung und fuhr mit dem Frühzuge nach Petersburg. Iwan hätte sicherlich unterlassen, so zu handeln, wenn ihm noch wie früher Alles auf das Genaueste berichtet worden wäre, was sich für ihn Interessantes in der Hauptstadt begab. Aber die meisten seiner Freunde und seiner Creaturen hielten ihn bereits für einen verlorenen Mann, und erachteten es nicht mehr der Mühe werth, ihm Gefälligkeiten zu erweisen. — Wir haben den Geheimrath Bluwo seiner Zeit verlassen, als er von dem Oberprocurator der Synode hinwegfuhr, um sich zu dem Gouverneur und dessen Tochter Lydia zu begeben,- er theilte ihnen die Stunde mit, wann der Oberprokurator Audienz beim Kaiser haben werde, um sich über jenes Vorgehen des sogenannten Czarengünstlings zu beschweren. Jener hatte versprochen, daß er in einem günstigen Augenblick dem Gouverneur und seiner Tochter Zutritt zu Seiner Majestät verschaffen werde, und zu jener Stunde, die dem Oberprokurator zum Empfang beim Kaiser bestimmt worden war, fand sich auch der Gouverneur nebst Lydia und dem Gehrimrath in den kaiserlichen Vorzimmern ein. Letzterer führte ein großes Bündel Akten bei sich. Nachdem der Oberprokurator vor Seiner Majestät erschienen war, las er dem Kaiser jenen Brief vor, den der Pope der Vorstadtkirche in der die Zwangstaufe Jakows stattgefunden, geschrieben hatte, und das fromme Gemüth des Herrschers gerielh in heftige Wallungen, als er anhöien mußte, welche Schändlichkeiten gegen Gott und die Kirche von einem Manne ausgeführt worden waren, den er früher so sehr begünstigt hatte. „Man muß ihn bestrafen, hart bestrafen!" rief der Kaiser hastig, „die Kirche selbst soll ihm seine Buße vorschreiben, er soll fasten und beten, und Gott um Vergebung anflehen für sein Vergehen. Nicht früher soll er mir wieder vor die Augen treten, als bis er mehrere Wochen lang in einem Kloster gebüßt hat!" „Vielleicht wäre eine härtere Strafe hier angebracht?" schalt der Oberprokurator ein. „Nein, nein!" rief der Kaiser, „er ist mein Freund, ich liebte ihn, wie meinen Sohn und ein Vater darf nicht zu hart züchtigen." „Die Weisheit Eurer Majestät hat zweifellos das Richtige gefunden", entgegnete der Oberprokurator, „dürste ich nun vielleicht auch noch um eine persönliche Gnade bitten?" „Ihr wißt, daß es Euch schon gewährt ist, wenn es nur persönliche Dinge angeht." „Draußen steht ein alter, treuer Diener Eurer Majestät, ein Mann, dessen Zuverlässigkeit und Eifer über jedem Zweifel erhaben ist, der Gouverneur von K."