Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 57 XXXI» Jahrgang. Der Israelit. Ein Hentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 18. Juli SSS2 (1892). Leitender Artikel. Frei! .DH1DN THD 'ra Gelobt sei, der die Gefangenen befreit! Eine Stunde, nachdem unsere jüngste..Donnerstagsnummer der Post übergeben war, erhielten wir von unserem Vertreter in Cleve das folgende Telegramm: „Nach verhältnitzmäßig kurzer Berathung von vierzig Minuten Dauer sprachen die Geschworenen über B u s ch h o f i das N i ch t s ch u l d i g aus. Lautes Bravo erfüllte den Raum. Buschhoff wurde von Geschworenen und Richtern gratulirt." Auf schwankenderem, frivolerem und zugleich schändlicherem Untergründe ist wohl niemals ein Mordprozeß aufgebaut worden, als der soeben durch Buschhoffs Freisprechung beendete. Mit Dank mutz anerkannt werden, daß die Staatsregierung zu vollster Klärung und Beruhigung des öffentlichen Bewußtseins den wuchtigsten Apparat ausgebracht, bedeutende richterliche Beamte und wissenschaftlich akademische Autoritäten vornehmsten Ranges herangezogen hat, um den Werth der Beschuldigungen, die Haltlosigkeit und Nichtigkeit der Momente, die sie zur Führung dieses Prozesses geradezu gezwungen haben, festzustellen. Die Niederschlagung der Untersuchung hätte die verleumderische Insinuation, daß die „schon verjüdelte" Staatsregierung sich scheue, eine rituelle Ungeheuerlichkeit unserer israelitischen Mitbürger aufzudecken, hätte die trotz aller unzweifelhaften Widerlegungen immer wieder auftauchende Legende, daß die Juden mit dem Blute geschlachteter Christenkinder ein ihrem Gott wohlgefälliges Werk verrichten, aufs Neue in Schwung gebracht und verstärkt. Hier also war Schweigen nicht Gold. Hier mußte mit dem lautesten Organ des öffentlichen Gerichtes und dem gewaltigen Resonanzboden der universalen Presse die Wahrheit jdonnernd ausgeschrieen werden. In diesem Sinne lesen wir in der Neuen Freien Presse: „In dem altehrwürdigen Lanten, der Wiege unserer deutschen Heldensage, wird just vor einem Jahre, am Peter- Pauls-Tage 1891, ein unglückliches Kind mit durchschnittenem Halse ermordet in einer Scheune gefunden. Zunächst glaubt man an eine Verunglückung. In der Scheune steht eine Häcksel-Schneidemaschine mit scharfem Messer. Diese Vermuthung wird zurückgewiesen und es heißt, es sei dem Knaben von verbrecherischer Hand der Hals abgeschnitten worden. Ueber den Mörder fehlt jeder Anhaltspunkt. Da steigt dem Metzgermeister Junkermann der Verdacht auf: „Das wird wohl der Jud' gewesen sein, der in nächster Nähe wohnt! Der ist ja Schächter! Und die Juden schlachten Christenkinder, das weiß ich ganz genau. Mein Sohn hat's mir gesagt. Der ist ein studirter Herr, ein Arzt." Und so erzählt er's Abends am Kneiptisch. Das ist der Keim unseres Prozesses, der eine Familie zu Grunde richtet, eine Bewegung hervorruft, die ganz Deutschland erfaßt und von der Tribüne der Volksvertretung herab zur Beschimpfung und Verleumdung von Hunderttausenden unserer Mitbürger verwerthet wird, die der Niedertracht und kulturfeindlichen Rohheit Vorschub leistet und die Regierung in ihrem höchsten Vertreter zur Stellungnahme zwingt — das thörichte Geschwätz des beschränkten Kleinstädters, eines geschäftlichen Konkurrenten, der den Juden nicht leiden mag und ein viel zu einfältiger und zerfahrener Faselhans ist, um sich von der Tragweite seiner Worte Rechenschaft abzulegen. Vom Schwadroneur am Kneiptische, wie dieser Junkermann von dem personalkundigen Bürgermeister charakterisirt wird, geht das Gerede aus. Junkermann hat zwar den Schnitt selbst nicht gesehen, aber er hat ihn sich beschreiben lassen. Ich bin Sachverständiger!" ruft er aus und giebt es auf Betreiben eines obskuren Hetzkaplans zu Protokoll. Nun schreibt er anonyme Briefe an den polizeilichen Ortsoorstand: Der Jud' ist's gewesen! Nun hat sich bei ihm die Vermuthung schon zur festen Ueberzeugung herausgebildet. Diese eine bestimmte Behauptung eines Schwadroneurs, der jetzt vor der Autorität des Gerichts hilflos und Mitleid erregend in seiner verhängnißvollen Schwatzhaftigkeit dasteht, der nicht mehr weiß, was er gesagt, was er geschrieben, was er mit seinem losen Munde für Unheil angerichtet hat— diese eine Behauptung genügt, um die Stimmung des ganzen kleinen Nestes zu vergiften. Da jede Spur, die auf einen andern, den wahren Thäter führen könnte, fehlt, greift die öffentliche Entrüstung das ihr vom Schwadroneur hingeworfene Gerede mit Eifer auf, und der allgemeine Chorus schreit: „Der Jud' ist's gewesen!" Und nun werden sie auf einmal Alle klug, die Gevattern und Basen von Krähwinkel, die Alten mit wackelndem Kopse und die dummen Jungen, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind. Ja, ja, der Junkermann weiß es! Der versteht sich auf die Sache! und da ist ein altes Männchen und ein ganz kleiner Junge, die haben Alles gesehen: wie der unglückliche Knabe in das Haus des Juden gezerrt worden ist! Und da ist noch der und der, die haben gesehen, wie das Kind in einem Sacke in die Scheune geschleppt worden ist! Und der Jude hat dem Kinde alles Blut abgezapft, in der Scheune ist fast gar kein Blut gefunden worden, und die Leiche war blutleer. Nun steht aber durch die Verhandlung fest: all die belastenden Aussagen über die Anlockung des Kindes in die Buschhoffsche Wohnung, über die blutige Hand Buschhoffs, über das Tragen des Sackes von der Wohnung nach der Scheune sind erst verhältnißmäßig lange Zeit, nachdem Vas Verbrechen begangen worden war, gemacht worden. Nicht eine einzige ist zur Aufklärung der That unmittelbar nach dem Verbrechen zur Kenntnißnahme der Behörde gebracht worden. Der unglückliche Vater, ein geistesbeschränkter Mann, ist erst in der öffentlichen Verhandlung, also nach einem vollen Jahre, mit der Behauptung hervorgetreten, die Berührung Buschhoffs habe unheimlich auf ihm gewirkt, er