Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 47 (13.6.1892)
- Date
- 1892-06-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX11J. Jahrgang. Beilage ju M 47 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin. Wenn man den Antisemiten überhaupt den Ehrennamen einer Partei zugestehen will, so kann man sie höchstens die Partei der katilinarischen Existenzen nennen. Alle in dieser Bewegung hervorragenden Personen sind mehr oder weniger anrüchige Subjekte. Zu den vielen Beispielen kommt ein neues; die Verl. Ztg. schreibt: Der bekannte Antisemitenführer Bodeck wurde in der am Freitag abgehaltenen Mitgliederversammlung der antisemitischen Volkspartei aus der Partei ausgeschlossen. Die Gründe dieser Maßregelung liegen, wie wir hören, auf finanziellem Gebiete. Dieser Bodeck spielte neben den vom Antisemitismus lebenden Leuten, den Abgeordneten, in Berlin wohl die bedeutendste Rolle. Fast in jeder Hetzversammlung führte er das große Wort. Berlin, 28. Mai. Trotz allen Ableugnungsversuchen steht nach zuverlässigen Mtttheilungen fest, daß bei der Berathung der Programmrevision in der konservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses die Richtung der „Kreuzzeitung" eine Niederlage erlitten hat und daß die Mehrheit namentlich die Verbindung der Partei mit dem heutigen Antisemitismus ablehnt. Berlin, 3. Juni. Die Verhältnisse des bekannten Berliner Antisemiten, Jngenienr Hektor de Groussillier, früher Herausgeber der „Wahrheit" (eines längst eingegangenen antisemitischen Schmutz- und ,,Witz"blattcs), gelangten am Mittwoch in einer Verhandlung vor dem Potsdamer Schöffengericht zur Sprache. Der Civil-Jngenieur Emil Sch. in Potsdam war nämlich von de Groussillier wegen Beleidigung verklagt, weil er am 11. Oktober 1888 in Berlin am Potsdamer Thor demselben im Vorbeigehen die Worte zugerufen: „Ich habe die falschen Wechsel in der Tasche, am 15. kommen die falschen Wechsel vor." Sch. erklärte, daß er diese Worte nicht gebraucht, weil er mit de Groussillier überhaupt keine Wechselgeschäfte gemacht habe. Derselbe sei Mitglied der Internationalen Kanalisations-Gesellschaft gewesen und habe er (Sch.) für ihn Pläne gemacht, für welche de Groussillier, ohne ihn zu bezahlen, das Geld eingesteckt habe. Als Sch. hierauf de G. verklagt, habe sich derselbe ohne festen Wohnsitz überall herumgedrückt und sei nirgends angemeldet gewesen, so daß ihm die Zustellungen vom Gericht nicht übergeben werden konnten. Später sei jede Exekution bet de G. fruchtlos ausgefallen. Der Angeklagte will nun de G. lediglich deßwegen auf Schritt und Tritt verfolgt haben, um einmal eine Wohnung festzustellen, worauf de G. schnell auf die Perdebahn gesprungen sei, um sich der Verfolgung zu entziehen. Auf die Ausführungen des Angeklagren legte indessen der Gerichtshof kein Gewicht, sondern verurtheilte denselben, weil Groussillier als einziger Zeuge die qu. Aeußerung beschwor, zu 30 Mk. Geldstrafe. Köln, 28. Mai. Der Haupthetzer unter den hiesigen Antisemiten, der Präsident des deutsch-sozialen Vereins, ein Herr Grüner, ist bereits kaltgestellt worden. Er, der in der vorigen Woche noch öffentlich behauptet hatte, von jüdischer Seite seien ihm zehntausend Mark geboten worden, wenn er von der Leitung des Vereins zurücktrete, hat jetzt ganz ausscheiden müssen und zwar aus Gründen, die der Vorstand nicht einmal der Gesellschaft zu nennen wagte. Es verlautet, daß sehr dunkle Punkte in der Vergangenheit der Familie Grüner den Rücktritt veranlaßt hätten. Wieder ein Beweis, von welchen Elementen die Judenhetze gemacht wird. Inzwischen finden wir in Kölnischen Blättern folgende Notiz: Köln, 9. Juni. Drei Herren des hiesigen antisemitischen Vereins erwarteten am Pfingstmontag gegen 6 Uhr in Königswinter den Rhetndampfer, der zu Thal fuhr. Im Gedränge wurde einer derselben von den andern abgesondert. Auf der Suche nach ihnen erblickte er den früheren Vorsitzenden des hiesigen Antisemitenvereins, den steckbrieflich verfolgten Karl Julius Grüner. Er rief darauf mit lauter Stimme: „Der Herr Grüner ist hier", was sofort Aufsehen erregte. Die drei Herren sowie Grüner begaben sich auf den Dampfer; letzterer, der ein scheues Wesen zeugte, setzte sich in die Nähe des Schornsteins. Die drei kamen überein, Grüner festnehmen zu lassen. Als das Schiff in Bonn anlegte, begab sich der Condukteur, den sie benachrichtigt hatten, zuerst ans Land und sprach mit einem dort stehenden Beamten der Polizei. Grüner verließ, wie man erwartet hatte, das Schiff. Sie sind verhaftet, erklärte ihm der Polizeibeamte, als er das Ufer betrat. Wie, ich? fragte Grüner. Einer der drei Herren begab sich jetzt zu Grüner und fragte ihn, ob er sich noch Magdeburg erinnere (von Magdeburg aus wird Grüner bekanntlich steckbrieflich verfolgt.) Grüner wechselte die Farbe und bat den Schutzmann, ihn in einem Wagen fortzubringen, um kein Aufsehen zu erregen. Der Polizei wurde nun nähere Angaben über den