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Der Israelit · 1892-05-16 · Heft 39 (16.5.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 39 (16.5.1892)
Date
1892-05-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXU1. Jahrgang. Beilage ju M 39 des „Israelit^. Leitender Artikel. Zur Colonisirung russischer Judeil in Argentinien. Von Herrn Prof. Dr. Wilhelm Loewenthal, dem seitherigen Leiter des Hirsch'schen Colonlsationswerks in Argentinien erhalten wir soeben die folgende Zuschrift: Ich erhalte immer noch so viele Anfragen von russischen Inden betreffend Auswanderung nach Argentinien, daß ich nicht mehr im Stande bin, sie einzeln zu beantworten. Ich bitte deßhalb die Presse, welche dem philantropischen Colonisationswerke freundlich gesinnt ist, die nachstehenden Zeilen gefl. in den einschlägigen Kreisen verbreiten zu wollen. Die Rathsuchenden zerfallen der Hauptsache nach in drei Kategorien: 1) Mittellose, 2) Bemittelte, 3) Industrielle. 1) Den gänzlich Mittellosen kann ich nur den dringenden Rath geben, ruhig zu warten, bis das von Baron Hirsch begonnene Colonisationswerk so weit gediehen sein wird, um sie aufzunehmen. Bis dahin mögen sie sich von keinerlei Gerüchten dazu verführen lassen, etwa auf eigene Faust nach Argentinien zu gehen, in der trügerischen Hoffnung, dann schon untergebracht zu werden: sie bringen dadurch nur sich selbst in's Unglück und gefährden das große Werk, das ohne dies schon genug Schwierigkeiten zu bekämpfen hat. 2) Den Bemittelten, welche also ganz oder fast ganz ohne fremde Unterstützung sich ansiebeln können und wollen, rathe ich, sich vor allem zu größeren Co operativ-Gruppen zusammenzuschließen. Diese Gruppen müssen mindestens 30 Familien, können aber bis zu 100 umfassen; eine Gruppe von 30 Familien muß zur Ansiedelung mindestens über 150,000 Frcs. Capital, 60 arbettsgewohnte Erwachsene und 6 praktische Ackerbauer verfügen, — größere Gruppen über in demselben Vcrhältntß mehr. Ist die Gruppe gebildet, dann wählt und entsendet sie zwei Bevollmächtigte, mit denen auf Grund genauer und wahrheitsgetreuer Angaben über Alles, bisherige Beschäftigung :c. sämmtlicher Gruppenmitglieder, alles Weitere (Ort, Zeit und Art der Ansiedelung) persönlich vereinbart werden könnte, — so zwar, daß Alles in Europa geordnet ist, bevor die Ansiedler ihre Heimath verlassen. Derart würden die großen Unzukömmlichkeiten vermieden werden, welchen die einzeln auswandernden Familien jetzt ausgesetzt sind, auch wenn sie über genügende Mittel verfügen; die meisten dieser Famlien, welche jetzt auf gut Glück einzeln hinübergehen, setzen ihre Mittel während des planlosen Herumsuchens in dem großen und ihnen ganz unbekannten Lande zu, oder fallen gewissenlosen Ausbeutern zum Opfer, welche oft genug gerade unter der Maske „jüdischer Philantropie" ihr gewinnreiches Geschäft betreiben, in Buenos Aires sowohl wie im Innern Argentinens. 3) Industrielle und Fabrikanten können in Argentinien (wie in allen neuen Ländern) nur dann auf Erfolg rechnen, wenn sie über genügende Mittel und gute Fachkenntnisse verfügen, — und auch dann nur unter Beachtung spezieller Factoren, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. Generell ist vor allem hierbei zu beachten, daß augenblicklich — und wohl noch für Jahre hinaus — für andere als unumgänglich notwendige Bedarfsartikel kein Absatz vorhanden ist, da in den Städten eher Roth als Ueberfluß herrscht und der Landbewohner sich seine sehr geringen Bedürfnisse meist selbst herstellt; daß die Kohle aus Europa etngcführt werden muß, also sehr theuer ist; daß der Transport von Maschinen in's Innere, wie der der Produkte vom Innern an die Hafenplätze, durch außerordentlich hohe Eisenbahnfrächten sehr verteuert wird. Vorläufig können also nur ländliche Jndustrieen auf Gedeihen rechnen, wie Mühlen, Gerbereien, Wollwäschereien, Seife- und Licht-Fabriken, Molkereien, Käsereien u. dgl. nt.; und auch diese nur, wie gesagt, bei Vorhandensein wirklich ausreichender Mittel, tüchtiger Fachkenntnisse und bei richtiger Auswahl des Mederlaffungsortes. Villers-sur-Mer (Calvados, $rönfr.), 12. Mai 1892. Prof. Dr. Wilh. Löwenthal. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 15. Mai. Wer sich über die Frage unterrichten will, was der Antisemitismus ist, dem gibt ein bei F. W. B aade, Berlin 81V. erscheinendes antisemitisches Flugblatt eine äußerst weise Auskunft. Es heißt darin n. A. am Schluffe: „Und was ist hiernach wohl der Antisemitismus, deutscher Michel?! Der Antisemitismus ist nur die Auflehnung, der Kampf der christlichen Nichtjuden gegen die talmudischen Semiten, des Evangeliums gegen den Talmud, der Wahrheit gegen die Lüge! Er ist gerade wegen der Schmähungen der. Juden und Juden'Knechte — die edelste, hu-

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