Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 40 (19.5.1892)
- Date
- 1892-05-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448257--34196-2482123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXliJ. Jahrgang. Imeite Beilage zu M 40 öcs „Israelit^. Zeitungsnachrichten und Correfponderrzen. Deutschland. Aus Langsdorf (Hessen) wird dem „Lauterbacher Beobachter" geschrieben: Vor einigen Tagen fand hier der erste diesjährige antisemitische Markt statt. Wir haben bereits in den Blättern der antisemitischen Partei Berichte über den großartigen Erfolg gelesen, den diese Partei mit den sogenannten judenreinen Märkten und speciell mit dem Langsdorfer Markt erzielt haben will. In Wirklichkeit waren recht wenig Rindviehstücke aufgctrieben, und von den wenigen wurden die meisten nur zur Schau hingestellt und alsbald wieder zurück in den heimathlichen Stall geführt. Hauptsächlich von Auswärts waren Thiere recht geringer Qualität zugeführt, niemals gereinigte, vielfach gepeinigte Geschöpfe, denen man allerdings auf 100 Schritt Entfernung ansieht, daß der Besitzer ein echter Antisemit ist. Von Handel und Wandel war wenig zu sehen, da die anregende Thätigkeit der Handelsjuden fehlte; die Juden übertreffen unzweifelhaft den Kleinbauern in der Werthschätznng des Viehes, mußten hier aber die Rollen müßiger Zuschauer spielen. Richtige Bauern, Leute, die stolz sind, sich Bauern nennen zu hören, sieht man am Markt recht wenig; dagegen gewesene Bauern, Handwerker, Verwalter, Gutspächter, denen der nöthige Fleiß oder das nöthige Kleingeld fehlt, massenhaft. Was treiben nun diese Marktbesucherd Markt ist eigentlich keiner, da fast kein Vieh und kein Begehr nach dem, was vorhanden, da ist. Es wird also Bier getrunken,* über die Juden geschimpft, es werden Eigarren geraucht, die der jüdische Reisende mit Erfolg zu liefern sich bemühte. Den zahlreich anwesenden Juden natürlich wird leise versichert: Ihr seid nicht gemeint; wir glauben ja den ganzen Humbug selbst nicht; man muß aber so mitmachen, sonst kommt man in den „Reichsherold". Hin und wieder wird auch eine Kuh bei einem Juden bestellt mit der Versicherung, daß er gerade wie im vorigen Jahr sein Geld sicher im Herbst bekäme. Mittlerweile ist es Mittag geworden, der Ruf erschallt: „auf zur Bahn, ewe komme se hurrah!!!, und mit großem Spektakel geht es zur Eisenbahn, um die Spitzen, die Oberantisemiten, abzuholen. Und richtig, da steigt, von einigen Studenten begleitet, welche den Tag durch ihre Anwesenheit verherrlichen wollen, der ganze Antisemiten-Generalstab aus der Bahn. Begrüßung mit treu deutschem Gruß und hinein in die Hochburg der Antisemiten begiebt sich der Menschenhaufen. Zunächst zur Besichtigung des Viehes. Eine Bnbenschaar benützt die Gelegenheit, um das Lied „Brüder reicht die Hand zum Bunde" und ähnliche patriotische Gesänge recht kräftig zu singen. Nach Beendigung des Gesanges ergreift der zukünftige Abgeordnete „aller Hammel- und Lamm-Schäfer" das Wort und ruft aus: den von uns heiß bekämpften landwirthschaftlichen Vereinen Hessens ist es bisher nicht gelungen, eine Viehrasse zu züchten, welche allen Ansprüchen der treu deutschen Antisemiten entspricht, auf, ihr Brüder, laßt uns die noch da stehenden Thiere aufkaufen und aus denselben die lang ersehnte unübertreffliche Rindrasse erziehen. Ich erkenne die anwesenden Thiere als die edelsten ihres Stammes und lege der neugegründeten Viehrasse den Namen „Antisemitische Volksrindviehrasse" bei. — Allgemeine Zustimmung. — Hoch! hurrah!! — Die Sache ist gemacht, wir haben in Deutschland eine Rindviehrasse mehr. Der nun weiter ziehende Menschenknäuel verläuft sich in die verschiedenen Wirthschaften, wo nach der nöthigen Stärkung die nunmehr angekommenen Redner ihre Vorträge beginnen. Gerade wie der „wahre Jakob" seligen Andenkens früher auf den Märkten seine Waare anpries, so wird jetzt hier geschrieen: „Heran ihr deutschen Brüder, lieben Freunde, theure Genossen, nur heran, nur eine Mark kostet der Beitrag im Jahr." Trotz allem ist der Andrang nicht sehr stark, die lieben Marken bilden das Hinderniß. So vergeht schnell der Nachmittag und gegen Abend werden die Fremden wieder mit demselben Hurrah zur Bahn begleitet. — Anzunehmen wäre nun wohl, daß diese antisemitischen Märkte auch rein von Uebervortheilungen sind, gerade so, wie dieselben rein von Juden sein sollen; da hört man aber von früheren Märkten der Umgegend her, daß die Käufer gewöhnlich gleich beim ersten Kauf auf so einem judenreinen Markte dermaßen über die Löffel barbiert werden, daß es ihnen nicht einfällt, wieder zu kommen. — Es sind sogar Fälle zu verzeichnen, wo die gekauften und verkauften antisemitischen Kühe noch im Eigenthum eines Juden standen, und beinahe zweimal bezahlt werden mußten. Der Käufer ist geheilt und kommt nicht wieder, und wenn er noch sechsmal in den „Reichsherold" kommt. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien. Am Tage nach der Explosion in der Rue de Clichy in Paris wurden mehrere Ausländer aus der französischen Hauptstadt wegen des Verdachts, daß sie Anarchisten seien, ausgewiesen. Un-