Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1892)
- Date
- 1892-07-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIH. Jahrgang. Erste Beilage zu M 55 des „Israelit^. Leitender Artikel. Morest Auschßoff. Der .^antener Knabenmord vor dem Schwurgericht. Dritter Verhandlungstag. (Vormittags-Sitzung.) Cleve, 6. Juli. Zu Beginn der heutigen Sitzung wird nach Erledigung einiger Förmlichkeiten vom Gerichtshof auf Antrag der Staatsanwaltschaft die zwangsweise Vorführung des als Zeuge geladenen und nicht erschienenen Drechslers Knippenberg von Xanten beschlossen. Es ist dies derselbe, auf den Hegmann's (Vater) erster Verdacht fiel. In Erinnerung sei gebracht, daß Knippenberg, ein Schwager des Hegmann, an periodischem Wahnsinn leidet mit allen damit verbundenen Erscheinungen. Das Zeugenverhör wird wieder ausgenommen. Ein Nachbar des Buschhoff, Kelters, deponirt, daß er sofort bei der Leichenbesichtigung die Ansicht geäußert, daß der kleine Hegmann aus der Schaukel in die Wannmühle gefallen sei. Die Vertheidigung legt auf diese Aussage aus dem Grunde Gewicht, weil von gegnerischer Seite in der Presse die Ausstreuung gemacht sei, die Wannmühle sei zuerst von Buschhoff erwähnt worden, was sich nunmehr als haltlos und unwahr erwiesen habe. Zeuge jüdischer Lehrer und Schächter Gottschalck aus Xanten wird über den Charakter seines Schülers, des zwölfjährigen Siegmund Buschhoff, befragt, dem er ein günstiges Zeugniß ertheilt. Der Bürgermeister von Xanten, Schieß, mutz unter Eid gutachtlich über den Angeklagten und eine ganze Reihe Zeugen aussagen, die noch erscheinen werden. Darüber befragt, ob Buschhoff für jähzornig, hinterlistig und rachsüchtig gegolten, sagte er, er habe darüber nichts vernommen, eben so wenig, daß der Angeklagte in seinem Handel und Wandel unreell gewesen sei. Zeuge erzählt ferner, daß der Angeklagte einige Tage nach dem Morde mit der ängstlichen Bitte um seine Verhaftung zu ihm gekommen sei, da er vor den Leuten keine Ruhe habe. Präs.: Machte diese Bitte auf Sie den Eindruck, daß sie ernstlich sei oder daß sie nur gestellt war, um einer drohenden Verhaftung zuvorzukommen? Zeuge: Ich hatte den Eindruck, daß Buschhofs Angst vor Angriffen hatte und Schutz suchte. Ten Junkermann erklärt er, was gleich bemerkt sei, für einen Schwätzer, der sich offen von Anfang an lebhaft an der Agitation gegen Buschhoff beiheiligt habe und schon am 30. Juni, also am Tage nach der Mordthat, Morgens vor 7 Uhr, zu ihm, dem Bürgermeister, gekommen sei mit dem Antrag, den Buschhoff als verdächtig zu verhaften, was er abgelehnt habe. Junkermann erzählte, daß die That nur von Juden verübt sei, welche, wie er von seinem Medicin studirenden Sohne wisse, Christenblut zu rituellen Zwecken vergießen. Zeuge Junkermann: Ich habe damit nicht den Angeklagten verdächtigen wollen, vielmehr zuerst Verdacht auf den Knippenberg gehabt. Den Arbeiter Möld ers hält der Zeuge für zuverlässig, die beiden Uhlenboom aber, auf deren Aussagen Buschhoff zum Theil seinen Alibibeweis stützt, für schwankend. Präs.: Der Kriminal-Kommisiar Wolff aus Berlin, welcher diese Leute vernommen hat, hält dieselben für außerordentlich unzuverlässig. Ueber den Steinarbeiter Wesendrop, welcher bis zum Tage der That bei Buschhoff gearbeitet hat, sagt Zeuge: Wesendrop ist ein sehr gewandter Arbeiter, hat aber fein Geschäft durch unordentlichen Lebenswandel total ruinirt, fodatz er zuletzt bei Buschhoff gegen Lohn arbeiten mußte. Mit demselben schied er im Unfrieden. Ich mutz aber bemerken, daß Wesendrop sehr streitsüchtig war