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Der Israelit · 1892-06-08 · Heft 45-46 (8.6.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 45-46 (8.6.1892)
Date
1892-06-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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831 Anfangs vermochte er kaum, die reinere Atmosphäre einzuathmen, so sehr hatte sich seine Lunge an die verdorbene, übelriechende Luft seines engen Kerkers gewöhnt, er verlor schier die Besinnung, als er wieder unter freiem Himmel stand, es wurde dunkel vor seinen Augen. Hätten ihn die Gefängnißwärter nicht aufgefangen, er wäre zu Boden gefallen. Man geleitete ihn zu einer Bank und legte ihn dort nieder, und mit unendlicher Wonne sog nun der Unglückliche die so lang entbehrte frische Luft ein, es überkam ihn ein Gefühl der Seligkeit, er schwelgte in Entzücken. — Nicht was wir haben, vermag uns zu beglücken, sondern das, was wir entbehren mußten und dann wieder erhalten, wäre es auch das scheinbar Geringste. Keiner der Gefängnißwärter störte böswillig die Erholungsstunde des Gefangenen, nur trat man von Zeit zu Zeit freundlich zu ihm mit der Frage heran, ob ihn der lange Aufenthalt im Freien nicht zu sehr anstrenge? Dies war in der That der Fall. Jakow fühlte, wie er jeden Augenblick schwächer wurde, denn seine der gesunden Luft entwöhnte Lunge vermochte nicht mehr so viel Sauerstoff zu verarbeiten, als nun plötzlich in ste einströmte. So wünschte denn der Gefangene selbst in seinen Kerker zurückgebracht zu werden und er war darauf vorbereitet, daß man ihn wieder in jenes feuchte Erdloch hinabwerfe. Wie erstaunte er aber, als die Gefängnißwärter einen anderen Weg mit ihm nahmen, sie führten ihn zur Schmiede, mit endlosem Entzücken erfuhr Jakow, daß er von seinen Fußfesseln befreit werden solle. „Kommt nur näher her zum Ambos!" sagte der freundliche Gefängnißschmied. Er erfaßte ihn und drehte ihn mit dem Rücken nach sich, die Schmiedegesellen hoben den Fuß von hinten auf und legten ihn auf den Ambos; sie gaben sich alle Mühe, schnell und gut ihres Amtes zu walten. „Wende die Niete zuerst," befahl der Schmied seinem Gesellen, „halte so; so gut, jetzt den Hammer!" Die Fesseln fielen, Jakow hob sie auf und schaute sie an mit unendlicher Wehmuth. Doch es blieb ihm nicht lange Zeit, er wurde wieder fortgeführt, man brachte ihn eine Treppe hinauf in ein schönes, freundliches Gemach, in dem ein prächtiges Bett an der Wand stand, in dem ein Tisch, Stühle und sogar ein Lehnsessel sich befanden. Nach einigen Minuten betrat der Gefängnißdirektor mit freundlicher Miene das Zimmer und frug Jakow, was er zu sich zu nehmen wünsche. „Schlafen, schlafen", stöhnte der junge Mann, der sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Mit Hilfe der Gefängnißwärter wurde er entkleidet, ihm frische Wäsche umgethan und er dann zu Bette gebracht. Der Gefängnißdirektor, der;für das Wohl des jungen Mannes plötzlich so sehr besorgt zu sein schien, ließ noch ein Glas Milch bringen und dem fast schon Bewußtlosen einflößen. Dann entschlief Jakow und schlief und schlief viele Stunden lang, bis in die Mitte des nächsten Tages, nur einmal wurde er während dieser Zeit auf einen Augenblick seiner Ruhe entrissen durch ein zweites Glas Milch, das ihm der Gefängnißdirektor eingießen ließ. Der von Natur aus sehr gesunde und kräftige junge Mann erholte sich mit bewundernswerther Schnelligkeit. Und als er endlich aus seinem tiefen Schlafe erwachte, verspürte er einen starken Appetit. Zu seinem Erstaunen sah er, daß sich eine Schelle im Zimmer befand und er setzte die Glocke in Bewegung. Sofort erschien einer der Wärter und fragte nach seinem Wunsche und kaum hatte er kundgegeben, daß er ein Stückchen Brod zu essen wünsche, als auch schon der Tisch gedeckt und mit reichlichen und wohlduftenden Speisen besetzt wurde. Jakow ließ die Fleischspeisen unberührt und genoß nur von den salzigen, kleinen Fischen, die als Vorspeise zum Anreizen des Appetits aufgetragen waren, von dem Obste, den süßen Makronen und dazu eine reichliche Quantität von dem guten, duftigen Kornbrode; auch Wein und Liqueur hatte man hingestellt und auch von dem Letzteren ließ sich der junge Mann ein Gläschen trefflich munden. Er fühlte sich wie neu belebt, er fühlte sich so selig und glücklich, wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben. Der Zustand höchster irdischer Glückseligkeit wird nur durch vorherige Entbehrungen erlangt. Kaum hatte er sein Mahl beendet, als der Gefängnißdirektor wieder erschien, und ihm sanfte Vorwürfe machte, daß er die guten Speisen unberührt gelassen. Jakow erklärte, er sei Jude streng orthodoxer Richtung rnd esse nur solche Speisen, die nach jüdischer Vorschrift zubereitet seien. „Ich bedauere herzlich, daß ich Euch in dieser Hinsicht nicht vollständig zu Diensten sein kann", entgegnete der Director, „aber nach meiner Vorschrift darf ich weder Auswärts bereitete Speisen in die Festung einführen, noch kann ich Euch einen Juden als Koch engagiren, indeß haben wir einen jüdischen Kanzlisten, der zuweilen in der Küche hilft. So müßt Ihr mir denn angeben, was Euch von unfern Speisen zu essen erlaubt ist, und gern bin ich bereit Alles zu besorgen, was Ihr und immer wünschen möget." Der Jüngling nannte mehrere Fischarten, Eier, Obst und Anderes, von welchem er sich erbat, daß der jüdische Hilfsarbeiter sie für ihn kochen solle; der Director notirte sich gewissenhaft Alles und ließ von da ab in Fülle seinem Gefangenen reichen.

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