Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1892)
- Date
- 1892-07-14
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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1052 er einer der beschäftigtsten Menschen seiner Zeit war und täglich eine große Zahl von den verschiedensten Gesellschaftskreisen angehörender Personen, von den höchsten Staatsmännern bis zum Bettler herab in sein Palais strömten, und der Lieutenant, der die aus zehn Grenadieren bestehende Wache vor seinem Hause befehligte, hatte von dem Oberhosiaktor den Auftrag, Jedermann auch den ärmlichst Gekleideten einzulassen. Samson Wertheimer war soeben von einer Audienz bei dem Hofkammerpräsidenten Grafen Starhemberg, in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt. Er befand sich noch in voller Galla. An seiner Brust hing die goldene Gnadenkette des Kaisers, au der Seite trug er den zierlichen Degen, ein Zeichen, daß er eine Hofcharge bekleide. — Er war sechzig Jahre, aber die Sorgenlast der letzten schweren Kriegsjahre, in welchen er unter den schwierigsten Verhältnissen, die Riesensummen, welche das Erzhaus zur Bekämpfung seiner zahlreichen äußeren Feinde und der ungarischen Rebellen bedurfte, herbeischaffen mußte, hatten ihn frühzeitig gealtert und er schien die Siebzig schon lange überschritten zu haben. Er war etwas unter Mittelgröße. Sein Haupthaar und sein lang herabwallender Bart, der ihm ein höchst ehrwürdiges Ansehen verlieh, waren schneeweiß; sein etwas dunkel gefärbtes Gesicht war von zahllosen Fältchen durchfurcht und anstrengende Arbeiten und Sorgen hatten schon tiefe Furchen in seine hohe Denkerstirne gegraben: dagegen waren die Lippen seines kleinen schön geformten Mundes noch immer frisch und roth und unter buschigen Augenbraunen blitzten zwei große glänzende, schwarze Augen die Jedermann auf den Grund der Seele zu sehen schienen. Sein ältester Sohn Wolf erhob sich bei seinem Eintritte und küßte ihm ehrerbietig die Hand. „Bist Du mit dem Resultate Deiner Conferenz mit dem Hofkammerpräsidenten zufrieden?" frug er. „Da ich bescheidene Forderungen stellte und gleichzeitig die Mittel angab, diese zu befriedigen, haben wir uns über die meisten Punkte rasch geeinigt. Starhemberg wird sie dem Conferenzrath empfehlend vorlegen, sie werden ohne Zweifel dort genehmigt und vom Kaiser bestätigt werden. Da jetzt meine Sprechstunde beginnt und wir voraussichtlich unterbrochen würden, kann ich Dir darüber nicht berichten; allein der Präsident und ich, wir haben die Punktationen zu Papier gebracht, Graf Starhemberg hat seinen Namen unter mein Broutllon gesetzt, ich meinen unter seines. Da hast Du jenes." Wertheimer wurde unterbrochen. Schon während seiner letzten Worte hatte Wolf gehört, daß die Wache vor dem Hause ins Gewehr gerufen und die Trommel gerührt, jetzt wurde auch die Thüre geöffnet und ein Commis, vor Eile athemlos, berichtete: Prinz Eugen von Savoyen ist soeben vor unserem Hause vorgefahren, er hat den Bedienten heraufgeschickt und fragen lassen, ob der Herr Oberkriegsfaktor, dem er einen Besuch abzustatten wünscht, zu Hause sei, da wir dies bejahten, wird er wohl sofort hier erscheinen. „So hohem Besuche", rief Wertheimer angenehm überrascht, „muß ich wohl entgegengehen", aber bevor er dies noch zu thun vermochte, wurden in dem Vorzimmer rasche Tritte hörbar und wenige Sekunden später betrat der gefeierteste Held seines Jahrhunderts das Arbeitszimmer des Hoffaktors. — Wolf wollte mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer verlassen, aber der Prinz sprach höflich, aber trotzdem in dem Tone eines Mannes, der keinen Wiederspruch gewohnt ist: „Bleiben Sie! Ich weiß, Ihr Herr Vater schätzt Sie hoch und verhehlt nichts vor Ihnen, überdies ist das, was ich dem Herrn Oberkrtegsfaktor zu sagen habe, nichts weniger als ein Geheimniß; es wäre mir lieb, wenn es die ganze Residenz, wenn es die ganze Welt hörte." Wolf Wertheimer rollte rasch einen kostbaren Lehnstuhl herbei, in welchen sich der Prinz warf, und der Oberhoffaktor sprach: „Welches Glück höchst Sie, mein Gnädiger Prinz, bei mir zu sehen! ... Ich hätte mir schon erlaubt vor Euer Durchlaucht zu erscheinen und meine unterthänigsten Glückwünsche zu dem ruhmreichen Stege abzustatten; allein, ich glaubte höchst Dieselben würden nach höchst Ihrer Ankunft zu beschäftigt sein, um mir einige Minuten höchst Dero kostbarer Zeit zu schenken." „Sie sind mir immer willkommen!" erwiderte der Prinz. „Der Zweck meines Besuches", fuhr er nach kurzer Pause fort, „ist, Ihnen, mein lieber Oberkriegsfaktor, herzlichst und inntgst für die großen unaussprechlichen Dienste zu danken, die Sie mir und der Armee erwiesen." „Gnädiger Prinz", erwiderte Wertheimer sich tief verbeugend, „ich danke unterthänigst für huldreiche Anerkennung. Ich will es offen gestehen, ich glaube meine Pflicht mit Anspannung aller meiner Kräfte erfüllt zu haben, aber höchst Sie überschätzen doch meine Leistungen." (Fortsetzung folgt in der nächst. Donnerstag erscheinenden belletristischen Beilage.) Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aktien-Gesellschaft in Mainz.