Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1892)
- Date
- 1892-06-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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871 Iwans, schon die hinreichenden Vorbereitungen getroffen worden, zu der Schandthat, die nun begangen werden sollte. Wohl zwei Stunden bevor der Knecht Boleslaw das Landgut des Gouverneurs verließ, betrat Kolascheff das Zimmer, in welchem Afka gefangen gehalten wurde. Der frühere Polizeispion hatte eine außerordentlich höfliche und liebenswürdige Miene aufgesetzt. „Verzeiht, werther Freund, wenn ich Euch zu stören wage, doch muß ich dem Auftrag meines gewaltigen und mächtigen Herrn gehorchen. Ich bin nur gekommen. Euch zu fragen, ob Ihr nun bereit seid, den Wünschen Iwan Alexandrowitschs zu entsprechen." „Spart Eure Worte, Herr! Der Günstling des Czaren verlangt Unmögliches von mir. Seid Ihr gekommen, mich zu tödten, so schiebt Euer Werk nicht hinaus!" „Wer wird gleich von tödten sprechen", entgegnete Kolascheff freundlich, „nehmt doch Vernunft an und gebt meinem Herrn, was er haben will. Wenn Ihr heute ihm willfahrt, könnt Ihr vielleicht morgen oder übermorgen Euren Schatz schon ivieder haben. Die Launen meines Herrn kann man am Besten und Schnellsten vertilgen, wenn man ihnen nachgibt; sie pflegen, einmal befriedigt, nicht von langer Dauer zu sein. Das widerharige Mägdlein hat uns schon so viele unnöthige Scherereien gemacht, Ihr könnt es gar nicht glauben!" Afka sprang auf, seine Augen funkelten, er wollte sprechen, heftig und zornerfüllt, aber er bezwang sich, schwieg und setzte sich wieder nieder. „Also, Ihr wollt in der That nicht?" frug Kolascheff noch einmal. Afka gab keine Antwort. „Dann muß ich Euch um die Gefälligkeit bitten, Euch zu entkleiden." Erstaunt blickte ihn der Gefangene an. „Macht, eilt", rief der Andere, „wenn Ihr nicht wollt, daß Euch die Kleider von den Henkersknechten heruntergerissen werden." Afka erbleichte, er ahnte, was ihm bevorstand, er gehorchte schweigend. Nachdem der Wunsch des ehemaligen Polizeispions erfüllt war, legte derselbe die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Folgt mir!" sagte er. Die Beiden durchschritten einen Gang und stiegen eine Treppe hinab, sie gelangten vor eine geschlossene Thüre. Kolascheff klopfte dreimal in eigenthümlicher Weise an dieselbe, eine Stimme von Innen ertönte, Kolascheff antwortete ein einziges, sonderbares, willkürlich gebildetes Wort, die Thüre öffnete sich und schloß sich sogleich wieder hinter den Beiden. Es war ein nicht allzugroßer Kellerraum, in dessen Mitte eine etwas über mannshohe Leiter aufgestellt war, die gegen einige übereinandergelegte Holzblöcke lehnte. „Bitte", sagte Kolascheff zu Afka, „legt Euch auf diese Leiter." Jakow erschauderte, er sah umher, dort standen einige wild aussehende, kräftige Männer, die ihn mit drohenden Blicken betrachteten; er sah ein, daß jeder Widerstand vergeblich gewesen wäre. Er gehorchte schweigend. Kaum hatte er sich auf dem Holze ausgestreckt, als zwei der Männer hinzutraten, seine Arme in die Höhe rissen und die beiden Hände an die oberste Sprosse der Leiter so anfeffelten, daß das Gewicht des Körpers zum größten Theil von diesen getragen wurde. Auch die Füße wurden an die Leiter so hart befestigt, daß die Stricke in das Fleisch schnitten, und der Rumpf ward durch einen quer gelegten Riemen mit dem Holze verbunden. Als dieses geschehen war, setzten sich die Männer auf eine an der Wand stehende Bank, auch Kolascheff setzte sich, man erwartete die Ankunft Iwans. Die Russen sind Meister im Warten, und fast niemals wird ihnen die Zeit zu lang, eine Stunde verging, Iwan kam noch nicht, und Keiner äußerte ein Zeichen der Ungeduld. Wie das Opferthier, nachdem man es an den Altar gefeffelt, den Todesstoß erwartet, lag Jakow da. Seine Qualen vermehrten sich mit jeder Sekunde. Seine Lippen bewegten sich leise. Er schien zu beten. Verse aus den Psalmen kamen ihm in's Gedächtniß, die er aus tiefstem Herzen vor sich hinmurmelte : „Heil dem Manne, den Du züchtigst, Gott, Du unterweist ihn aus Deiner Lehre. Ich spreche zum Ewigen: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue. Mit seinem Gefieder deckt er Dich und unter seinen Fittigen bist Du geborgen. Die in Finfterniß und Todesschatten wohnen, gefesselt in Elend und Eisen, weil sie widerspenstig waren dem Worte Gottes und des Höchsten Rath verhöhnten, bändigte er ihren Sinn durch Mühseligkeit, stürzte sie und Niemand half. Und sie schrien zum Ewigen in ihrer Noth und aus ihrem Bedrängnisse rettete er sie, führte sie ans Finsterniß und Todesschatten und ihre Bande zerriß er. Danken mögen sie dem Ewigen seine Huld und seine Wunder für die Menschenkinder."