Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1892)
- Date
- 1892-06-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXHI. Jahrgang. Zweite Beilage;u M 48 des „Israelit^. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Juni. Anfang April dieses Jahres hatten verschiedene antisemitische Zeitungen, da gerade die Ofterzeit herannahte, einen Ritualmord gesucht und in Port Said wenigstens den Versuch eines solchen zu entdecken geglaubt. In großen Artikeln wurde mitgetheilt. daß am 15. März der Jude Carmona in Port Said, Vorbeter in dem jüdischen Tempel, die vierjährige Tochter des griechischen Droguisten Andreas Hadschi Vassilios durch Zuckerwerk in sein Haus gelockt habe, und daß ein „Abschlachten" des Kindes nur durch die Volksmenge verhindert wurde, welche das Haus stürmte uud das Mädchen aus einem finsteren Gelasse befreite, wo ein „altes Judenweib" die Kleine, der Mund und Augen verbunden gewesen seien, niederdrückte. Die gruseligen Schilderungen erwiesen sich nur in dem Punkte richtig, daß in Port Said wirklich Tumulte der Griechen aus dem Anlasse stattgefunden hatten, daß der 58jährige Jude Caroma schwer mißhandelt worden war. Es hieß zwar auch, daß derselbe getödtet, daß noch die Leiche beschimpft worden sei; aber diese Angabe scheint nicht richtig gewesen zu sein, denn wir sind heute in der Lage, die uns im Original vorliegende neueste Note des General - Jnspcctors der egyptischen Polizei, Settle Pascha, vom 15. Mai über die Angelegenheit zu veröffentlichen. Aus derselben geht zugleich hervor, daß der griechische Consu! bisher eine Bestrafung der wüsten Rotte zu verhindern wußte. Das Schriftstück lautet: „Niuistere de l’Interieur-Police.“ (Note über die Angelegenheit von Port Said.) Am 15. März 1892 sandte eine griechische Dame ihren jungen Bruder und ihre kleine Tochter ins Freie, um zu spielen. Der Knabe kam nach einiger Zeit allein zurück und erzählte, daß das kleine Mädchen, welches man einen Augenblick allein gelassen hatte, verschwunden, und, wie es scheint, in ein benachbartes Haus eingetreten sei, welches von Israeliten bewohnt wurde (von einem Greise und dessen Stieftochter). Die in Rede stehende Dame begab sich sofort in Begleitung ihres Vaters, eines griechischen Priesters, und mehrerer anderer Personen griechischer Nationalität, welche sich dem Zuge angeschlossen hatten, in das bezeichnete Haus, dessen Thor, da es sich auf die Rufe der Menge nicht rasch genug öffnete, eingestoßen wurde. Das kleine Mädchen wurde wiedergefunden auf der Höhe der Stiege, und der alte Israelit hatte von den anwesenden griechischen Unterthanen Mißhandlungen zu erdulden. Ein Polizeiagent, welcher Zeuge des Auftrittes war, der einen gewissen Lärm hervorgerufen hatte, konnte unter Beistand einiger anderer Agenten, welche ihm zu Hilfe gekommen waren, den alten Israeliten, die griechische Mutter und das Kind und einen der Griechen, welche das Hausthor eingestoßen und den Israeliten mißhandelt hatten, auf das Polizeiamt führen. Im Auftrag des Gouverneurs wurde eine Untersuchung eingeleitet und alle Untersuchungsakten dieser Angelegenheiten wurden zugleich mit dem beschuldigten Griechen auf das griechische Konsulat zur Urtheilsfällung übersandt. Der griechische Konsul, welcher aufgefordert worden war. die Dringlichkeit, welche dieser Angelegenheit rechtlich zukommt, wahrzunehmen, hat geantwortet, daß das Urtheil noch nicht gesprochen worden sei. Der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ist in Folge dessen eingeladen worden, die Frage der Bestrafung, welche über den in Rede stehenden griechischen Unterthan zu verfügen ist, einer raschen Lösung zuzuführen. Henry H. Settle, Generalinspektor der Polizei." England. London, 20. Mai. Der englische Schriftsteller Arnold White, welcher als Abgesandter des Baron Hirsch die Verhältnisse der russischen Juden aus eigener Erfahrung kennt, hat folgendes Schreiben an „Darkest Russia", gerichtet: „Ich habe kein Recht, davor zurückzuschrecken, meine Ansicht über die russische Judenfrage frei auszusprechen. So lange die jüdische Rasse so geschickt, so mäßig und so unermüdlich bleibt, wie sie jetzt ist, wird keine Politik bürgerlicher und religiöser Rechtsvorenthaltung mitsammt Vertreibung von dem Boden der Heimat (abgesehen von einigen übervölkerten Städten) eine andere Wirkung haben, als die charakteristischen Eigenschaften der jüdischen Rasse noch zu steigern. Da der Massenauszug der israelitischen Bevölkerung aus Rußland den Bankerott Rußlands zur Folge haben würde, hoffe ich noch immer, daß Rußland in seinem eigenen Interesse seine jetzige Politik in der Sache aufgiebt. Da die Juden, welche Russen sind, sich ihrer Nationalität nicht entäußern können, müssen sie in ihren Leiden und Gefahren nothwendig auf ihren Zaren als Helfer blicken. Würde der Kaiser sie anhören, sie würden ihm erzählen und das der Wahrheit gemäß, von dem weitverbreiteten Elend, von Vertreibung von Haus und Hof, von Trennung von Weib und Kind, von untergegangener Hoffnung der Alten, von früh-