Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1892)
- Date
- 1892-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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767 der sogenannten Verschwörung Gudesow's verhaftet worden waren, sich gegenseitig widersprochen hatten, von dem Geheimrath miteinander confrontirt wurden und die Unmöglichkeit und Unglaubwürdigkeit ihrer Angabe vollständig klar zu Tage trat, und ihnen selbst zum Bewußtsein kam, so war doch die Furcht von der ungeheuren Macht und Schlauheit des Czarengünstling bei diesen Leuten so groß, daß sie durch keine Versprechungen und keine noch so schweren Drohungen bewogen werden konnten, den thatsächlichen Sachverhalt etnzugestehen. Schon dachte der Geheimrath daran, jenen Individuen, durch Martern und Folterung die Wahrheit zu erpressen, doch hob er sich, vorsichtig wie er war, den äußersten Schritt bis zuletzt auf, da ein solches Geständniß immerhin leicht umgestoßen werden konnte. Auf die Bitte Michails hin sorgte der Geheimrath dafür, daß sowohl der Fürst, als auch Alexei ihre Haft in wohnlich eingerichteten Zimmern der Festung verleben durften; auch erhielt Michail Papier und Tinte und der Geheimrath verstattete ihm einen Brief an den Gouverneur seiner Heimathstadt zu richten. In diesem Schreiben erzählte Michail all das Schreckliche, was ihm in Petersburg wiederfahren war und bat den Gouverneur, ihm ein Zeugniß seines früheren politisch tadellosen Lebenswandels zu geben. Als der Gouverneur dieses Schreiben erhielt, erfüllte er sofort den Wunsch des jungen Mannes, machte auch der Familie desselben Mittheilung und sandte schließlich das Schreiben hinaus auf das Landgut zu seiner Tochter Lydia, da er wußte, wie sehr diese sich für eine solche Angelegenheit intercssiren würde. Lydia wurde durch diesen Brief in die höchste Aufregung versetzt, es war ihr keinen Augenblick zweifelhaft, daß das Ganze nur eine Machination von Iwan Alexandrowitsch, dem Czarengünstling war. Jetzt bot sich ihr vielleicht eine Gelegenheit, sich an dem verhaßten Manne zu rächen. Mit inniger Zuneigung gedachte sie des jungen Fürsten, der ihr vor wenigen Tagen erst seine heiße Liebe gestanden hatte. Den künftigen Bräutigam sich aus dem Kerker zu befreien, ihn durch ihr Dazwischentreten vor Tod und Schmach zu retten, ihm gleichsam ein himmlischer Engel zu werden, der ihn aus dem höllischen Brande siegreich hervorführte, das kitzelte die Phantasie Lydias, das war ein Werk wie ihr abenteuerlicher, jugendlicher Sinn es sich nicht entzückender auszudenken vermochte. Im Ausmalen dieser Pläne vergegenwärtigte sie sich den Fürsten Michail, und fing an, ihren Schützling immer lieber zu gewinnen. Den verhaßten Beleidiger stürzen, den Geliebten aus dem Kerker zu befreien. das war in der That in hohem Grade romantisch, das war ein Erlebniß, wie es Lydia in den besten Romanen, die sie gelesen, kaum geschildert fand. Sie fühlte sich, wie eine Gottesgleiche Heldin, wie seine sagenhafte Walküre und sofort stand der Entschluß bei ihr fest, Nichts unversucht zu lassen um eine Rolle in diesem prächtigen Romane zu spielen. Sie begab sich sogleich zu ihrem Vater in die Stadt, gestand ihm, daß es nur ein unbegreiflicher Jrrthum ihrer Seele gewesen sei, wenn sie jemals vermeint habe, den Iwan Alexandrowitsch Oststone zu lieben; sie sei sich jetzt völlig darüber klar geworden, daß ihr Herz von jeher nur dem Fürsten Michail gehört habe, daß sie niemals einem andern Mann angehörcn könne als diesem. Der Gouverneur war hocherfreut seine Tochter so schnell über den Verlust Iwans getröstet zu finden, und er war auch so sehr bekannt mit den russischen Verhältnissen, daß er die Ueberzeugung hatte, die Angelegenheit konnte nicht sehr schlimm stehen, wenn man Michail erlaubte, Briefe zu schreiben. Die Schwärmerin, seine geliebte Tochter begann nach und nach den Sinn des alten Gouverneurs zu erweichen und er gab seine Erlaubniß dazu, daß Lydia jeden Schritt zur Befreiung Michails thun dürfe, der nicht gesetzwidrig sei und weder ihr noch dem Gouverneur selbst irgend welche Gefahr brächte. So beschloß denn Lydia nach Petersburg zu reisen, um eine Audienz bei dem Kaiser zu erbitten, sich diesem zu Füßen zu werfen und ihn zur Befreiung des Fürsten anzuflehen. Der Gouverneur schrieb in diesem Sinne einen vertraulichen Brief an den Geheimrath Bluwo und fragte um dessen Rath an; der Geheimrath antwortete sofort, daß er einen solchen Fußfall der Tochter eines durchaus zuverlässigen Mannes hier sehr günstig für Michail halte, doch, fügte er hinzu, es sei der richtige Zeitpunkt zum Handeln noch nicht gekommen. Die junge Dame möge sich bereit halten, auf eine Depesche des Geheimraths nach Petersburg zu kommen, um ihr Vorhaben auszuführen. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß der Gouverneur den Rath des Polizeichefs befolgte, ja er beschloß sogar seine Tochter persönlich nach Petersburg zu begleiten. In fieberhafter Ungeduld und Spannung wartete Lydia auf das Telegramm, daß sie vor ihren Kaiser fordern sollte. Während dieser Zeit ließ der Geheimrath keinen Augenblick unbenutzt, um sein Entdeckungswerk zu fördern. War es ihm bei den als Verschwörer Gefangenen nur theilweise gelungen, so setzte er desto größere Hoffnungen aus die Angestellten der kaiserlichen Fabrik, aus der jene Dynamitpatronen gestohlen worden waren. Der geriebene Beamte wußte, daß.' ein Vernehmen und Verhören irgend-