Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1892)
- Date
- 1892-05-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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auch ein Messer ohne Stiel, dem die Klinge fehlte, aufzählte. Wenn man einen Vortrag über Literatur hält, so hat man ja zweierlei ins Auge zu fassen, den Literaten und sein Geistcsprodukt. Wie man nun bei jüdischer Literatur, die sich doch zumeist mit religiöser Forschung beschäftigt, sich nicht dabei auf einen ganz genau präcisirten religiösen Standpunkt stellen kann, ist uns unerfindlich. Der Redner, der den Eröffnungs-Vortrag hielt, hat denn auch gleich diese Bedingung gebrochen, indem er bei der Erwähnung des Spinoza seine religiöse, reetius irrreligiöse Ansicht ziemlich durchsichtig durchschimmern ließ. Jeder über ein religiöses, wissenschaftliches oder künstlerisches Thema Sprechende muß doch ein Urtheil darüber abgeben: derselbe ist aber immer nur der Reflex der Wirkung, die in seinem Geiste dadurch erzeugt ist, und cs prägt sich daher in demselben immer der individuelle Standpunkt des Redenden aus, ob er mit der Ausführung des beregten Gelehrten einverstanden ist oder nicht. Beispielsweise möchte ich wohl hören, wenn ein Redner das Leben und Wirken des nordfranzösischen jüdischen Gelehrten, vulgo Raschi genannt, schildert, wie er es anfängt, sich „religiöse Tendenz" vom Leibe zu halten. Wir können dies kaum begreifen bei der neuen, die Loge des Ordens der Bne Britz sich nennenden onon mb’M* Chewra; um wie viel weniger bei einem rein wissenschaftlichen Verein. Es beruht dies unsrer Meinung nach, auf einer Selbsttäuschung. Die zweite Bemerkung ist eine rein persönliche, ohne jedoch einer Person dadurch ^nahe treten^ zu wollen. Der Vorstand ist nämlich auf dieser, von uns allerdings für unmöglich gehaltenen Vorbedingung hin, bunt zusammen gewürfelt. Einer jedoch ist darunter, der in unsrer ganzen Gemeinde sowohl als ausgezeichneter Talmudist, wie als ein nnsea pnpno im strengsten Sinne des Wortes rühmlichst bekannt ist. Wir möchten an diesen die Frage richten: Was haben Sie dabei empfunden, als Sie folgenden Satz vortragen hörten: „Und „als das Mittelalter sich in seinem sinftern Glau- „ben ausgelebt hatte, als man sich nach einer freien, „geistigen Regung sehnte, da war es wiederum der „Jude Baruch Spinoza, der im Lehrhause zu Amster- „dam die staubigen Folianten des Talmud zuschlug „und der Welt ein neues Evangelium der Geistes- „freiheit verkündete." (So berichtete ein Reporter in einem hiesigen Blatte. Sollten diese Worte nicht gesprochen worden sein, was aber nicht glaublich, so schlage ich im Voraus reuevoll an meine Brust und bete ein obotoosi, owissi.) Wenn ich, um mit dem Mohren in Fiesko zu reden, mir dies in meine heidnische, (hier jüdische) Sprache übersetze, so heißt dies, Spinoza habe erklärt, der Talmud sei über Bord zu werfen und ein neuer Glaube (soll eigentlich heißen Unglaube) solle dafür erstehen. Da staune man nun über den Undank der Welt! Das Chriftenthum nahm keine Notiz von ihm, und das Judenthum gar keine, sondern stieß ihn aus seiner Mitte aus. Wie man überhaupt die Lehre und das System des Sp. den beiden herrschenden Weltreligionen gleichstellen kann, ist unerklärlich. Während diese ihrem ganzen Wesen nach, in die breiten Schichten der Völker einzudrtngen geeignet waren, konnte das Lehrgebäude des Sp. nur Eigeuthum weniger Auserwählter werden. Die Finfteruiß des christlichen Mittelalters konnte dadurch nicht erhellt werden, und was die Finsterniß im Judenthum betrifft, in dessen Mitte der Sptnozismus sich erhob, ^so wies es die Lichtstrahlen, die von demselben ausgiugen, mit beiden Händen zurück, und noch heute haben, was die gläubigen Israeliten betrifft, „die staubigen Folianten des Talmud", dieselbe Werthschätzung für sie, wie vor Jahrhunderten. Sie sind noch immer die Schatzkammer alles jüdischen Wiffens, die Grundlage aller religiösen Pflichterfüllung, und daran wird weder Sp. noch irgend jemand, und wäre er noch viel bedeutender, etwas ändern. Was der Midrasch auf den weisesten der Menschen ausspricht, das findet hier und zu allen Zeiten seine Geltung /mmo nn« ms tm' -xi rniöa 13N’ Wir haben uns über die Anführung des Sp. durch den Redner nur deßhalb so ausführlich geäußert, um zu zeigen, daß die Bedingung „jede religiöse Tendenz sei ausgeschlossen" undurchführbar sei, und daß sie nur dazu diene, irreligiösen Ansichten Thür und Thor zu öffnen. Siegmund Philippson. -£• Vermischtes. < Westerburg. In einer Zeit, in welcher viele, namentlich die unverbesserlichen Antisemiten, geradezu jede Gelegenheit vom Zaune brechen, um den Bekennern der mosaischen Religion ungerechtfertiger Weise etwas am Zeuge zu flicken, ist es gewiß erfreulich mittheilen zu können, wie hohe Kgl. Preußische Regierung es sich jederzeit angelegen sein läßt, jedes Verdienst lobend anzuerkennen. So wurde unserem edlen, kenntnißreichen, allseitig hochgeachteten Lehrer Herrn W. Frank, welcher sich als Kanzelredner, mehr aber noch als gediegener Schriftsteller einen weitschallenden guten Ruf erworben, von dem Herrn Regierungspräsidenten zu Wiesbaden eine schriftliche „Besondere Anerkennung" für den „recht guten" Befund unserer Religionsschule zu theil. Diese lobende Anerkennung verdankt Herr Frank dem unparteiischen Berichte unseres Schulinspektors, des hochherzigen und sehr gelehrten Bezirksrabbiners, Dr. Lewinsky in Weilburg.