und überhaupt wenig glaubwürdig ist. Auf die Frage, ob er den Verfaffer der Flugschrift über den Fall Buschhof kenne, erwiederte Zeuge, daß er denselben nicht kenne, daß ihm aber bekannt sei, daß Junkermann viel in dem Hause, wo die Schrift gedruckt wurde, verkehrt hat. Präs.: Kennen Sie den Kutscher Maltmann und sein Verhalten nach dem Morde? Zeuge: Maltmann spielte eine sehr agitatorische Rolle, und viele Juden suchten Schutz bei mir gegen ihn. Der Zeuge sagt ferner aus, daß ihm Küppers damals gesagt, wie er sich den Fall gar nicht erklären könne, da doch beide Thüren der Scheune geschlossen gewesen seien. Präs.: Hatten Sie von vornherein einen bestimmten Verdacht gefaßt? Zeuge: Nach der Art des Schnitts am Halse kam ich auf den Gedanken, daß ein sehr großes Messer zur That verwendet worden sein müsse, und in weiterer Reihenfolge der Folgerungen kam ich zu dem Schluß, daß höchst wahrscheinlich ein Metzger die Thal verübt habe. Zeuge erwähnt sodann noch, daß im Garten eine große Fußspur gefunden wurde. Durch den in der Nacht eingetretenen Regen sei dieselbe aber fortgewaschen worden. Zeuge Polizeidiener S ch l o e r bestätigt letztere Aussage. Blutspritzer oder sonstige Spuren sind trotz — wie Zeuge sagt — sorgfältigster Ableuchtung weder in der Scheune, dem Stroh wie am Gebälk, noch draußen aufgefunden worden. — Rach einer viertelstündigen Pause wird unter allgemeiner Spannung der Hauptbelastungszeuge, Gärtner und Arbeiter Möld ers, 68 Jahre alt, vorgeführt. Er macht den Eindruck eines einfachen Landarbeiters und sagt nach seiner Vereidigung aus, daß er am 29. Juni Morgens etwas nach IO Uhr, nachdem er vorher nur einen Korn getrunken, aus der Cleverin die Kirchstraße gegangen sei. Vierzehn Schritt vor sich habe er zwei Kinder gehen sehen. Wie sie am Buschhoff'schen Hause gewesen, wäre aus der Hausthür ein weiß bekleideter Arm hervorgekommen und hätte das eine Kind in das Haus gezogen. Dies ist das Einzige, was der Zeuge bestimmt behauptet; die sonstigen Fragen nach der Bekleidung und dem Aussehen der Kinder weiß Zeuge, der immer mehr einen einfachen, gutmüthig-beschränkten Eindruck macht, nicht bestimmt zu beantworten. Früher hat er auch behauptet, er hätte „einen mehr getrunken wie gewöhnlich"; heute will er davon nichts wissen. Die Kleider des ermordeten Knaben Hegmann, die ihm vorgezeigt werden, weiß er nicht bestimmt zu erkennen; er „glaubt"^ sie nur wieder zu erkennen. Auf die Vorhaltung des Präsidenten, weshalb Zeuge von seiner überaus wichtigen Wahrnehmung erst am 5. Juli, also sechs Tage später, dem Untersuchungsrichter Mittheilung gemacht habe, antwortet Zeuge _ ausweichend : „er hätte nicht laufen wollen". Einen stichhaltigeren Grund weiß er nicht anzugeben. Auch den Knaben Gerhard — nicht, wie gestern angegeben, Bernhard — Heister, der auf dem Eckstein an der Kirchstraße gesessen und drei — nicht zwei — Knaben vor Buschhoffs Hause gesehen haben will, von denen dann einer in die Thür gezogen worden — auch diesen Knaben hat er nicht gesehen, obwohl er unmittelbar an dem Eckstein vorübergegangen ist. Der Knabe Gerhard Heister, jetzt zehn, damals neun Jahre alt, der nunmehr hereingeführt wird und mit dünner Kinderstimme, aber uneingeschüchtert seine Antworten gibt, hat den Mölders in der Kirchstraße gehen sehen, aber erst nachdem das Kind in das Buschhoff'sche Haus gezogen worden sei. Nach des Kleinen Aussage ist der Arm bis zur Schulter hervorgekommen und unbekleidet, nackt gewesen. Der Vorsitzende, die Staatsanwaltschaft und die Vertheidigung bemühen sich nun lebhaft,