Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1892)
- Date
- 1892-07-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448271--34490-2482432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIII. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 56 des „Israelit". Leitender Artikel. Uroceß Wuschßoff. Der ^'antener Knabenmord vor dem Schwurgericht. Sechster Verhandlnngstag. (Vormittags-Sitzung.) Cleve, 9. Juli. Gegen 9 Uhr Vormittags eröffnet der Präsident, Land- Gerichtsdirektor Kluth, die Sitzung. Erster Staatsanwalt Baumgard: Ich lege hier einen Sack vor, der bei Buschhoff beschlagnahmt worden ist. Es finden sich in demselben Spreuspuren vor, derselbe hat auch zum Theil eine rauchbraune Farbe. Da behauptet worden ist, daß der Sack bei Buschhoff versteckt gefunden worden ist, so beantrage ich: den Polizei-Sergeanten Schlöer, der bei der Haussuchung dabei gewesen ist, zu vernehmen. Polizei-Sergeant Schlöer: Ich war bei der Haussuchung bei Buschhoff zugegen. Unter verschiedenen Lumpen und anderen Säcken befand sich auch in einem unverschlossenen Schrank dieser Sack. Präs.: Lag der Sack versteckt? Zeuge: Er lag unter verschiedenen Sachen und anderen Säcken. Präs.: Machte es auf Sie den Eindruck, als ob der Sack absichtlich versteckt war? Zeuge: Nein. Präs.: Befanden sich Blutspuren am Sack? Zeuge: Nein. Präs.: Haben Sie sonst etwas Auffälliges an dem Sacke wahrgenommen? Zeuge: Jawohl, die dunkelrothbraune Farbe. Präs.: Buschhoff, der Sack ist bei Ihnen gefunden worden, ist das Ihr Sack? Buschhoff: Jawohl. Präs.: Wie erklären Sie sich die braune Farbe des Sackes? Buschhoff: Herr Präsident, den Sack haben wir beim Fleischräuchern benutzt. Präs.: War etwas in dem Sack drin? Buschhoff: Ich glaube, es ist Stroh drin gewesen. Der Präsident zeigt den Geschworenen den Sack, die in demselben Vorgefundene Spreu und auch die Spreu, die in den Händen des ermordeten Knaben vorgefunden wurde. Es wird konstatirt, daß die Spreu, die in dem Sack gefunden wurde, mit der Spreu in den Händen der Leiche nicht übereinstimmt. Bürgermeister Schleß: Ich habe geglaubt, die braune Farbe rühre von Blutflecken her. Diese Ansicht gewann ich, als Frau Buschhoff bei ihrer Vernehmung über die Beschlagnahme des Sackes sich ungemein aufgeregt zeigte und sagte: „Ach Gott, Herr Bürgermeister, nun haben Sie uns auch diesen Sack beschlagnahmt, den wir über das Faß legen, wenn wir Fleisch räuchern." Oberstaatsanwalt Hamm: Haben Sie gleich nach erfolgter Beschlagnahme geglaubt, daß an dem Sacke Blntspuren seien? Zeuge: Nein, erst nachdem sich Frau Buschhoff so aufgeregt zeigte und die erwähnte Aeußerung that. Oberstaatsanwalt Hamm: Zu welcher Tageszeit haben Sie den Sack besichtigt? Zeuge: Es war bereits Abend, ich hatte aber die Lampe angezündet. Präsident: Herr Polizei-Sergeant Schlöer: Weshalb haben Sie gerade diesen Sack konfiszirt? Zeuge: Weil ich die dunkele Farbe für Blutspuren hielt. Präsident: Wohnten Sie der Vernehmung der Frau Buschhoff bei dem Herrn Bürgermeister bei? Zeuge: Jawohl. Präsident: Haben Sie auch wahrgenommen, daß sich Frau Buschhoff sehr aufgeregt gezeigt hat, weil dieser Sack konfiszirt war? Zeuge: Jawohl. Präsident: Frau Buschhoff hat gesagt: Ach, Herr Bürgermeister, nun haben Sie uns noch diesen Sack konfiszirt, den brauchen wir, wenn wir Fleisch räuchern, um ihn über das Rauchfaß zu legen. Zeuge: Jawohl. Der Oberstaatsanwalt bemerkt, daß die letzte Bekundung der beiden Zeugen neu sei. Präsident: Mir ist diese Bekundung auch nicht bekannt, in den Akten ist nichts davon enthalten. Bürgermeister