Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 47 (13.6.1892)
- Date
- 1892-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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855 Ihr wollt, eine Jüdin oder Russin, liebtet, auch habe Iwan Alexandrowitsch Oststone Euch Freiheit und Geld angeboten für den Verzicht auf die Hand Rosa's und Ihr zögertet nicht dieses sehr günstige Anerbieten anzunehmen." Jakow war starr vor Staunen und Schrecken, er vermochte nicht zu antworten, und Iwan, der dieses Schweigen für eine Uebereinstimmung mit seinen Plänen halten mochte, fuhr mit triumphirender Miene fort: „Ich sehe, mein Plan mißfällt Euch nicht und Ihr fangt an Euch die Sache zu überlegen. Doch so ganz billig könnt Ihr den Kauf nicht verlangen, wenn Ihr auch ein Jude seid. Ich muß ferner fordern, daß Ihr Euch zur griechischen Kirche bekehrt, damit das Hinderniß, das zwischen Euch und Rosa steht, nicht geringer sei, als Dasjenige zwischen mir und ihr; vielleicht folgt auch sie Eurem guten Beispiel und läßt sich ebenfalls in den treuen Schooß unserer einzig wahren Kirche aufnehmen. Der Uebertritt von Euch Beiden wäre mir sehr erwünscht. Nun, jetzt dürft Ihr reden, seid Ihr einverstanden? Ich denke doch, mein Vorschlag ist billig, Ihr könnt ein gutes Geschäftchen machen!" Wilder Zorn und Schmerz stieg in Jakow auf und röthete seine Wangen wieder; wäre er noch der aufbrausende, leidenschaftliche Jüngling von ehedem gewesen, er würde sich auf den Mann gestürzt haben, Denjenigen zu Boden zu schleudern, der es wagte, ihm ein so erniedrigendes Anerbieten zu stellen. Aber die schwere Leidenszeit im Kerker hatte ihn veredelt und gebessert; er vermochte nun auch schlimme Erfahrungen mit Ruhe zu ertragen. Einer kurzen Zeit bedurfte er, um sich zu sammeln. „Wird's bald!" schrie Iwan, „wollt Ihr nun endlich reden, vergeht Ihr wiederum, wen Ihr vor Euch habt? Bedenkt, daß ich, wenn ich will, Euch auf meine Kniee legen und Riemen aus Eurem Rücken Herausschneiden kann." Aber Jakow war nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen, wie vordem. „Verzeiht mir, Euer Gnaden", sagte er mit sanfter Stimme, „was Ihr mir hier sagtet, kann ich unmöglich thun. Ich würde lieber des schrecklichsten Todes sterben, als daß ich meine Braut verrathe, die mich liebt, wie ich sie liebe. Ihr könnt mich durch keine Folterung und keine noch so grausigen Schmerzen dazu bewegen, daß ich abließe kvon meiner angestammten Religion. Alles was Ihr nun zu bieten im Stande seid, nicht Leben, nicht Reichthum, nicht Freiheit, erreichen auch nur bei weitem den hohen Werth dessen, was ich besitze, denn der köstliche Schatz des Mannes ist die treue Liebe eines geliebten Weibes." Afka hatte sich in Aufregung hineingeredet und etwas von seiner Naturanlage kam wieder zum Vorschein. „Ihr allerdings, gnädiger Herr" fuhr er mit Eifer fort, „möget es nicht einmal ahnen, wie viel Seligkeit und Wonne selbst der arme, hoffnungslose Gefangene bei dem Gedanken an die, empfindet, die er liebt. Ja, bei Gott, Iwan Alexandrowitsch, der Menschheit Höchstes ist die Liebe!" „Darum eben, darum müßt Ihr mir gehorchen!" schrie Iwan wild auf, „vermeint Ihr wohl in Eurer Selbstüberschätzung und Vermessenheit, daß nur Ihr allein wahrhaft zu lieben verständet? Ich, hört Ihr wohl, Ich, Iwan, der Günstling des Ezaren, ich liebe in Wahrheit jenes Mädchen, das Ihr nur zu lieben vorgebt und ich will sie erringen, um jeden Preis, eben darum weil der Menschheit Höchstes die Liebe ist, eben darum, bin ich bereit Ehre, Macht, Ruhm und was auch immer hinzugeben für dieses Weib, eben darum werde ich Euch lieber auf die allerqualvollste Weise zu Tode martern , als daß ich Euch den Besitz jenes schönen Mädchens vergönne. Ja, Ihr habt recht geredet, der Menschheit Höchstes ist die Liebe, und deßhalb muß Alles andere zurückstehen vor ihr, deßhalb wird mir kein Verbrechen zu schwer und zu groß sein, das ich nicht ausführte, wenn es gilt, jenes holde Wesen zu erringen. Nichts, nichts in aller Welt ist strafbar, was wir aus inniger Liebe vollbringen. Ihr habt Euch selbstgerichtet, habt selbst Euer Todesurtheil gesprochen, indem Ihr mich daran erinnertet, daß der Menschheit Höchstes die Liebe ist." „Aber Rosa liebt mich, nicht Euch", stammelte Jakow verwirrt. „Wenn die Liebe zu ihr wirklich Euer Höchstes wäre, so würdet Ihr verzichten." „Und räumte Euch den Platz ein? Ich glaube, Ihr redet irre, junger Mensch!" „Wahre Liebe entsagt dem eigenen Glück zu Gunsten des geliebten Wesens," sprach Jakow in innigem, begeisterungsvollem Tone. „Und warum entsagt nicht Ihr, weiser Prediger, genannt Jakow Aexandrowitsch, der Judenjunge?" „Weil mich Rosa heiß und innig liebt! Glaubt mir, wenn Ihr Jude wäret und sie Euch lieben könnte, ich würde gern entsagen, und sollte es auch mein Tod sein. Nur das ist Liebe, die Alles erträgt, Alles glaubt, Alles hofft, Alles erduldet und Nichts verlangt." „Ich aber kann nicht verzichten und werde nicht verzichten, und ich behaupte aus voller Ueberzeugung: Die wahre, die innig wahrhaftige Liebe ist nicht im Stande zu entsagen, sie verlangt und erstrebt Befriedigung mehr als die Fortdauer des