Schleß: Ich habe schon in der Voruntersuchung von meiner Wahrnehmung, daß Frau Buschhoff wegen Beschlagnahme des Sackes aufgeregt war usw. Mittheilung gemacht. Ein Geschworener fragt, ob es möglich sei, eventuelle Blutspuren an dem Sacke sestzustellen? Präsident: Ich habe darauf zu bemerken, daß bereits einmal beblutete Holztheile von der Wannmühle nach Berlin an den gerichtlichen Chemiker Dr. Jeserich geschickt wurden. Dr. Jeserich hat geantwortet, daß sich nach so langer Zeit chemisch nichts mehr feststellen lasse, da Blut sich sehr schnell zersetze. Ich befürchte, daß sich dies jetzt auch nicht mehr werde feststellen lassen. Präsident: Buschhoff ist es möglich, daß sich durch die Benutzung des Sackes beim Fleischräuchern Blutflecke an den Sack heften? Buschhoff: Das glaube ich nicht, es ist aber möglich. Es erscheint alsdann als Zeugin Fräulein Devers, Tochter des Stadtsekretärs in Tanten: Am Peter-Paulstage, den 29. Juni v. I., war in Tanten Schützenfest. Ich war mit meinen Geschwistern auf dem Schützenplatz. Da hörte ich. daß Junkermann jr. heftig auf die Juden schimpfte. Er sagte u. A.: „Die Juden sind schlechte Leute, Betrüger, Lumpenpack" u. s. w. In dieser Weise schimpfte er lange Zeit auf die Juden und als des Abends auf dem Schützenplatze die Nachricht von dem Morde des kleinen Hegmann bekannt wurde, da sagte Junkermann jr.: „Das haben die Juden gethan." Kutscher Becker: Er sei am Peter-Paulstage Vormittags gegen 91/4 Uhr bei Buschhoff vorübergegangen. Buschhoff habe am offenen Fenster geseffen und habe auffallend roth ausgesehen. Tagelöhner Langer: Er habe bei Junkermann Gras gemäht, da sei eines Tages ein Mann zu ihm auf die Weide gekommen und habe ihm gesagt: er wisse nun, wer den Mord begangen habe, er wolle es aber noch nicht sagen. Präsident: Kannten Sie den Nanu? Zeuge: Nein, ich hörte aber später, daß das Mölders war. Präsident: War der Mann betrunken? Zeuge: Das weiß ich nicht. Gärtner Overhagen: Er sei Nachbar von Mölders und könne nichts Nachtheiliges von ihm sagen. Präsident: Sind sie der Meinung, daß, wenn Mölders vor Gericht einen Eid leistet, er die Wahrheit sagt? Zeuge: Jawohl. Präsident: Ist Mölders häufig betrunken? Zeuge: Mölders trinkt gern einen, aber auf der Straße habe ich ihn noch nicht liegen sehen. Frau Beckmann: Sie haben einmal Frau Mölders gefragt, was sie von dem Morde halte. Frau Mölders habe darauf erzählt: Am Sonntag nach dem Morde sei ihr Mann sehr unruhig im Zimmer auf- und abgegangen. Auf die Frage der Frau Mölders, was ihm fehle, habe der Mann gesagt, ich weiß etwas von dem Morde, ich kann aber nichts sagen. Der Mann sei alsdann fortgegangen, sei nach einiger Zeit wiedergekommen und habe gesagt: Jetzt bin ich bei Hegmann gewesen, ich habe mir ein Läppchen von der Schürze des ermordeten Kindes geben lassen, nun weiß ich, wer der Mörder ist. Frau Mölders erzählte, daß ihr Mann das Läppchen stets bei sich trage, damit, wenn er vor Gericht komme, genau wisse, was er zu sagen habe. Als ihr Mann vernommen wurde, da hätten ihm die Gerichtsherren verschiedene Sachen vorgelegt, er habe aber die Schürze des kleinen Hegmann sofort herausgefunden, da er sich das von Hegmann erhaltene Läppchen häufig, selbst bei der Arbeit, angesehen habe. Der Klempner Ullenboom habe ihr einmal gesagt: Es sei sehr falsch, daß Mölders behauptet, der kleine Hegmann sei am Vormittage des Peter- und Paulstages in das Buschhoff'sche Haus gezogen worden, er dürfe doch höchstens sagen, ein Kind sei in das Haus gezogen worden. Er (Ullenboom) habe an jenem Vormittag